Kapitel 1

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»Fuck!« hörteer sich fluchen, während sich die Lichtschranke überlegte, seinenKopf doch als Hindernis anzuerkennen und die Fahrstuhltür sichlangsam wieder öffnete. Langsam, nicht im Sinne von wirklichlangsam, vielmehr eine gefühlte Ewigkeit, nachdem er seinen Kopf nurso, um es auszuprobieren, zwischen die sich schließenden Türen desLifts gesteckt hatte.
Seltsame Dämlichkeit, ermahnte er sichsofort. Allein die zuvor witzig empfundene Idee fand er jetztabgrundtief albern und war befreiend froh niemanden, der diesenFauxpas beobachtet haben könnte, auf dem Flur, durch dieGlasscheiben der fiesen, mit Tötungsabsichten beladenen Tür desFahrstuhles, entdecken zu können.

Fast zeitgleich erwachtesie an einem anderen Ort. Wo eigentlich? Erste verschwommeneFragmente der Umgebung verschafften ihr Sicherheit. Zum Glück,zuhause, eigenes Bett, allein. Was davor war, erschien nurschemenhaft. Es fühlte sich an wie ein vertrauter Rausch, der Paktmit Teufel Alkohol, doch es mußte etwas anderes sein, nur beimbesten Willen momentan nicht greifbar.

Immer wenn ihm etwasgelungen war, packte ihn dieser kindliche Übermut, der oftglimpflich endete, ihn aber auch gewisse, völlig unnötigeUnannehmlichkeiten bescherte, die seinen Erfolg zunichte zu machendrohten. Das war ihm bewußt, aber auch die Tatsache, daß sich darannicht viel ändern würde, so sehr er sich auch darum bemühte.
Erbetrachtete sich im Spiegel des Lifts, während dieser sich schloßund nach unten fuhr. Seine Krawatte saß gerade, sein Anzug perfekt –niemand würde ihn die lange Nacht ansehen und schon gar nichtvermuten, daß er nicht in diese noble Gegend paßte. Die Loge derConcierge war noch zugezogen, womit er gerechnet hatte. In ihremHaustratsch würde er keine Rolle spielen und einem Hausbewohner warer nicht begegnet. Das war um diese Zeit auch sehr unwahrscheinlichund kam ihm entgegen. Und wenn doch, so konnte dieser ihn nur vageals einen gut gekleideten Herrn mittleren Alters beschreiben.Trotzdem erlag er fast der Versuchung ein für die Conciergeunerklärliches Zeichen seines Besuches zu hinterlassen.
Da war erwieder, sein Übermut, der ihn irgendwann mal den Kopf kostenkönnte.
Die Haustür ließ sich, wie in solchen Häusern üblich,auch zu später Stunde von innen öffnen und die Nacht empfing ihnangenehm kühl. Die Nobelkarossen vor dem Haus weckten in ihm keineBegehrlichkeiten. Sie waren für seine Zwecke zu auffällig und wenner solch einen Wagen brauchte, mietete er sich einen diskret mitChauffeur.
Die Straße war dunkel und führte am Park vorbei zurnächsten Metrostation. Dort würde er sich ein Taxi nehmen und sichin der Nähe seiner Pension absetzen lassen. Nicht unmittelbar davor.Dafür war er zu vorsichtig geworden.

Der Abend war lang, derAbend war schön und zum hundertsten Mal mußte sie sich eingestehen,daß aus ihrem Vorsatz, nicht zu viel zu trinken, wieder nichtsgeworden war. Sie trank zu viel, viel zu viel und nicht nur, wenn sieabends unterwegs war.
Der Beaujolais zum Mittagessen, der Pernoddanach waren in den letzten Jahren mehr als eine Gewohnheitgeworden.
Wo waren sie hin, die letzten Jahre? Sie waren einfachso vergangen. Ein Tag glich dem anderen. Es gab keine Höhepunktemehr, keine rauschenden Feste bei denen sie im Mittelpunkt stand, diePartys waren immer dieselben mit immer denselben Austauschgesichtern,todlangweilig wie ihr eigener Mann, der in Übersee weilte, dieGeschäfte ihrer Firma führte und sich ansonsten nur zu Weihnachten,Silvester und zu ihrem Geburtstag bei ihr sehen ließ.
Den Sprungvon einem jugendlichen, unbekümmerten Partygirl, was sich im Jet Setzu Hause wähnte, zu dem einer First-Class Dame hatte sie nichtgeschafft und auch nicht gewollt.
Geblieben waren langweiligeAbende, die sie als schön empfand, weil sie schön sein müssen undder fade Geschmack nach Nichts danach.
So, wie der gestrige Abendverlaufen wäre, wenn nicht – ja, wenn sie nicht dieseBekanntschaft gemacht hätte. Daß sie diese Begegnung so vorsichtigeinschätzte, verwunderte sie selbst etwas. Normalerweise wusste siegenau, mit wem sie sich, auf was einließ und hatte dabei die Zügelfest in der Hand.
Der Mann gestern wirkte ganz anders auf sie. Siewar verwirrt von seiner geheimnisvollen Undurchsichtigkeit, die ihraber seltsam vertraut vorkam. Seine zwar sehr geistreiche, amüsanteaber rotzfreche Art und Weise, wie er sie in ihre Schranken verwies,reizte sie einerseits bis auf das Blut, andererseits wurde sie dasGefühl nicht los, ihm blindlings vertrauen zu können. Das warkeiner dieser Schmeichler und Geschichtenerzähler. Das war ein Mann,der wußte, was er wollte und wie er es erreichen konnte.
Sieertappte sich dabei, sich ein Bild von ihm zu schaffen, welches ausreinem Wunschdenken bestand und mit der Realität vielleicht nichtstandhalten konnte. Wie ein Traum, der so wenig greifbar, wie einRausch war.
Um sich über sich selbst und ihre momentaneVerfassung klarer zu werden, beschloß sie, den Tag mit einemdoppelten Pernod zu beginnen.

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