Die Trennung

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Die Distanz zwischen uns tat mir fast physisch weh. Es war wirklich nicht viel - vielleicht zwanzig, dreißig Zentimeter auf der ohnehin nicht sehr breiten Bank -, und doch verfluchte ich innerlich jeden einzelnen davon. Was noch mehr schmerzte, war, nicht einfach zu ihm rüber rutschen und mich an seine Brust schmiegen zu können. Nicht seine warmen Hände zu spüren, die sich um mich legten und mir das Gefühl gaben, die ganze Welt wäre in Ordnung, solange nur er und ich zusammen waren.
So vieles hatte sich verändert. Und obwohl ich es mir mit jeder Faser meines Herzens wünschte, ich konnte diese paar Zentimeter Abstand einfach nicht überwinden.
Ihm schien es ähnlich zu gehen. Mit gequältem Blick starrte er auf die Wasseroberfläche des Kanals vor uns. Der Wind peitschte das Wasser immer und immer wieder an den Betonwänden hoch. Auch ich konnte meinen Blick nicht davon abwenden. Von dem Wasser, von den Schiffen, die von Zeit zu Zeit vorüberfuhren, von den sich im Wind wiegenden Bäumen und Sträuchern. All das war leichter, als ihm in die schmerzerfüllten Augen zu gucken. Ohne ihn ansehen zu müssen, bemerkte ich trotzdem, dass er genauso litt wie ich. Ich wusste es einfach. Ich kannte ihn.
„Ich weiß einfach nicht, was ich jetzt tun soll. Ich weiß es wirklich nicht. Und, glaub mir, ich habe Nacht für Nacht wach gelegen und nicht einschlafen können, weil ich so dringend nach einer Lösung gesucht habe." Seine Stimme klang so verzweifelt wie ich mich fühlte. Die Sehnsucht, die darin unterschwellig mitschwang, versetzte mir messerscharfe Stiche ins Herz. Meine Unterlippe begann zu zittern. Meine Sicht wurde für einen kurzen Augenblick unscharf, doch ich blinzelte die Tränen weg. Ich wusste genau, was er damit meinte. Mir war es genauso ergangen. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Für den Bruchteil einer Sekunde erlaubte ich mir, ihn anzusehen. Seine warmen braunen Augen verweilten noch immer auf mir. Ich hatte mich so oft in ihnen verloren, ihre Tiefe ergründet, mich in ihrer Zuneigung gesonnt. Es brach mir das Herz, sie jetzt so gebrochen und ohne ihr typisches Leuchten zu sehen. Hastig wandte ich mich wieder dem Wasser zu, unfähig, dem intensiven Blick auch nur für eine Sekunde weiter standzuhalten ohne in Tränen auszubrechen. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals.
„Ich", begann ich, vergeblich versuchend, den Kloß herunterzuschlucken. „Ich ... weiß, was du meinst. Ich habe auch viel nachgedacht." Meine Stimme war dünn. Nicht so wie seine, die trotz allen Kummers noch stark und kräftig zu sein schien. Machte ihm das ganze Gespräch überhaupt etwas aus? Hatte er keine Gefühle mehr für mich? Wenn ja, wieso sagte er das dann nicht einfach?
„Ich wünschte, ich könnte so mit dir Schluss machen, dass ich einfach sagen könnte, ich würde dich nicht mehr lieben.", fuhr er fort. Scheu sah ich ihm erneut ins Gesicht, dieses Mal fest entschlossen, mich nicht als erstes abzuwenden. Er erwiderte meinen Blick so sanft, so liebevoll, dass ich ihm sofort alles vergeben und mich in seine Arme stürzen wollte.
„Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich will das alles hier nicht. Dieses Gespräch, was wir gerade führen. Ich will es nicht. Das einzige, was ich will, sind du und ich. Zusammen. Vereint. Niemals getrennt."
Von Kopf bis Fuß bekam ich eine Gänsehaut bei diesen Worten. Es waren womöglich die schönsten, die ich je gehört hatte. Alle meine Zweifel über seine Gefühle für mich waren wie weggeblasen. Ohne es zu wollen, zuckte ein winziges Lächeln über meine Lippen.
Der kühle Windstoß, der in ebendiesem Moment aufkam, ließ mich frösteln. Dankbar für meinen warmen Pullover, ließ ich meine durchgefrorenen Hände in die Tasche auf dem Bauch gleiten. Wie viel lieber ich sie jedoch mit seinen Händen verschränkt hätte. Allein der Gedanke an dieses Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit wärmte mich von innen. Doch er war noch immer nicht fertig mit reden.
„Aber es geht nicht. Es geht einfach nicht. So sehr ich es mir wünsche - es ist nicht machbar. Du hast neulich gesagt, es käme dir vor wie eine Fernbeziehung.", erinnerte er mich. Ich brachte nur ein stummes Nicken zustande. Meine Augen richteten sich gerade auf ein herab segelndes Blatt, bei weitem nicht das erste. Der Herbst hatte begonnen. Auch die dunklen Wolken am Himmel und das stürmische Wetter heute passten dazu. Als das Blatt unweit von meinen Füßen entfernt landete, riss ich mich zusammen und blickte auf, um nicht nur durchgängig schweigend dazusitzen.
„Wir waren zweieinhalb Monate zusammen. Und davon haben wir uns wie oft gesehen? Zwei Wochen, wenn es hochkommt?", führte ich seinen Gedanken aus und erhielt auch prompt seine Zustimmung. Es tat weh, die Vergangenheitsform zu benutzen. Er tat es schon die ganze Zeit. Ich schniefte. Er sah mich sorgenvoll an, kam aber nicht näher, obwohl es das war, was ich mir am sehnlichsten wünschte. Wie er wohl reagieren würde, wenn ich anfangen würde, zu weinen? Er würde mich in den Arm nehmen. Dessen war ich mir bewusst, darüber musste ich nicht mal groß nachdenken.
Für einen Moment herrschte Stille zwischen uns. Der Wind heulte leise in der Ferne. Zwei Fußgänger mit Hund gingen auf dem schmalen Weg am Kanal dicht an uns vorbei. Ich fragte mich, was wohl in ihren Köpfen vorging, wenn sie uns hier so sitzen sahen. Was wir jetzt gerade ausstrahlten. Ob es so offensichtlich war, dass wir uns gerade trennten? Allerdings war es nicht diese Frage, die mich schon seit ein paar Minuten quälte.
„Und ... wie soll es deiner Meinung nach weitergehen mit uns? Ich meine, willst du den Kontakt behalten, oder wie genau stellst du dir das vor?", wagte ich, die wohl alles entscheidende Frage zu stellen. Hiermit war es fast offiziell. Jetzt war das Schwierigste geklärt, nämlich wie es um uns stand ... Jetzt waren wir getrennt. Es gab kein wir mehr und würde es auch nie wieder geben. Es tat so weh, daran zu denken. Gleich würde ich in Tränen ausbrechen, ich spürte es. Schnell konzentrierte ich mich mit aller Mühe wieder auf das Hier und Jetzt. Über alles andere konnte ich mir später noch genug den Kopf zerbrechen.
Ich schloss die Augen, hatte Angst vor seiner Antwort, die noch ausstand. Zitternd atmete ich ein. Die Augen öffnete ich wieder, als er zu reden begann. Erst dann gestattete ich es mir auch, die bis dahin angehaltene Luft rauszulassen.
„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht können wir irgendwann wieder Kontakt haben, aber ich schätze, ich brauche erstmal eine Pause, etwas Abstand von dem Ganzen."
Abstand von mir, schoss es mir durch den Kopf. Verstört nickte ich, seinem Blick ausweichend. Ich hatte mit dieser Antwort gerechnet und doch verletzte es mich dermaßen, sie laut ausgesprochen zu hören. Schnell blickte ich nach links, als sich meine Augen erneut mit Tränen zu füllen begannen. Ich sah einen weiteren Fahrradfahrer auf uns zukommen, woraufhin den Blick auf den Boden senkte.
„Das Problem ist nur, dass ich dich als Person einfach total gerne mag und dich eigentlich auf keinen Fall verlieren möchte. Nur geht es eben nicht einfach so von fester Freundin zu bester Freundin. Oder auch nur zu normaler Freundin. Das braucht seine Zeit.
Aber es wird nicht so sein, als würde ich dich ignorieren, wenn ich dich, zum Beispiel in der Stadt, sehen würde."
Mittlerweile war ich wieder bereit, ihn anzusehen. Notfalls würde ich behaupten, der scharfe Wind hätte mir Tränen in die Augen getrieben. Wie glaubwürdig das war, schob ich erstmal beiseite.
„Das fände ich schön, wenn unser Kontakt nicht komplett abbrechen würde.", gab ich leise von mir und er lächelte mich traurig an. Seine Augen lächelten nicht mit. „Vergessen werde ich dich sowieso nicht."
„Ich dich auch nicht.", antwortete er nach einer längeren Pause. „Das geht auch gar nicht.", ergänzte er, leicht den Kopf schüttelnd und auf den Boden guckend.
Während ich anfangs auf alles außer ihn geachtet habe, war jetzt das Gegenteil der Fall. Der peitschende Wind, der wild mit meinen Haaren spielte, war mir egal, genau wie das stürmische Wasser und die paar Menschen, die um uns herum ihren tagtäglichen Dingen nachgingen. Sogar die Sonne, die zum ersten Mal am heutigen Tag hinter den dunklen, schweren Wolken hervorkam, konnte meine Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen. Nein. Ich spürte, dass es auf das Ende zuging und wollte so viel wie möglich von ihm in Erinnerung behalten. Ich konnte mich nicht abwenden von ihm, ganz besonders nicht von seinem Gesicht, seinen Augen. Ich blinzelte nicht einmal, so gebannt war ich von dem Jungen, den ich liebte. Die Art, wie einige seiner braunen Haarsträhnen auf seiner Stirn auflagen und er sie genervt zurückstrich. Die Art, wie er saß. Das, was er mit seinen Händen tat, während er redete. Die vielen verschieden Emotionen, die sich sowohl in seinen Augen als auch in seinem Gesicht widerspiegelten. Ich konnte ihn lesen wie ein offenes Buch. Und das gleichermaßen Schönste wie Schlimmste für mich zu wissen war, dass er jedes Wort auch so meinte wie er es sagte. Das war es, was mich am meisten zerriss. Zwei Menschen, die sich liebten, sollten nicht aufgrund von so lächerlichen Faktoren wie Zeit oder Entfernung  davon abgehalten werden, zusammen zu sein.
Entschlossen sah er mich mit einem Mal an.
„Du musst doch um halb los?", fragte er mich mit einem Blick auf die Uhr. Mein Herz begann zu rasen. War es etwa schon so weit?! Bitte nicht! Ich war noch nicht bereit ... bereit, ihn gehen zu lassen. Und doch war es an der Zeit.
„Ja. Wir sollten uns auf den Weg machen.", stimmte ich dennoch zu. Mein ganzer Körper sträubte sich dagegen, als ich aufstand und meinen Turnbeutel schulterte. Betont langsam gingen wir den Kiesweg entlang. Ich sog jede einzelne Sekunde, die wir noch zusammen verbrachten, in mir auf wie ein Verdurstender frisches Wasser. Ich wollte nicht. Wollte noch nicht gehen. Wollte ihn nicht verlassen. Ich mied seinen Blick, sah ununterbrochen auf unsere Füße hinunter. Schritt für Schritt näherten wir uns dem Ende. Unserem Ende. Was ihm wohl gerade durch den Kopf ging?
Den ganzen Weg über redeten wir kein Wort miteinander. Es war alles gesagt worden. Es ging nur noch auf den Abschied zu. Oben auf der normalen Straße angekommen, empfingen uns die üblichen Geräusche fahrender Autos und Straßenbahnen, die alle paar Minuten vorüber rauschten. Unten am Kanal war all dies verschluckt worden, darum traf es jetzt überdeutlich auf mein Gehör. Als wir an der Stelle ankamen, an der sich unsere Wege trennen mussten, verlangsamten wir unsere Schritte bis zum Stillstand. Schweigend sahen wir uns in die Augen. Wenige Sekunden lang sagte keiner ein Wort. Dann räusperte er sich und brach damit das Schweigen.
„Also, dann ..." Er trat einen Schritt näher und umarmte mich kurz. Doch das war mir zu kurz. Ich wollte, nein, ich konnte ihn noch nicht gehen lassen. Nach dieser ersten Umarmung war ich es, die die Distanz zwischen uns überwand. Ich schlang meine Arme um ihn und als er auch die zweite Umarmung erwiderte, legte ich meinen Kopf auf seiner Brust ab und schloss die Augen. Sein Herzschlag war ruhig und gleichmäßig, bis auf einzelne Schläge, die aus dem Takt gerieten. Es war beruhigend, dem zuzuhören, ihm so nah zu sein. Den Gedanken, dass dies das allerletzte Mal sein würde, verbannte ich dabei aus meinem Kopf. Ich atmete seinen vertrauten Geruch ein. So viele Erinnerungen stiegen in mir auf. So viele schöne Erlebnisse, trotz der kurzen Zeit, die wir nur hatten.
Auf einmal fiel mir auf, dass ich erneut kurz vorm Weinen war. Und ich wusste ganz genau, dass ich es dieses Mal nicht würde zurückhalten können. Also löste ich mich widerstrebend von ihm, murmelte ein kurzes „bis dann" und wandte mich ab, bevor er auch nur die Chance hatte, meine Tränen zu sehen. Unsere Arme berührten einander das letzte Mal, striffen aneinander vorbei, und als unsere Hände nacheinander griffen, war es um mich geschehen. Ich musste hier weg. Meine Finger kribbelten an den Stellen, wo er mich kurz zuvor noch berührt hatte. Schnellen Schrittes ging ich den Weg entlang. Jeder einzelne Schritt, der mich weiter von ihm wegbrachte, schmerzte so unglaublich doll, und in mir schrie alles danach, auf direktem Weg umzukehren. Wir würden schon eine Lösung finden, mit der wir beide leben konnten. Doch mein Verstand wusste es besser: Jede Sekunde, die ich weiter zögerte, würde es für uns beide nur noch schlimmer machen. Tränen rannen über meine Wangen. Achtlos wischte ich sie mit den Händen weg, vor mich hin stolpernd, um nur ja nicht stehen zu bleiben und der Versuchung nachzukommen, ihm nachzusehen. Doch an einem Punkt hielt ich es nicht mehr aus. Ich fuhr herum und erhaschte einen letzten Blick auf ihn. Er fuhr mit dem Fahrrad in die entgegengesetzte Richtung, ohne sich noch einmal umzusehen. Verloren stand ich in der Mitte des Weges und verfolgte ihn mit meinen Blicken. Meine Wangen waren tränennass und es quollen immer mehr Tränen hervor. Mit immer verschwommener werdender Sicht sah ich ihm nach, wie er in der Ferne immer kleiner wurde und schließlich ganz verschwand. Das war letztendlich der Moment, an dem ich nicht mehr an mich halten konnte und hemmungslos zu schluchzen begann.

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⏰ Terakhir diperbarui: Oct 10, 2018 ⏰

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