Kapitel 1: Regen ist wie Blut

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Allein läuft er durch die dunklen Gassen. Immer wieder schaut er sich dabei hektisch um. Nichts ist so wie sonst wenn er in dieser Gegend unterwegs ist. Auf einmal hört er einen Knall. Er wird schneller. Der Regen prasselt auf die unbefahrene Straße als wolle er den Asphalt aufsprengen. Er muss es schaffen. Da, das Schild. Er bleibt still in einer nebenliegenden Gasse stehen, schaut einmal ob die Luft rein ist und packt ein kleines Päckchen aus der Tasche. An dem Paket hängt ein Zettel. 'Vitali' ist in einer hingekritzelten Schrift zu erkennen. Wieder der Knall. Er legt das Paket auf den Boden, dreht sich um und läuft zurück. Weg vom Schild, weg vom Paket, raus der Dunkelheit der Gasse. Jetzt ist es geschafft. Aber wieder der Knall. Er schaut sich um. Völlig durchnässt läuft er jetzt durch eine gutbeleuchtete Siedlung. Der Regen hat bereits seine Jacke durchnässt. Das Wasser läuft auf seiner Wange entlang. Wie Blut fühlt es sich an. Als er versucht sich sein Gesicht mit der Hand zu trocken muss er feststellen, dass er es nur noch schlimmer macht. Das Wasser fließt von ihm. Nach kurzer Zeit erreicht er eine Bushaltestelle. Er stellt sich unter das Vordach und hofft, dass der Regen bald aufhören würde. Plötzlich hört er Stimmen.

"Er sollte diese Nacht hier sein", sagt eine tiefe Stimme in einem verzweifelt aber trotzdem dominanten Ton.

"Du weißt, er kann überall sein", antwortet daraufhin eine etwas ruhigere, aber dennoch verärgerte Stimme.

Er weiß wen sie suchen. Sein Puls erlangt noch einmal einen Höhepunkt. Mucksmäuschenstill steht er jetzt an der Bushaltestelle, sein Blick verzweifelt suchend nach einem zweiten Ausgang um aus dem kleinen Unterstellplatz der Haltestelle zu kommen, ohne dabei in die offenen Arme der Stimmen zu laufen. Wäre Cem da, wäre das alles nicht passiert. Da, wieder der Knall. Jetzt werden die Stimmen lauter.

"Er muss hier sein", ruft die tiefe Stimme.

"Ganz in der Nähe."

Er kann förmlich die Schritte der Personen hören. Auf einmal, Motorengeräusche. Ein Bus kommt angefahren. Der Bus bleibt stehen. Er nutzt seine Chance, steigt ein und fährt los. Rettung in letzter Sekunde.
Völlig durchnässt sitzt er nun im Bus, ohne das Päckchen und ohne eine Plan wie es jetzt weiter gehen sollte. Er muss aufhören. Er hätte nie damit anfangen sollen. Viel zu gefährlich hatten sie gesagt. Viel zu viele falsche Leute hatten sie erzählt. Diese und viele andere Gedanken schwirren ihm nun durch den Knopf. Ein letztes mal lässt ihn das Hören eines erneuten Knall aufzucken. Er hätte hier nicht herkommen sollen. Vielleicht klappt es ja, dachte er. Der Bus bleibt erneut an einer Bushaltestelle stehen. Ein älterer Herr steigt ein. In der einen Hand ein Sack mit Pfandflaschen haltend, in der anderen ein Gehstock. So hätte er nicht enden wollen meinte er immer. Lieber sterbe ich, hatte er immer gesagt. Tod. Immer wieder kann er sich knapp davor bewahren. Als wäre es sein Schicksal weiter zu leben. Mit diesen Gedanken kommt er an seinen Zielort an. Immer noch komplett nass steigt er nun aus dem Bus aus. Die kurze Busfahrt hatte nicht wirklich gereicht um sich aufzuwärmen. Aber darum ging's ja nicht. Er hatte wieder einmal überlebt. Mit unterwasserstehenden Füßen kommt er nun vor seiner Wohnung an. Der Fahrstuhl ist wieder mal kaputt. Er muss die Treppe nehmen. Schon völlig kaputt erklimmt er noch die Stufen zu seinem Eingang. Währenddessen prüft er auf dem Handy seine Nachrichten. Eine neue Nummer hat ihn angeschrieben, schon wieder. Schließlich holt er aus seiner Tasche seinen Wohnungsschlüssel. Instinktiv will er nach dem Türgriff greifen ohne dabei wirklich die Tür anzuschauen. Er tastet ins Leere. Jetzt hebt er seinen Kopf.
Die Tür steht sperrangelweit offen.

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⏰ Última actualización: Jan 05, 2019 ⏰

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