Von Blumen und Gärten

33 9 15
                                        

"Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht..."
Plötzlich wurde es dunkler über mir.
"Was tust du da?"
Ich lachte.
"Was soll ich schon tuen?"
"Was willst du damit sagen?"
"Was glaubst du denn, was ich damit sagen will?"
"Lass die dummen Spielchen!"
"Dann hör' auf zu fragen!"
Ich wandte mich wieder dem Gänseblümchen in meiner Hand zu.
"Hör' zu, Lisi! Er liebt dich nicht! Vergiss ihn doch einfach!"
"Wie könnte ich ihn vergessen?"
Er schwieg. Eine Weile war es still, während ich immer noch das zarte Gebilde in meiner Hand musterte.
"Er ist ein Arsch."
Es war eine Feststellung von Paul, die es auf den Punkt brachte.
Ich schwieg.
Eine Träne bahnte sich langsam den Weg über mein Gesicht in Richtung Boden. Ich fing sie mit der Zunge auf Höhe meiner Nase ab. Sie schmeckte salzig. Ich wartete ab, ob noch mehr kamen und wischte mir dann mit dem Handrücken über meine Wange.
"Aber warum dann?", flüsterte ich.
Paul lächelte traurig.
"Stell dir vor, du bist in einem Garten."
Ich nickte.
"Er ist voller Blumen."
Wieder nickte ich.
"Welche von ihnen pflückst du?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Die schönste von ihnen."
Wieder nickte ich, dann lächelte ich schief.
"Seit wann so poetisch?"
Paul lachte.
"Ich hab den Spruch irgendwo 'mal gehört."
Ich lächelte.
Dann stand ich auf.
"Komm.", sagte ich zu Paul und streckte meine Hand aus.
Er nahm sie lächelnd und ließ sich von mir ins Haus ziehen.
Dort suchte ich nach einer Vase.
"Was tust du da?"
Ich zeigte Paul das Gänseblümchen in meiner Hand.
"Es war das schönste. Ich habe es kaputt gemacht."
Paul sah mich an.
"Und jetzt stellst du es in eine Vase?"
"Ja."
"Weil...?"
"Ich werfe es nicht weg, nur weil ihm die Hälfte seiner Blätter fehlen."
Paul lächelte.
"Das ist der richtige Ansatz."
"Wirklich?", fragte ich, während ich die Blume in das Gefäß stellte und vorsichtig Wasser hineingab.
"Wie meinst du das?"
"Ist doch ganz simpel. Wenn ich es jetzt in die Vase stelle, quäle ich es dann nicht länger, als wenn ich ihm gleich zeige, was Sache ist und es wegwerfe?"
Paul überlegte.
Dabei lag seine Stirn in Falten.
"Ich weiß es nicht.", gab er zu.
Ich schluckte.
"Ich denke mal, das ist von Blume zu Blume verschieden, immerhin leben Blumen in Vasen auch unterschiedlich lange."
"Vielleicht sollte ich es pressen."
"Pressen? Ob das so eine gute Idee ist?"
Ich zuckte mit den Schultern und ging wieder nach draußen.
"Dann hält es ja eigentlich ewig."
"Aber es verliert an Glanz, wenn man das bei Blumen so sagen kann."
"Glanz?"
Ich lachte.
"Glaube nicht. Aber ich weiß, was du meinst."
Paul nickte nachdenklich, während er sich neben mir auf dem Boden niederließ.
"Am besten ist wahrscheinlich ein Blumenbeet."
Ich schaute auf meine Hände und zählte die Sommersprossen.
Eine Weile schwiegen wir beide.
"Aber ich möchte nicht von jemanden angepflanzt werden.", flüsterte ich dann leise.
"Ich möchte wachsen können, wie ich möchte."
Paul schnaubte.
"Solangsam wird mir dieser ganze Blumenkram hier zu viel. Aber um es in deinen Worten auszudrücken: Dann brauchst du einen Garten, in dem du gut gedeihen kannst, ohne dass jemand dauernd Dünger auf dich draufkippt oder das Unkraut neben dir jätet."
Ich schwieg.
Dann seufzte ich.
"Das ist es."
"Was ist was?"
"Das ist es, was die Menschen die ganze Zeit suchen. Einen Garten in dem sie groß wachsen können und dann zufrieden sterben können."
"So könnte man es sagen."
Ich lehnte meinen Kopf an Pauls Schulter.
"Danke, Paul.", flüsterte ich.
"Danke, Paul, dass du mir gezeigt hast, wo mein Garten ist."

You've reached the end of published parts.

⏰ Last updated: Mar 05, 2018 ⏰

Add this story to your Library to get notified about new parts!

Lebenswert Where stories live. Discover now