Glas für Glas spülte und trocknete ich ab, während ich Jamies Monolog lauschte. Er hatte wieder Stress mit einem seiner Lieferanten und lies seinen Ärger nun an mir aus.
Mit einem Stirnrunzeln bedachte ich die Geschirrspülmaschine mit einem sehnsüchtigen Blick. Sie war gestern kaputt gegangen und Jamie hatte noch keinen Techniker herbestellen können.
Ich kannte Jamie schon eine Ewigkeit.
Ich wusste eigentlich gar nicht mehr genau wann ich ihn kennengelernt hatte. Aber ich wusste, dass ich ihn bei einer von May's Partys getroffen hatte. Mit ihren begnadeten Überredungskünsten, hatte sie es geschafft, ihn für die Getränke einzuspannen. Und da ich nie weit weg von den Getränken bin, kamen wir schnell ins Gespräch.
Er war der Besitzer einer gemütlichen Bar, die sich direkt gegenüber des Cafés befand.
Montags bis Donnerstags arbeitete ich hier und half manchmal am Wochenende aus, wenn ich Zeit fand.
"Und dann ist der Idiot auch noch so dreist und berechnet mir das Doppelte für den Gin." regte sich Jamie auf und fuchtelte mit einem Handtuch in der Hand in der Luft herum.
Ich stellte ein Glas auf der Ablage neben der Spüle ab und blies mir die Locken aus dem Gesicht. "Du bist aber auch nicht gerade nett zu ihm. Andauernd kriegt ihr euch in die Haare, such dir doch einfach einen neuen Lieferanten." entgegnete ich.
Mit einem Schnauben wendete Jamie sich ab und ich musste schmunzeln.
Er war ein kleiner Hitzkopf und lies sich nur ungern belehren.
"Hast du dir schon überlegt, ob du am Samstag Zeit hast? Ted muss auf irgendeine Hochzeit, ich hab ihn schon gefragt." murmelte er nach einigen Minuten stille.
Eigentlich wollte ich am Wochenende meine ganzes altes Zeug aussortieren, ich hatte wirklich Unmengen alter zerlesener Bücher und noch einige Schallplatten, obwohl diese mittlerweile nur noch schwer zu bekommen waren.
"Weißt du, ich muss meinen alten Kram wegbringen und ein bisschen was für die Uni machen... meinst du nicht du findest jemand anderen?"
Jamie fuhr sich durch die dunkelbraunen Haare und sah mich bittend an: "Teddy hat keine Zeit und alleine schaff ich das nicht, da wird die Hölle los sein. Komm schon, ich helfe dir Sonntag auch. Versprochen!"
Ich wusste, dass ich es bereuen würde und am Montag wie eine Leiche in den Vorlesungen sitzen würde. Allerdings hatte ich das Geld echt nötig und Samstag gab es immer gutes Trinkgeld.
Widerwillig nickte ich, worauf Jamie auf mich zu kam und mich in seine Arme schloss.
Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, da er gute 1.90 m groß war und ich in seinen Armen komplett verschwand.
Als er sich von mir löste, strich ich mir verlegen eine meiner dunklen Locken hinters Ohr. „Danke Beth, du bist ein Schatz!" freute sich Jamie und wendete sich wieder den Flaschen zu, die er gerade in den Kühlschrank einsortierte.
Es war halb 6 und die Bar war noch leer. Um die Uhrzeit war nie besonders viel los, aber spätestens in einer Stunde würden wir alle Hände voll zu tun haben.
Ich hatte jetzt schon keine Lust darauf.
Jamie verschwand irgendwann ins Hinterzimmer der Bar um ein bisschen Papierkram zu erledigen, während ich alles für den Abend vorbereitete.
Um 6:20 Uhr kamen die ersten Gäste und das Lokal füllte sich langsam.
Anzugträger, die aus dem Büro kamen und zusammen mit dem ersten Scotch die Krawatte lockerten.
Studenten, die nach dem Lernen noch etwas mit Freunden entspannen wollten.
Und die typischen Stammgäste, die sich hier immer trafen. Unter ihnen waren Leute, die in der Straße wohnten, und eine Gruppe Jungs, welche sich immer an einem Tisch in der Ecke niederließ.
Mit einem Tablett Cocktails auf einer Hand balancierend drängte ich mich zwischen herumstehenden Leuten hindurch und steuerte auf einen Tisch voll Mädels zu, wo ich die Cocktails ablud.
Ich hielt weder viel von den Cocktails, noch von den Mädels.
Die Cocktails waren typische Mädchengetränke, die kaum Alkohol, aber mäßig Zucker und Dekoration hatten. Ich bevorzugte guten Wein oder einfaches Bier. Manchmal auch etwas hochprozentiges.
Die Mädels am Tisch waren auch nicht mein Geschmack.
Nicht eine von ihnen hatte keinen riesigen Ausschnitt und den Teil des Gesprächs, welchen ich beim Servieren aufgeschnappt hatte, drehte sich um die anwesenden Jungs.
Die Augek verdrehend steuerte ich auf den Ecktisch der Jungs zu und zückte den Block um die Bestellung aufzunehmen.
„Bier? Wie immer?" fragte ich in die Runde, woraufhin ich bestätigendes Nicken bekam und ein Zwinkern.
Das Zwinkern stammte von Cal, einem breit gebauten Charmeur, der regelmäßig leicht zu habende Weiber aus der Bar mit nach Hause nahm.
Cal ignorierend wendete ich mich zum Gehen, als einer von ihnen das Wort ergriff: „Beth, bring heute 6 Bier, ein Kumpel schaut noch vorbei."
„Wird gemacht." entgegnete ich und verschwand wieder hinter den Tresen.
Während ich die Gläser füllte, lauschte ich den Gesprächen der Gäste.
Ich schnappte einige Lästereien über Arbeitskollegen auf und schüttelte den Kopf über die Oberflächlichkeit der Leute.
Ich wischte mir die Hände an der dunklen Schürze ab, die ich mir um die Taille gebunden hatte, und lud das Bier auf das Tablett.
Auf dem Weg zurück zu der Jungsrunde schenkte mir Jamie im Vorbeigehen ein Lächeln und ich grinste zurück. Er war wirklich ein Komplettpaket. Er sah gut aus, war lustig und zuverlässig. Seine Freundin Mel konnte sich glücklich schätzen.
Noch in Gedanken stellte ich das Tablett ab und verteilte die Gläser auf dem Tisch.
Bei einem stockte ich jedoch.
Der 6. in der Runde war der Junge aus dem Café.
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Restless
RomanceManchmal passieren Dinge einfach, wie sie passieren sollen. Manchmal dauert es aber auch verdammt lange bis man am Ziel ist.
