Chapter 1

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Mein Tee war längst kalt und doch saß ich immer noch hier und schlug die Zeit tot. Kaffee war mir zuwider, also trank ich schwarzen Tee zu dem trockenen Stück Apfelkuchen, welches mir die etwas ältere Bedienung vorgesetzt hatte. Wenn sie denn wenigstens freundlich gewesen wäre.
Vorsichtig lugte ich hinter meinem Buch hervor und warf einen erneuten Blick auf die rundlichere Dame, die gerade mit einem unzufriedenen Blick die Tische abwischte.
Wenn sie alles hasste, warum arbeitete sie dann hier?
Irgendwie fühlte ich mich hier nicht wohl. Dabei hatte dieses Café gar keinen schlechten Ruf.
Meine Freundin May hatte es mir mal empfohlen. Sie traf sich hier wöchentlich mit ihrem Buchclub.
Ich würde wohl nie verstehen warum man sich sowas antat.
Nicht, dass ich nicht gerne lesen würde, allerdings schreckte mich der Gedanke ab, meine Empfindungen über ein Buch mit anderen zu teilen. Generell bin ich etwas introvertiert und ziehe mich lieber zurück, als mich mit anderen zu treffen.
Ich seufzte und warf einen Blick auf die Uhr. 17:56.
Ich wusste nicht, ob er überhaupt kam. Woher er kam. Arbeitete er? Oder besuchte er jemanden?
Gelangweilt knetete ich meine Finger und kratzte mir eine Ecke von dem hell beugen Nagellack ab. Eine schreckliche Angewohnheit meinerseits. Erst verbrachte ich eine Ewigkeit damit meine Nägel zu lackieren und dann war die Farbe spätestens nach 3 Tagen wieder ab.
Das Buch, das ich mitgebracht hatte, hatte ich schon längst weggelegt.
Es war eh nicht sonderlich gut gewesen. Wieder nur eine Geschichte über das Liebesleben einer gescheiterten Existenz. So wie jeder dritte Roman, den ich in die Finger bekam.
Das Klingeln der kleinen Messingglöckchen, die über der Tür des Cafés befestigt waren, ließ meinen Blick hochschrecken. Direkt in seine Augen.
Er drehte seinen Rücken zu mir, als er die Tür schloss und schritt danach an meinem Platz in der Ecke vorbei Richtung Tresen.
Er würde einen Kaffee bestellen. Das wusste ich. Ich sah ihn schließlich fast jeden Tag.
Verlegen strich ich mir eine Locke aus der Stirn und senkte den Blick. Ich wollte nicht, dass er mitbekam, dass ich ihn mehr beachtete als ich sollte.
Nach einigen Sekunden, in denen ich nervös in meinem Tee herum rührte, kam die unfreundliche Bedienung um seine Bestellung aufzunehmen.
Dachte ich jedenfalls.
Doch sie kam wortlos mit einem Becher Kaffee und einer braunen Papiertüte. Offensichtlich war er wirklich jeden Tag hier.
Dankend nickte er ihr zu und schob ihr, nachdem er nach Geld in seiner Hosentasche gekramt hatte, einige Scheine zu.
Er war im Begriff zu gehen und lief auf die Tür zu, als die Bedienung in meine Richtung rief, ob ich nicht endlich zahlen wollte.
Sein Kopf drehte sich flüchtig zu mir und sein Blick traf meinen.
Erschrocken hielt ich den Atem an und riss die Augen auf. Ich muss wahrscheinlich ziemlich zurückgeblieben ausgesehen haben. "Ja oder Nein?" krähte es nochmal in meine Richtung und ich schloss die Augen. Hastig nickte ich und griff nach meinem Portemonnaie.
Als ich mich wieder zur Tür drehte, sah ich nur noch wie die kleinen Glöckchen fröhlich vor sich hin bimmelten. Von ihm keine Spur.

Restless Where stories live. Discover now