Kapitel 1

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Es sind sechs Frauen, die am Nebentisch lauthals lachen und scherzen. Ich glaube deutsche Wörter zu hören. Touristinnen, vielleicht sogar Fans. Schließlich beginnen wir in zwei Tagen unsere Tour mit dem inzwischen traditionellen Auftaktkonzert in der Jäähalli. Da finden sich immer auch deutsche Fans in Helsinki ein.

Ich muss wieder rüber schauen, obwohl es mich normalerweise nervt, wenn Fans uns selbst in unserer Heimat nachsteigen. Und es nervt mich auch, wenn Frauen betrunken sind. Dem Gelächter und der Anzahl Lonkero-Flaschen auf ihrem Tisch nach zu urteilen, haben diese sechs Frauen eindeutig einen sitzen. Ich verdrehe die Augen und schüttle unbewusst sogar den Kopf. Hoffentlich kommen sie nicht noch auf die Idee, mich anzuquatschen, nach Fotos und Autogrammen zu fragen.

Ich muss schon wieder zu ihnen rüber schauen, denn eine von ihnen ist doch total süß. Zum einen weil sie im Vergleich mit den anderen absolut meinen Geschmack trifft was Haarfarbe, Figur und Kleidungsstil betrifft. Und zum anderen weil sie anscheinend nicht so dem Alkohol zugetan ist wie die anderen. Ich würde nach längerem Hinsehen sogar behaupten, dass sie nicht nur süß sondern auch sexy ist.

„Wenn die Mädels jetzt doch keine Fans sind?" denke ich bei mir. Es könnte eine Yogagruppe sein, die für einen Wochenend-Trip zufällig Helsinki ausgesucht hat und im nächsten Jahr Rom oder Paris unsicher macht. Sie könnten gar nicht auf unser Konzert gehen wollen. Aber was mich in diesem Moment am härtesten trifft, sie könnten alle verheiratet sein. Warum macht mich der Gedanke so fertig? Eigentlich könnten diese sechs angetrunkenen Frauen mir sowas von egal sein.

Wenn sie nicht wäre. Ihr Lächeln ist so bezaubernd, die langen blonden Haare einseitig hinters Ohr geschoben, leichte Bräune auf der Haut, nur die Augen mit Eyeliner und Mascara geschminkt. Ich bin mir sicher, dass niemand sie als besonders herausstechend beurteilen würde, aber mich hat sie voll erreicht. Jetzt starre ich schon wieder rüber.

„Wenn das hier die einzige Chance ist, mit ihr ins Gespräch zu kommen?" ist mein nächster Gedanke. Nervös fahre ich mir durch die Haare. Also muss ich den Spieß eben umdrehen. Ich stehe auf und bewege mich in Richtung ihres Tisches, ohne überlegt zu haben, was ich eigentlich sagen will. Ich bin bekanntlich nicht auf den Mund gefallen, doch in diesem Moment fällt mir nichts ein.

Mein Glück verlässt mich nicht. Als ich mit drei unsicheren Schritten an ihren Tisch trete, schauen alle sechs auf und reißen ihre Augen und Münder auf. „Aarne!", schreit eine schon fast. Okay, vorstellen brauch ich mich nicht mehr. Ich frage, ob sie Samstag auf unser Konzert kommen und bekomme die Antwort fast einstimmig mit heftigem Kopfnicken. Um ihren Namen herauszufinden, frage ich: „Ihr kennt alle meinen Namen. Aber wie heißt ihr denn?" „Patti", „Nicki", „Biggi", „Clara", „Sandi" und „Moni" sind die Antworten. Ich kann mir unmöglich alle merken. Aber der eine brennt sich auf der Stelle in mein Gedächtnis. „Moni" wispere ich zu mir selbst.

So ein verrückter Haufen. Sie sind tatsächlich Fans und nennen sich „Crazy Angels". Nur um die besondere Atmosphäre des Auftaktkonzerts mitzuerleben sind sie für einige Tage in die Hauptstadt Finnlands gereist. Die Tage verbringen sie mit Sightseeing, lustigen Fotoshootings und Treffen mit finnischen Bekannten.

Ich bilde mir ein, dass Moni mein Lächeln ein- bis zweimal erwidert hat. Insgesamt ist sie nicht so laut und aufdringlich wie manch andere aus dieser Gruppe. Deshalb konnte ich auch nicht sehr viel über sie erfahren. Nur die Information über ihren Familienstand ist sehr beruhigend und ermutigend zugleich. Sie hat sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt und lebt jetzt mit ihren beiden Kindern allein.

Kinder. Damit hatte ich ja nun bisher gar nichts am Hut. Aber ich will trotzdem mehr über sie erfahren und als ich Lust auf eine Zigarette bekomme, frage ich gezielt sie, ob sie mit vor die Tür kommt. „Warum bist du an unseren Tisch gekommen?", fragt Moni direkter als ich es erwartet hätte. „Wir hätten uns nie erlaubt, dich anzusprechen, denn auch wenn wir extra zum Konzert nach Finnland reisen, so würden wir doch niemals deine Privatsphäre stören." Sie wird mir mit jedem Satz, den sie spricht, nur sympathischer. Zwischendurch schaut sie immer wieder verlegen zu Boden. „Tja, das war meine einzige Chance", antworte ich auf ihre Frage. „Ich glaube, ich hätte dich sonst nie wieder gesehen." „Das stimmt. Und jetzt glaubst du, dass du mich wieder siehst?"

„Ich hoffe es", sage ich während ich nach ihrer Hand greife und direkt in ihre grünen Augen sehe. „Darf ich dich heute Abend zum Essen einladen?" Gott ist das schnulzig. Mir fällt aber auch nichts Cooleres ein um sie zeitnah wieder zu treffen. Ihre Antwort lässt mein Herz noch höher schlagen. „Sehr gerne. Ich muss es nur den anderen erklären. Hoffentlich verfluchen sie mich nicht", sagt sie ein bisschen verzweifelt. „Vielleicht kann ich etwas tun, das sie entschädigt. Wie wäre es mit 'early-entrance' am Samstag, so dass ihr auf jeden Fall in der ersten Reihe stehen könnt?" „Wow, ja, das würde alle besänftigen", sagt sie grinsend. Erst jetzt lass ich Monis Hand los und wir gehen wieder rein. Sofort werden wir mit anstößigen Sprüchen begrüßt.

Eine Stunde und zwei Runden Lonkero später verabschiede ich mich von ihnen, nicht ohne noch einmal Monis Hand zu nehmen. „Acht Uhr vor deinem Hotel." Sie nickt nur und schaut wieder verlegen auf den Boden vor ihr.

Ich fahre nach Hause, gebe den Code an der Haustür ein, ziehe meine Schuhe aus und schmeiße mich aufs Sofa. Wow, was war das denn? Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen was mit einem Fan anzufangen. Ich hab auch überhaupt keine Ahnung ob das gut geht. Aber es fühlt sich richtig an. Moni hat mich vom ersten Blick an fasziniert. Ihre Ausstrahlung ist einerseits so natürlich, freundlich und schüchtern, aber andererseits sehe ich in ihr eine wirklich attraktive, humorvolle und intelligente Frau. Wir haben uns so gut unterhalten und konnten über dieselben Sachen lachen. Ich hatte auch zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sie mich angraben wollte. Das hätte mich sofort abgestoßen. Ich mag es nicht, wenn Frauen mich anmachen. Anscheinend bin ich da eher der Typ alter Schule, der gern selbst die Dinge in die Hand nimmt.



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