Fremde

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Adrian roch nach Kaffee. Der Geruch folgte ihm, wo auch immer er hinging, füllte das Atelier, und selbst jetzt, wie er so völlig besoffen und nach Alkohol stinkend in meinem Wohnzimmer saß, umgab ihn der leicht herbe Geruch immer noch.

Ich setzte mich zu ihm auf das gelbe Sofa und sah ihn an, er starrte nur stumpf auf die spiegelnde Tischplatte. Ein leises Seufzen entwich mir. Er war ja sonst schon schweigsam, aber heute Abend hatte ich wohl keine Chance überhaupt ein Wort aus ihm herauszukitzeln.
Fahrig führte er seine Flasche zum Mund, ein wenig Bier lief über sein Kinn und tropfte auf sein Tshirt.

Ich stand auf. So ging das nicht weiter. Als ich ihm die Flasche aus der Hand nahm, wehrte er sich nicht, vielleicht hatte er es auch einfach nicht bemerkt. Ich brachte die Flasche in die Küche, dann setzte ich mich wieder zu ihm. Eine Weile schwiegen wir gemeinsam, oder eher jeder für sich. Nach ein paar Minuten brach ich das Schweigen: „Wieso bist du hier?"
Er antwortete nicht, starrte weiter geradeaus. Ich wartete ab, doch als er keine Anstalten machte, zu antworten, setzte ich ein zweites Mal an: „Ich finde, du schuldest mir eine Erklärung."
Er sah auf, in meine Richtung, doch eher durch mich hindurch. „Warum?"
Es war das erste Wort, dass er diesen Abend von sich gab, und es brachte mich zur Weißglut.

„Weil es verdammt noch mal nicht selbstverständlich ist, dass du hier mitten in der Nacht aufkreuzen kannst, obwohl wir uns kaum kennen. Da will ich doch zumindest den Grund kennen. Ist das gerechtfertigt?" Er zuckte mit den Schultern, schwieg. Die Luft stand still, legte sich wie eine Decke auf uns, erdrückte uns. Ich stand auf und ging. Ich hielt es nicht mehr aus, wurde aus meinem eigenen Haus vertrieben.

Draußen setzte ich mich auf die Bordsteinkante, sah in den schwarzen Himmel hinauf. Der Mond ging über dem Dachstuhl meiner Nachbarn auf, es war eisig. Mit zitternden Händen kramte ich in meiner Tasche nach Feuerzeug und Zigaretten. Eine Weile blies ich stumm Rauch in die Nacht, bis sich plötzlich jemand neben mich setzte. Ich musste nicht hinsehen um zu wissen, dass es Adrian war.
Er griff nach meinen Zigaretten und zündete sich eine an. „Willst du reden?", fragte ich, und er nickte. Ich stellte keine Fragen, wartete einfach ab, ließ ihm Zeit. Er schwieg, bis er seine Zigarette auf die Straße schnippte. Mit glasigen Augen sah er dem leuchtenden Punkt nach. „Ich habe Katharina geschlagen."

Seine Stimme war bitter, ein wenig rauchig. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, doch das war nicht nötig, er fuhr von selbst fort: „Sie ist meine Mitbewohnerin. Ich war frustriert, wütend und betrunken, und ich bin ausgerastet." Er stützte den Kopf in die Hände. „Das war schon das zweite Mal. Dieses Mal wird sie mir nicht verzeihen."

Ich wollte wütend auf ihn sein, entsetzt, doch er war so verzweifelt, so reuevoll, dass er mir eigentlich leid tat. Vorsichtig rutschte ich auf ihn zu und versuchte ihm eine Hand auf die Schulter zu legen, doch er stieß sie von sich.
„Fass mich nicht an!", fauchte er, ich zog meine Hand zurück. Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, wären sie nicht so voller Selbsthass gewesen, hätte man den Ausdruck panisch nennen können.

„Alles okay. Komm runter." Leichte Angst stieg in mir auf, ich konnte nicht sagen, ob nicht auch ein wenig Wut in seinen Augen lag. „Rede doch mit ihr."
Schon während ich die Worte aussprach, wusste ich, dass es zwecklos war. Adrian war kein Mensch, der redete. Er rannte nur davon, und dieses Mal war er dabei bei mir gelandet. Er stützte sich an der Bordsteinkante ab, seine Finger trommelten nervös darauf herum. „Ich brauche deine Ratschläge nicht. Ich bin ein eigenständiger Mensch."

Ich unterbrach ihn: „Das kannst du dir wann anders vormachen. Du glaubst dir doch nicht einmal selbst." Er sah mich an, die Verwunderung in seinem Blick wandelte sich zu Wut. „Halt die Klappe. Du weißt gar nichts." Ich wich zurück. „Wenn du nichts von mir hören willst, wieso bist du dann bei mir aufgekreuzt? Oder bin ich nur eine Entschuldigung, damit du nicht nach Hause musst?"

Er stand auf. „Weder noch. Ich weiß nicht was ich gehofft habe." Seine Stimme war sachlich, seine Augen leer. „Einen schönen Abend noch." Ehe ich etwas sagen konnte, lief er davon, leicht schwankend vom Alkohol.
Ich drückte meine Zigarette am kalten Stein aus. „Schönen Abend.", flüsterte ich, doch er war längst weg.

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