Grau.

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Grau.
Man sieht nur Kontraste. In diesem Klassenzimmer, hier. Schwarz und weiß. Grau noch dazwischen. Keine Farben. Die Schüler und die Lehrerin. Sie alle sehen alle gleich aus und sind doch so verschieden. Alle Mädchen haben lange, dunkle, bis zum Dekollté reichende Haare. Die Nase gleich, die Stirn gleich, die Stimme gleich. Nur die Augen, die sind bei jedem verschieden. Aber dennoch sind wir alle gleich.

Auch die Jungen. Alle haben sie helle Haare, den gleichen Mund, die gleichen Ohren, die gleiche Größe. Nur verschiedene Augen haben sie. Wie wir.

Das Klassenzimmer leuchtet in vielen Farben, ist aber dennoch so kahl. Man sieht nur Kontraste. Verschiedene Schwarz-, Weiß- und Grautöne. Die lehrerin steht vorne und redet. Sie redet über vieles. Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch, Physik. Noch mehr, aber zu vieles um es aufzählen zu können.
Doch sie redet nie über Farben. Farben, die ich so gerne sehen möchte. Die ich so gerne spüren möchte. Auf der Haut, auf dem Gesicht, im Leben. Alles ist nur melancholisch und langweilig. Unser ganzes Leben wurde vorhergesagt. Was ich später mal werden möchte. Was meine Freunde mal werden möchten. Doch niemand fragt uns. Niemand interessiert sich für die Träume kleiner Mädchen. Es ist egal. Hin oder her.

Wenn man nach dem Paradies suchen möchte, wäre es gefüllt mit Farben.

Gelb. Blau. Rot. Türkis. Violett. Pink. Zitrone. Hellblau. Orange. Bordeaux. Hautfarbend. Dunkelblau.

Und Grün. Strahlendes Grün. Wie Palmen am Meer. Oder die Tundra im Norden.

Aber niemals Grau. Niemals weiß. Kein schwarz. Ich habe mich sattgesehen an diesen Farben. Sie machen mich wütend, jeden einzelnen Tag meines Lebens. Ich will nur einmal meinem Freund in die Augen schauen und sehen; seine Augenfarbe. Was würde ich nur dafür tun, einmal in meinem Leben, in seine wunderschönen farbigen Augen zu schauen.

Meine Lehrerin erzählt weiter. Geografie, Chemie, Geschichte, Latein, Politik. Bis es klingelt. Ein lauter, schriller Ton erstreckt sich über das gesamte Schulgelände. Wenn man es vergleichen müsste, würde ich an mich denken, wenn ich singe. Hastig springt ein Schüler nach dem anderen auf. Sie alle haben llange gewartet, endlich wieder nach draußen zu kommen. Ihre Freunde zu treffen. Das lässt mich wieder an meinen Freund denken - der, mit den farblosen Augen.

Zusammen mit den anderen, wenn auch etwas langsamer und mit meiner Schultasche verlasse ich den Raum. Schüler verschiedener Altersgruppen, von 6 bis 18 Jahren, stehen hier. Sie reden, lachen, lästern, pauken. Ich habe noch nie sehr viel davon gehalten.

Ich schlendere langsam auf die Schultoilette zu. Sie sind zu ekelerregend, dass sich kaum ein Schüler daraus wagt. Wenn dann nur, wenn es wirklich absolut dringend ist und man es nicht mehr verhindern kann.

Louis steht schon davor. Moment, ist er es überhaupt? Wir sehen alle so gleich aus und durch die nicht vorhandenen Farben, können wir uns gegenseitig noch weniger voneinander unterscheiden. Wir sind wie eineiige Zwillinge. Wir ähneln uns alle so sehr und doch dind wir irgendwie anders.

Von hinten sehen alle Schüler gleich aus. Die gleiche Uniform, die gleichen Haare, die gleiche Größe. Man kann nur an unserer Kleidung auf den ersten Blick erekennen, von welchem Geschlecht wir sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Ist es Louis? Eigetnlich wollten wir uns hier, genau hier, vor den Toiletten, genau um diese Uhrzeit treffen.

Zum Glück dreht er sich um. Ja, es ist Louis!

Erleichtert umarme ich ihn. Das ist alles zu viel. Es macht mich so wütend, dass meine Beine zittern. MeineNüstern weitern sich bei dem Gedanken, dass ich meinen Freund nicht von den anderen Jungen unterscheiden kann.

Ich spüre sein Wärme. Dieses Gefühl, eng bei ihm zu sein, ist wunderschön. Und dann noch dieses atemberaubende Bild, ihm in die Augen zu schauen. Aber ich will sein Farbe erkennen! Nicht mehr dieses Triste Leben! Nicht so, als möchte man Suizid begehen! Bitte, Oh Herr, lass mich Farben erkennen! Doch nichts geschieht. Was habe ich auch erwartet? Eine Toffifee, die ihren Zauberstab schwingt, dreimal ruft "Hex Hex!" Und schon lösen sich alle meine Probleme in Luft auf? Das Leben hat keine Happy Ends. Einige wollen das nicht verstehen!

Wir lösen uns wieder voneinander. Es ist traurig, ihn nicht mehr zu spüren. Das macht mich alles so wütend! Wie man uns beherrscht! Wie man uns später zu Berufen zwingt, zu denen eir am besten passen, die wir aber nicht machen wollen! Wie man uns alle gleichstellt! Ich will nicht alle sein! Ich will ich sein! Mein Leben leben! Eigene Entscheidungen treffen! Mal etwas dummes machen.

Da kommt mir eine Idee.

Mit einer Handbewegung, zeige ich Louis, dass ich kurz gehen will. Er lächelt nur.
Ich schnappe mir die Schere aus meiner Schultasche und verschwinde im Klo. Vor dem Spiegel bleibr ich dann stehen. Wir sehen alle so gleich aus! Das muss ein Ende finden! Und mit euch fängt es an!

Ich nehme die Schere in die rechte Hand und schneide ein paar Spitzen ab. Und da sehe ich Erkenntnis. Die Erkenntnis in meinen Augen ist so unbeschreiblich groß. Ich sehe es. Meine Uniform, die Farben. Sie werden... blass. Sie sind nicht mehr grau. Man erkennt das dunkle grün, überall auf meinem Pullover. Doch nichts passiert.

Mehr! Mehr!

Ich schneide noch eine Strähne ab. Wieder werden die Farben klarer! Rot ziert meine Kleidung. Und weiß.

Mehr!

Wieder schneide ich. Es ist wie eine Droge. Hat man erst einmal angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Ich will die Farben sehen. Alle!

Alle dieser Welt.

Es wird immer schwieriger zu schneiden mit meiner hässlich roten Kinderschere. Ich wusste nie, dass sie rot ist.

Doch ich schaffe es irgendwie. Es gelingt mir, Stück für Stück, meine Farbenblindheit zu besiegen. Bis alles komplett ausgefüllt ist. Die Wände erstrahlen in hellem Gelb und nicht in Weiß. Meine Uniform strahlt nur so Mustern.

Doch eines möchteich noch herausfinden. Eine Sache, die ich noch sehen will.

Ich lege die Schere auf das weiße Waschbecken und verlasse das Bad.

Louis steht immernoch da. Seine Uniform strhlt nur so wie meine. Meine Haare liegen verstreut auf dem Boden des Bades, doch das ist mir egal. Ich will sehen, worauf ich so lange gewartet habe.

Als Louis und ich uns gegenüberstehen, streichle ich seinen Hinterkopf und komme ihm immer näher. Ich erkenne es. Ich erkenne seine Augenfarbe.

Blau.










Danke auch an die liebe Einstein_2 für das wunschöne Cover! ❤ 😻
Schaut doch mal bei ihr vorbei, die sind nämlich echt alle voll schön ❤.

Grau.Where stories live. Discover now