Wie kann man in einer Welt leben, die einen zwingt, jemand anders als man selbst zu sein? Seit ich denken kann, stelle ich mir diese Frage. Jedoch habe ich es nie gewagt, diesen Gedanken laut auszusprechen. Genau genommen, durfte ich nicht mal daran denken! Da jeder, der sich gegen das System wendete, für schuldig erklärt und öffentlich hingerichtet wurde. Aber dies war nun mal der besondere Reiz dieser Welt. Es gab nur eine Sache, die sie mir nicht nehmen konnten - meine Gedanken. Sie verbargen meine dunkelsten Geheimnisse und gleichzeitig beflügelten sie meine Phantasie.
„Elijah", bedrückt schaute meine Mutter zu mir herüber. Sie stand im Türrahmen und musterte mich. Ich trug meine besten Kleidungsstücke, was in meinem Fall aus einem dunkelblauen Hemd, einer schwarze Jeans und dem einzigen Paar Schuhe bestand, welches ich besaß. Ich musste diese Sachen tragen, denn der Tag des Verfahrens stand kurz bevor. Im Allgemeinen befanden sich meine Klamotten in einem kläglichen Zustand. Eigentlich war dies auch nicht wirklich verwunderlich, immerhin waren wir die letzten Überlebenden des Planeten Erde.
„Es... es wird Zeit. Du musst gehen." Bei jedem Wort wurde sie leiser, als sie mich das letzte Mal in ihre Arme schloss, um mir ‚Lebe Wohl' zu sagen. Sie wusste, dass ich nicht zurückkehren würde. Niemand der am Verfahren teilgenommen hatte, ist je zurückgekehrt.
Das Verfahren war ein alljährlicher Prozess, bei dem nur die Kinder des „neuen Volkes" teilnehmen durften, wenn sie das neunzehnte Lebensjahr vollendet haben. Es war eine Ehre. Jedenfalls für alle, die an das System glaubten.
„Du kommst doch ganz bestimmt bald wieder, oder?" hörte ich plötzlich meine kleine Schwester fragen und schaute über meine Schulter. Sie kam auf uns zu, ein erwartungsvoller Ausdruck auf ihrem unschuldigen Gesicht.
Ich ging in die Knie, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Mit meiner rechten Hand streichelte ich leicht ihre rosige Wange. „Aber natürlich komme ich wieder, kleine Maus", sagte ich sanft. „Ich habe dich doch noch nie alleine gelassen, oder? Wer soll denn sonst auf dich aufpassen?"
„Versprichst du es?" Sie schaute mich mit großen Knopfaugen an.
„Ja, ich gebe dir mein Geschwisterehrenwort darauf!", versprach ich ihr und verhakte meinen kleinen Finger mit ihrem. Ich konnte ihr ja schlecht erzählen, dass es vermutlich das letzte Mal sein würde, an dem wir beide uns sahen. Sie war meine Familie und es würde ihr das Herz brechen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie ohne mich erwachsen werden würde. Aber was konnte ich schon dagegen tun?
Nachdem ich ihr mein Versprechen gegeben hatte, welches ich wahrscheinlich nicht halten konnte, kramte ich in meiner kleinen Tasche herum. Ich hatte sie mir extra bereitgestellt für die Reise. „Ich habe übrigens noch ein Geschenk für dich", flüsterte ich ihr zu und zog eine kleine Schneekugel aus meiner abgenutzten Ledertasche. Kathrin's Augen funkelten, als sie mir die Schneekugel abnahm.
„Du musst dazu wissen, dass es eine besondere Schneekugel ist. Immer wenn du mich vermisst, schüttelst du sie und denkst dabei an eine schöne Erinnerung, die wir zusammen erlebt haben - dann bin ich für eine kurze Zeit wieder bei dir.", sage ich leise zu ihr. „Und dann kommt dir die Zeit ohne mich nicht mehr so lang vor."
Kathrin umarmte mich plötzlich ohne Vorwarnung und quiekte erfreut. „Dann werde ich dich ganz oft vermissen, damit du schnell wieder nach Hause kommst!"
Ich musste mich zusammenreißen. Dies war kein guter Zeitpunkt, um vor Kathy emotional zu werden. Zum Glück bemerkte sie es nicht. Die Einzige, die die ganze Szene schweigend beobachtet hatte, war meine Mutter. Sie lächelte mich leicht an, während sie ihre aufkommenden Tränen nur mit Mühe zurückhalten konnte.
Langsam erhob ich mich wieder und blickte meine Familie noch einmal an, ehe ich meine Tasche vom Boden aufhob und mit schweren Schritten in Richtung Haustür ging. Ohne zurückzublicken verließ ich mein Zuhause; es war auch so schon schwer genug.
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The Last Silver Eyes
Fantasy„Ich habe die Welt zerstört. Na ja, nicht ich persönlich, aber ich habe sie zerstört." Elijah lebt in einer postapokalyptischen Welt regiert von den sogenannten Silberaugen, der Elite des Systems. Er ist eines der Kinder des Neuen Volkes, den Flücht...
