Ihr Name war Samantha Howe. Sie war 55 Jahre alt. Sie wurde am Freitag den 31. März tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Sie war schön gewesen. Lange, wellige rote Haare. Nach Fotos zu urteilen hellblaue Augen. Doch von alle dem erkannte man nichts mehr. Ihr Gesicht war von sieben Schüssen zerfetzt worden. Die gefundenen Patronenhülsen deuteten auf ein Kaliber von 9mm hin.
Ich verfluchte die Erfindung eines Handys, dass die unnütze Eigenschaft hatte, einen immer aus seinem Schlaf zu reißen. Ich hasste jegliche Anrufe von meinem Chef. Wenn Jim anruft, hatte einer sein Leben gelassen. Ich hasste Tote, sie taten mir leid. Auf einem Tisch aufgeschnitten zu enden, diese Vorstellung musste deprimierend sein. Auch, Opfer eines Verbrechens zu werden stelle ich mir wenig rosig vor. Nicht erstrebenswert. Aber wesentlich schlimmer, war die Tatsache, dass es gerade mal halb fünf Uhr morgens war. Vor allem, nachdem ich gestern Abend mit ein paar Kollegen etwas über die Stränge geschlagen hatte. Mein Kopf tat weh. Und alles war dunkel und verschwommen. Ich stand auf. Überall leere Kartons die ich versäumt hatte wegzuräumen. Ich arbeitete mich bis ans Fenster vor. Grauer Himmel. Bald wird es anfangen zu regnen, dieser Regen der es vermag allen Schmutz der Welt aufzunehmen und zu Boden zu bringen. Ich kämpfte mich zurück ins Bad und schaute in den Spiegel. Ich war alt geworden. Tiefe Falten, besorgte Miene. Es war Zeit sich für die Arbeit fertig zu machen, denn es gab einen neuen ungelösten Fall.
Als ich am Tatort ankam hatte es gerade zu nieseln angefangen. Was perfekt zu meiner Laune passte. Ich wies mich aus, ließ das grelle, gelbe Absperrband und den Uniformierten hinter mir. Ich betrat das Zelt welches an der Stelle des Mordes aufgestellt worden war und erschrak, so, dass ich fast zurücktaumelte. Ich musste die in mir aufsteigende Übelkeit überwinden. Die Ermordete war Sam, meine alte Schulkameradin. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet. Ich sah den Verwanden reihum in die Augen. Jedes Augenpaar vermochte von so viel Leid und Trauer zu erzählen. Alle standen sie um die Verstorbene herum, wollten sehen was mit ihrer Mutter beziehungsweise mit ihrer Oma passiert war. Welches herzlose Schwein konnte so etwas nur getan haben dachte ich mir. Ich trat näher an die Leiche und deren Verwandten heran. Ich erfuhr, dass Sam keine Feinde oder Neider gehabt hatte. Ich erfuhr nur von einem Bettler mit dem sie sich in letzter Zeit oft getroffen hatte und dass sie in einem Monat geheiratet hätten. Dass muss man sich mal vorstellen, ein Bettler und eine weltberühmte Opernsängerin. Wieder hatte die Zeitung etwas worüber sie spekulieren und damit die Leute aufbringen konnte.
Als ich das Zelt verlies war die Sonne wieder rausgekommen. Der Regen der letzten Stunden lag noch auf den Straßen. Aber die Pfützen und die nassen Straßen würden auch bald Geschichte sein. Heute war der 1. April. Man spürte, dass es wärmer wurde, bald Sommer war. Ich setzte mich auf eine Bank am Rande des Flusses. Es gab nicht viele schöne Plätze, doch diesen hier liebte ich, suchte ihn immer auf, wenn ich über etwas nachdenken musste. Ich zündete mir eine Pfeife an, blies den Rauch des ersten Zuges aus und sah gedankenverloren in die Ferne. Es war alles glatt abgelaufen. Auch, wenn ich ihren Verlust sehr bedauerte. Von dem Bettler fehlte jede Spur. Ganz England suchte ihn. Armer Kerl. Vielleicht war es ja eine geplante Aktion gewesen. Es gab viele Sängerinnen die Sam ihr Talent neideten. Sie war in den besten Jahren gewesen, hatte noch so viel vor sich gehabt. Schade drum. Doch wie Berthold Brecht immer zu sagen pflegte: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt". Und so geht ein weiterer Arbeitstag zu ende. Voller Leid, voller Trauer. Aber immer im Gedächtnis bleiben mir die schönen Zeiten mit meiner meine alten, lieben Freundin Sam. Manche mögen jetzt sagen ich habe den falschen Beruf gewählt. Doch ich sage „Für diesen Beruf braucht man Herz"
