"Willst du wieder einer ihrer Freunde sein und mit ihnen Zeit verbringen?" fragte mich unsere Schulpsychologin mit sanfter Stimme, in dem Erwarten eines Ja.
Sie war eine nette Frau. Schon oft habe ich mit ihr private Gespräche geführt, aber noch nie mit den Mobbern zusammen. Zwei Jahre lang war ich schon das Mobbingopfer der Klasse, doch den Schulwechsel habe ich mich nie getraut.
"Was ist wenn die Klasse in die ich kommen würde genau so ist? Gibt es überhaupt Klassen ohne ein Mobbingopfer?" Dachte ich immer. Was ein Fehler so zu denken.
"Alex? Willst du nicht antworten?" Fragte die Schulpsychologin.
Ich war schon wieder in Gedanken versunken. Zu viele Fragen die mir durch den Kopf schossen. Zu viele Möglichkeiten zu Antworten.
Ich ballte meine Fäuste und schlug sie gegen meine Augen.
Die beiden Mobber die mir gegenüber saßen habe ich nicht angeschaut. Ich konnte es nicht.
"Nein!" flüsterte ich schon fast.
"Nein! Ich will einfach nur, dass sie mich in Ruhe lassen. Ich will nicht mehr beleidigt werden! Ich will nicht mehr geschubst und getreten werden! Ich will nur weg von ihnen!"
Alles war Still. Das einzige was zu hören war, war mein schluchzen und die Angespanntheit die nun deutlich präsent war.
"Nun, gut." Sagte unsere Schulpsychologin verwirrt. Mit so einer Antworte hatte sie nicht gerechnet und um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Egal wie sehr ich gemobbt wurde, neben meinen besten Freund Noah den ich schon seit dem Kindergarten kenne, aber nun auf eine andere Schule ging als ich, war meine Schule der einzige Ort an den gleichaltrige Kinder gingen.
"Könnt ihr diese Bitte von Alex einhalten?" Hakte die Schulpsychologin nach.
"Ja können wir." Entgegneten die beiden Mobber.
"Gut. Dann geht bitte wieder in eure Klasse zurück." Bat sie uns.
Und das taten wir. Nur leider nicht so wie geplant. Als wir Drei die Tür schlossen fingen sie wieder an sich über mich lustig zu machen. Zogen meine Worte ins lächerliche, äften mich nach, machten Witze über Streiche die sie mir spielten. Doch ich beachtete sie nicht. Ich beachtete keinen mehr aus meiner Klasse nicht mal mehr mich selbst.
Ich hatte schon immer einen kleinen Freundeskreis, nie mehr als zwei oder drei.
Früh noch ganz normal ist es jetzt für mich undenkbar sich nicht mit allen möglichen Leuten zu verstehen.
Meine Geschichte beginnt schon im Kinderwagen. Da meine Schwester den großen Bruder meines späteren besten Freundes Noah kannte, wunken Noah und Ich uns schon im Kinderwagen zu und kurz darauf kamen wir auch in den selben Kindergarten.
Der Kindergarten war recht groß. Er hatte zwei Spielplätze mit einem Klettergerüst, einem Sandkasten und einer kleinen Fläche auf der man Fußball spielen konnte.
Rechts von der Fläche war ein kleines Holzhäuschen in welches man beim fangen immer rein laufen konnte damit man ne kleine Pause hatte.
Ich erinnere mich noch gut daran wie ich mir immer eine Schaufel, aus der Großen Truhe neben dem Sandkasten, in den Sand verbuddelt habe damit ich in der nächsten Pause auf jeden Fall eine Schaufel habe.
Schön war es.
Schon früh verstand ich mich mit Noah auch wenn ich nicht weiß wie genau der Übergang von Kinderwagen zu Kindergarten war. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an eine Zeit ohne Noah.
Ich verstehe immer noch nicht wie wir so lange Freunde sein konnten. Auch wenn wir uns gut verstanden haben, schlugen wir uns regelmäßig aus Versehen Schaufeln gegen die Köpfe, Seile ans Auge und Stöcke an die Finger. Vielleicht sind wir auch genau deswegen so gute Freunde geworden. Schon von klein auf Dinge miteinander erlebt.
Noah war neben zwei anderen mein einziger Freund im Kindergarten und so war es auch schwer als ich in die Grundschule kam.
Neue Kinder, neue Gesichter und das schlimmste Erwachsene die dir sagen, dass du lernen musst.
Als ich eingeschult wurde gab es in der Schule eine kleine Einführungs-Feier bei der verschiedene Kinder auf der Bühne gefragt wurden ob sie sich denn auf die Schule freuen.
Nachdem ein Kind richtig fröhlich sagte
"Ja ich freue mich richtig doll darauf Sachen zu lernen!".
schaute mich die Lehrerin erwartungsvoll an und fragte nun auch mich:
"Und freust du dich denn auf die Schule?"
Antwortete ich:
"Nein. Niemand kann mich dazu zwingen!"
Diese kleine Geschichte erzählen mir meine Eltern noch heute, 14 Jahre später.
Ich wollte keine Dinge lernen. Ich wollte weiter klein bleiben. Und da ist die Frage wer das nicht will. Jeder will jung bleiben. Jeder will einmal zurück als sie noch ein kleines Kind waren oder auch in die Jugend in der sie langsam erwachsen wurden und merkten, dass die Kindheit schon bald vorbei war.
Ich war nie der Beste, doch merkte ich wie über die ersten paar Schuljahre hinweg wie schön lernen und Dinge entdecken eigentlich sein kann. So dauerte es nicht lang als einer meiner Freundinnen anfing Gitarre zu spielen ich es ihr gleich machte. So meldete mich meine Mutter kurze Zeit später schon beim gleichen Gitarrenlehrer an.
Meine Zeit auf der Gesamtschule habe ich ja schon geschildert. Mein einziger Freund war Noah, welcher immer wieder wütend wurde wenn ich von der Schule erzählt habe.
"Wenn ich die sehe haue ich den!" und "Das sind miese Bastarde!" sagte er immer und so meinte er es auch. So spuckte er als wir einen aus meiner Klasse sahen ihn genau vor die Füße und fing an zu lachen. Kein Wunder, dass er lachte. Neben mir schien er noch größer als er eigentlich war. Immer wenn ich mit ihm unterwegs war musste ich um mit ihm zu reden gefühlt einen halben Meter in die Luft schauen. Ich war schon klein, aber er war nochmal größer als jeder andere den ich damals kannte.
Ja Noah war ein guter bester Freund. Er ist ein guter bester Freund.
Als das Mobben ohne Warnung anfing und mir kein Grund eingefallen ist warum gerade ich, bekam ich immer wieder Panik. Ich ging andere Wege nach Hause als ich eigentlich gegangen bin, damit ich nicht die gleichen Wege gehen musste wie die Mobber.
Die Schulzeit war kurze Zeit später auch die Hölle für mich. Oft genug bin ich mitten in der Schulzeit nach Hause gelaufen und habe in den Armen meiner Mutter mein Herz ausgeheult.
Meiner Mutter, Vater und Schwester ging es deshalb sehr schlecht. So schlecht, dass sogar meine ältere Schwester damals zu den Eltern einer der Mobber gegangen ist und sich beschwert hat. Natürlich ohne große Auswirkungen.
Es ging ihnen so schlecht, dass sie das taten was ich auch schon erwähnt habe. Der Vorschlag des Schulwechsels.
