Rutschend verhinderte ich gerade so den Aufprall mit einer der vielen Mauern, welche die Gassen und Straßen säumte. Es war glatt und das Eis spürte ich überall unter meinen Füßen. Kalte Luft sog ich tief in meine Lungen ein. In jeder kleinsten Ecke meiner Kleidung spürte ich den Winter, der gerade hier in Russland deutlich kälter war und dennoch hatte er noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht. Doch in all den Jahren war ich es gewohnt, nur eben nicht die nächtliche Kälte. Denn normalerweise blieb ich im Haus, bei meiner Mutter und rannte nicht kreuz und quer durch diese endlos wirkende Stadt, die man Moskau nannte. Nachts war es gefährlicher, auch wenn uns keine wirkliche Gefahr drohte, aber die Dunkelheit wirkte unangenehm auf mich. Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter, als ich in die dunkle, beinahe schwarz wirkende Gasse, blickte. Dort hatte ich ihn gesehen und so folgten meine Beine ihm beinahe automatisch. Adrenalin steuerte sie und die rasende Wut darüber, was gerade geschehen war.
Die Schritte von mir übertönten meinen schweren Atem und trotzdem konnte ich ihn ausmachen. Seine Schritte waren unbeholfener, beinahe verängstigt. Letzteres wusste ich, denn er hatte Angst vor mir.
„Du Dieb!", rief ich mitten in die Stille hinein, ungeachtet davon, wie viel Lärm ich damit machte. Ja, das war er wirklich. Auch wenn es diese Stadt nicht vermuten ließ, so gab es diese Langfinger trotzdem. Auch wenn wir ein gutes und unbesorgtes Leben führten, die Vampire uns beschützten, so gab es immer noch diese anderen Menschen. Wieso er es getan hatte, wusste ich nicht, aber das war mir auch egal. Mir ging es nur darum, dieses Objekt wieder zurückzubekommen, denn für mich, war es sehr wertvoll.
Kein Geld der Welt konnte dieses Buch ersetzen, was er mir gestohlen hatte und somit wollte ich es um jeden Preis wieder bekommen. So folgte ich ihm zielstrebig, ließ ihn nicht aus den Augen und rannte ihm hinterher. Bald - es war nur eine Frage der Zeit - würde ich ihn einholen und bis dahin musste ich seiner Spur folgen. Diese führte mich kreuz und quer. Orte, die ich zwar kannte, aber an denen ich nicht sein wollte. Vor allem nicht der große Platz, in dessen dunklen Ecken ich die Blutsauger erkannte. Wesen, die uns Menschen vor irgendetwas beschützen sollten, die über uns wachten. Sie griffen uns nicht an, sie fügten uns kein Leid zu, aber dennoch sahen sie nun in der Dunkelheit bestialischer aus. Natürlich, so wusste ich, beobachteten sie uns. Mich und diesen kleinen Jungen, der quer über den Platz lief. In eine Richtung, die mir allzu bekannt vorkam und die ich am liebsten nicht einschlagen wollte. Zumindest nicht heute Nacht, aber dennoch blieb mir keine andere Wahl.
„Warte...du kleiner...", begann ich und gleichzeitig erstickte meine Stimme. Mir fehlte die Kraft zum reden und so schwieg ich einfach. Den kleinen Körper stets fixiert, war ich tief in Gedanken. Ich hatte einen Tunnelblick, der mich alles andere ausblenden ließ. Ich wusste, dass jeder andere mein Verhalten nicht verstehen konnte. Immerhin war es nur ein Buch, aber es war mir so unendlich wichtig, dass ich es wieder zurückhaben wollte. Instinktiv griff ich nach meinem besonderen Armband, was ich seit jenem Tag stets getragen hatte. Nur selten hatte ich es abgelegt, aber mittlerweile gehörte es zu mir, so wie es damals sein Ohr geziert hatte. Der Vampir, den ich in jener Nacht getroffen und der mir ein neues Leben geschenkt hatte, obwohl er mich hätte umbringen können. Aber er hatte es nicht getan und so war ich ihm noch heute unendlich dankbar. Bewunderung fühlte ich für ihn und so hatte ich ihn von jenem Tag an heimlich beobachtet. Jedes Mal wenn er durch unsere Straßen gegangen war und auch wenn die Blicke kurz und selten gewesen waren, so hatte ich all meine Erinnerungen aufgeschrieben. Und zwar in jenes Buch, welches nun dieser kleine Junge mit seinen Händen betatschte. Es ging um viel mehr als nur um geschriebene Worte. Es ging um Erinnerungen, Gedanken und Wünsche. Etwas, was nur ich verstehen konnte, von dem nur ich wusste. So wie unser kleines Geheimnis, über welches ich bis heute geschwiegen hatte. Darum wollte ich das Gestohlene wiederhaben.
Schneller wurden meine Schritte. Meine letzte Kraft brauchte ich auf um doch noch den Dieb einzuholen, der nur noch wenige Schritte von mir entfernt war und dennoch erreichte ich ihn nie. Stattdessen verschwand er in einem Loch, in einer Mauer, die mir sehr bekannt vorkam. Schnell und wendig war dieses Kind und ließ mich nun unfreiwillig stoppen. Knackend gab der Boden unter mir nach, während ich heftig die Luft ausstieß.
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Nachtzeit
FanfictionEin Buch, gefüllt mit hundert Wörtern, ist kostbarer als jeder Schatz. Es verbirgt Geheimnisse und Erzählungen, die nicht jeder verstehen vermag und dennoch einen unschätzbaren Wert haben. So wertvoll, dass man sogar sein Leben erneut aufs Spiel set...
