Kapitel 1

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Sie spürte sie noch. Die Figuren aus ihrem Buch, wie sie neben ihr saßen und sie den selben Schmerz und das selbe Glück spüren ließen, wie sie es selbst in den letzten Sätzen des Buches empfanden. Es war ein gutes Ende gewesen, denn es war kein Ende. Eine Geschichte beginnt nicht erst mit der ersten Seite und ein Ende existiert in Wahrheit nicht. Nach der letzten Seite sind die Figuren noch da, träumen noch, hoffen, lieben und kämpfen noch, die Leser sehen bloß nicht mehr hin. Die Autorin dieses Werkes hatte das Ende offen gelassen, sie versprach damit, dass die Geschichte der beiden Hauptfiguren nie wirklich vorbei sein würde und doch spürte man gleichzeitig noch die Ungewissheit, ob die beiden jemals wieder so zueinander finden würden, wie es einst war. Eine kleine Träne rollte Ari über die Wange. Sie liebte solche Enden. Im Leben war das doch genauso oder? Ein richtiges Happy End gibt es nicht, denn es geht weiter und nicht alles was im Laufe der Zeit kaputt geht, wird wieder ganz werden, aber wir haben die Möglichkeit weiter darauf zu hoffen, während unsere Geschichte ins Ungewisse weiter geht. Gedanken verloren strich das Mädchen noch einmal über den weinroten Buchrücken, noch nicht ganz bereit wieder in die reale Welt zurück zu kehren. Doch in einer Stunde würde Clair auftauchen und wenn sie dann noch nicht fertig wäre, würde sie eine gewaltige Standpauke über den Wert der Zuverlässigkeit erwarten. Also raffte sie sich auf, schnappte sich ihre Box und ging ins Bad um sich für den heutigen Abend schick zu machen.

Ari beeilte sich mit dem duschen und rasieren. Sie wusste ganz genau, ihre Haare würden noch mehr als genug Zeit in Anspruch nehmen. Die roten Locken standen wirr von ihrem Kopf ab und waren viel kräuseliger, als im trockenem Zustand. Die Bürste hatte kaum eine Chance gegen diese Mähne. Anders als bei der Disney Prinzessin, nach welcher sie benannt war, fielen ihre Haare nicht immer perfekt, ganz im Gegenteil. Und von so etwas wie einem Sonnenbrand hatte Arielle wohl auch noch nie gehört, noch etwas was Ari mit ihrer Namensschwester nicht gemein hatte. Gott sei Dank gab es Glätteisen und Make-up, dachte sie, als sie sich eine halbe Stunde später halbwegs zufrieden im Spiegel beäugte. Die Haare hatte sie nun in leichten langen Wellen über die Schultern hängen und das gerötete Gesicht erstrahlte hinter beinah perfekter Schminke wieder in einem gesunden Hautton. In ihrem Zimmer zog Arielle sich ihren neuen schwarzen Badeanzug an, welcher am Po eigentlich etwas knapp war für ihren Geschmack, doch Clair hatte ihr hoch und heilig versichert, sie würde zwar heiß, aber dennoch nicht schlampig aus sehen. Die Jeans Shorts, Sandalen und einen Cardigan zog sie hektisch auf dem Weg zur Tür über, an welcher ihre allerliebste Freundin auch schon Sturm klingelte. Sie riss die Tür auf. Clair strahlte ihr überglücklich entgegen, eine rießige Sonnenbrille auf der Nase. Ari grinste zurück. "Du weißt schon das es bald dunkel wird und du wahrscheinlich mit dem Fahrrad gegen einen Baum fahren wirst, mit dem Teil da vor den Augen?" Sie kicherte bei der Vorstellung und wusste auch ohne die Augen ihrer Freundin sehen zu können, dass sie diese gerade meisterhaft verdrehte. "Ich setz' sie mir einfach auf den Kopf wenn's zu dunkel wird. Aber im Ernst, selbst wenn das nicht ginge, ein gutes Accessoire ist die Fahrt gegen einen Baum doch immer wert oder?" Kichernd stiegen die Mädchen auf ihre Fahrräder. Letzten Sommer hatten sie sich ihre Räder gegenseitig verziert. Claires war rosa gestrichen worden mit BonBon Büscheln an den Lenkern und Spiegeln, die mehr der Eitelkeit, als der Sicherheit dienten. Aris hingegen war über und über mit falschen Plastigblumen beklebt, sogar den Fahrradkorb zierte eine Fülle an unechten Rosen und Gerbera. Ein aufklappbarer Sonnenschirm, der hinter dem Sitz befestigt war rundete das Bild ab.  Claire war felsenfest davon überzeugt, in Ari einen verloren gegangenen Hippie entdeckt zu haben und wann immer sich die Gelegenheit bot, erweiterte sie die Ansammlung der 60er Jahre Teile in Aris Leben. Sie selbst hingegen trauerte den Goldenen Zwanzigern nach, dem Champanger, den Perlenkette, Jazz und Feiern, welche so überschwenglich waren, dass sie wortwörtlich einen Platz im Geschichtsbuch einnahmen. Die schräg stehenden dunklen Augen und das beinah schon schwarze Haar, welches sich wie ein Wasserfall über ihren Rücken ergoss, machten sie definitiv zu einem der hübschesten Mädchen der Schule. Doch wirklich geliebt und bekannt war sie für die legendären Feten, die sie zu geben pflegte, wenn ihr Vater sie mal wieder in der rießigen Villa allein ließ, die sie ihr Zuhause nannte. Von Außen war sie der Traum eines jeden Jungen und der Neid aller Mädchen. Nur Ari, Rox und Barbie wussten, dass es alles andere als wünschenswert war Claires Leben zu leben.  Da mochte sie noch so stolz ihren Kopf heben und noch so laut lachen, ihre Freundinnen wussten von ihren Dämonen eben so gut, wie Claire die der anderen kannte. Und Dämonen hatten sie alle. Alle außer Ari. Ihr Lachen war noch immer das eines Kindes und ihre grünen Augen sahen zwar oft besorgt drein, waren aber gleichzeitig noch voller Erwartungen, Aufregung und Hoffnungen. Es war allgemein bekannt, dass sie das Nesthäckchen ihrer Gruppe bildete, obwohl Rox eineinhalb Jahre jünger war.

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⏰ Last updated: Sep 10, 2018 ⏰

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