(Karols Sicht)
Ich laufe eilig den Long's Hill hinauf. Eilig, weil ich sonst zu spät zur Schule komme. Schon wieder. Wer zu spät zur Schule kommt, erhält einen automatischen Anruf. Eine künstliche Stimme, übertrieben freundlich und arglos wie der Typ von nebenan, ruft zu Hause an und verpfeift dich. Ein Kind aus ihrem Haushalt namens ... - und nach 》namens《 wechselt die Stimme. Eine neue Stimme ergänzt deinen Namen. Diese Stimme ist schwer von dir enttäuscht. Sie klingt vorwurfsvoll, traurig Und dumpf wie Donnergrollen. Die Stimme sagt Karol. Und dann kommt wieder die erste Stimme. Der Typ von nebenan. Der Typ mit den guten Manieren, der nur seinen Job macht. Ein Kind aus ihrem Haushalt namens Karol ist in der Schule am 17. September dem Unterricht ferngeblieben. Der Typ von nebenan redet weiter und sagt demjenigen, der an Telefon gegangen ist, dass er lieber schleunigst eine Entschuldigung schreiben sollte, warum Karol nicht im Unterricht war, weil sonst das Kind in seinem Haushalt namens Karol für alle Zeiten in der Hölle schmoren wird. Gestern kam der dritte Anruf, seit die zwölfte Klasse angefangen hat, und das ist gerade mal zwei Wochen her. Immer bin ich es, die ans Telefon geht. Caro, meine Mutter, geht nie ans Telefon. Sie hasst das Telefon. Dann muss ich mir selbst eine Entschuldigung schreiben und Caros Unterschrift fälschen, denn wenn sie die Entschuldigung schreibt, schreibt sie gleich ein ganzes Manifest darüber, dass sie nicht an Pünktlichkeit glaubt. Sie glaubt, dass Pünktlichkeit nur was für Duckmäuser ist, und dass Highschool-Schüler ihren Schlaf brauchen und nicht von rasselnden Weckern aus ihrem morgendlichen Träumen gerissen werden sollten. Normalerweise schreibe ich die Entschuldigung am nächsten Tag vor der Schule. Ich such im ganzen Haus nach einem Blatt Papier, und dann komme ich wieder zu spät. Deshalb beeile ich mich heute Morgen, weil Karol sonst Anruf Nummer vier bekommt. In der ersten Stunde habe ich Betriebswirtschaftslehre. Es ist das letzte Wahlfach, das ich für den Highschool-Abschluss brauche und, ehrlich gesagt, das einzige, das in meinen Stundenplan gepasst hat. Es regnet wie aus Kübeln, die Jeans klebt mir an den Oberschenkeln, und ich zerbreche mir den Kopf darüber, welches Produkt ich entwickeln soll. Das Produkt, das 60% meiner Note in diesem Kurs ausmachen wird. Mr. Payne hat uns geraten, Dinge zu nehmen, die die Leute noch nicht haben. Dinge, von denen sie erst merken, dass sie sie haben wollen, wenn ihr Blick darauf fällt. 》Genau dieses Verlangen nach ihrem Produkt müssen Sie wecken《, hat Mr. Payne gesagt. 》Wo es vorher kein Verlangen und keine Nachfrage gab. Das ist die Essenz《, sagte er, 》die Seele erfolgreicher Unternehmen.《 Zum Beispiel: Klodeckelüberzüge aus Plüsch, Haustiersteine, Staubtücher mit Glitzer und Federn, Avocadolöffel, Eiswürfelbehälter in Seesternform, Weihnachtspullover mit Blinklichtern. Mrs. Payne führte uns alle möglichen Produkte in rascher Abfolge in einer PowerPoint-Präsentation vor. Ein Gemüseentsafter. Ein Joghurtbereiter. Ein Massagestuhl mit mitteralterlich anmutenden Gurten und Schnallen. Kühlschrankmagnetworte, mit denen die Leute am Kühlschrank Gedichte verfassen können, während sie ihren Morgenkaffee schlürfen. 》Alles Dinge, ohne die wir bestens klarkamen, bevor sie erfunden wurden《, sagte Mr. Payne. Dann klappte er den Laptop zu. 》So ein Produkt《, fuhr Mr. Payne fort, 》sollen Sie entwickeln. Finden Sie heraus, worauf die Welt wartet, denn das Verlangen nach neuen Produkten ist unstillbar. Schaffen Sie etwas Neues oder verändern Sie etwas Altes, so dass es neu wirkt.《 》Plunder《, sagte er. 》Wir erfinden Plunder.《 Gerüchten zufolge hat Mr. Payne selbst irgendwann einen reiskorngroßen Mikrochip erfunden, der schmerzlos zwischen den Schulterblättern eines Kindes implantiert werden kann und der auf die biometrischen Veränderungen reagiert, wenn das Kind lügt. Ein Anstieg der Temperatur, beschleunigter Puls, Verengung der Pupillen und feuchte Handflächen. Angeblich löst er einen schrillen Alarm an den Schlüsselanhänger der Eltern aus, sobald dem Kind eine Lüge über die Lippen kommt. Offenbar hat sich die Idee nicht durchgesetzt. Aber die buschigen schwarzen Augenbrauen und den starren Haarhelm des genialen Wissenschaftlers hat Mr. Payne auch heute noch. Erst habe ich an einen wasserfesten BH gedacht. Ein wasserfester BH, der richtig gut sitzt. Ich habe große Brüste und weiß, wovon ich rede. Ein innovatives BH-Design könnte dem Unterwäschemarkt revolutionieren. Ein BH, der Mädchen Halt bietet. Aber es könnte unangenehm werden, den BH vor der Klasse zu präsentieren. Deshalb ist meine neue Idee ein Designerpümpel. Mit Punkten oder Streifen. Das Design des typischen Haushaltspümpels ändert sich nie. Alle haben den gleichen Pümpel. Holzgriff und braune Saugglocke. Niemand scheint je einen zu kaufen, aber jeder hat einen. Wo kommen die Dinger her? Vielleicht gibt es Bedarf nach einem Pümpel mit Pfiff. Schließlich hat der bescheidene Pümpel eine edle Funktion: Er beseitigt Stockungen. So nennt man das: Stockungen. Eine Stockung blockiert den natürlichen Lauf der Dinge. Warum sollte man diesen Dienst nicht mit ein paar Pünktchen feiern? In diesem Augenblick, mitten auf dem Long's Hill, während das Wasser bei jedem Schritt aus meinen Chucks schwappt, erlebe ich selbst so eine Stockung. Ich sehe Lionel Ferro in seinem Auto über eine rote Ampel fliegen. Er biegt um die Ecke, Wasser spritzt, und weg ist er. Ich fühle die Stockung unter meinen Rippen. Ich stelle mir einen gepunkteten Pümpel mit komischer Saugkraft vor, die Glocke auf meiner Brust, direkt über meinem Herzen. Dieses Gefühl löst Lio bei mir aus: bumm bumm, bumm bumm. Ich stelle mir vor, wie der Liebesgott kräftig mit dem kosmischen Pümpel hantiert. Und schon: plopp. Mein violettes, sprudelndes, blutverschmiertes, bebendes Herz wird mit einem Ruck aus meinem Körper heraus- und geradewegs in den Auffanghälter gesaugt. Ein rausgerissenes, zerfetztes, zertrampeltes, zerhacktes, zerfleischtes Herz, das anschließend das Klo runtergespült wird. So würde Liebe mit Lio aussehen. Unsere Mütter haben Lio und mich mit wenigen Stunden Abstand im Troncoso zur Welt gebracht. So haben sie sich kennengelernt. Sie teilten sich die krankenhauseigene industriegroße Milchpumpe. Kein Wunder, dass sie sich anfreundeten. Sie waren beide alleinerziehend und wohnten in gegenüberliegenden Sozialwohnungen an der selben Straße. Lio und ich sprangen in der Krabbelgruppe zusammen in Windeln herum. Es gibt ein Foto von uns und Lios Mamá an unserem ersten Vorschultag auf der Treppe vor der Schule. Lio hat einen nagelneuen Hot Wheels-Rucksack, ich habe eine Barbie-Brotbüchse. Er hält die Hand seiner Mamá und schaut zu ihr auf, aber ihr Kopf ist abgewendet. Sie blickt die Straße entlang, als würde dort etwas Großes und Wichtiges ihre Aufmerksamkeit fesseln - vielleicht drei ineinandergeraste Autos oder ein scharfer Typ. Doch als Lios Mamá Lios Stiefvater kennenlernte, zogen sie aus der Innenstadt in eine Wohnung hinter dem Guadalajara mit der großen Wasserrutsche. Deshalb kam Lio auf die Instituto Nuestra Señora del Rosario de Pompeya und ich auf die Iztacalco I Conalep. Die Dinge änderten sich einfach. Lio spielte eine Weile Basketball, dann begann er zu skaten. Ich fing bei der Schülerzeitung an. In der Neunten kamen alle von der Iztacalco I Conalep auf das Blake-South-Collage, und in der Zehnten kamen alle von Instituto Nuestra Señora del Rosario de Pompeya ebenfalls aufs Blake-South-Collage. Und am ersten Tag in der zehnten Klasse, einen Kopf größer als alle anderen im Schülermeer auf dem Gang, stand da plötzlich Lio-und-doch-nicht-Lio. Er hatte die selben großen grünen Augen wie der Lio, den ich auswendig kannte, mit den kohlschwarzen Wimpern. Die selben braune Haare - jedoch waren jetzt die spitzen Blond gefärbt. Er hatte denselben Gang drauf, aber jetzt musste ich zu ihm aufschauen. Es war derselbe Lionel Ferro, der im Kindergarten einen Tyrannosaurus Rex aus Knete geformt hatte, als wir Bauernhoftiere machen sollten, und dem die Lehrerin den Knetklumpen von der Handfläche geklaubt und gesagt hatte, er solle noch mal von vorne anfangen. 》Ein Dinosaurier ist kein Bauernhoftier《, sagte sie. Vielleicht war das der Anfang von Lios Schulproblemen. Es war derselbe Lio, der eine Narbe am Hals hatte von damals, als wir acht waren und den Long's Hill in einem Einkaufswagen runterdüsten, das wackelige Ding rumpelte und kippte auf zwei Räder, wurde immer schneller und raste auf den Hafen zu, bis das linke Vorderrad in ein Schlagloch geriet und wir gegen ein geparktes Auto knallten. Ich würde über die Motorhaube geschleudert und blieb unversehrt - bis auf eine immerwährende Angst vor Einkaufswagen. Lio landete auf den Füßen, ebenfalls unversehrt, mit einer immerwährenden Angst vor gar nichts. Dieser Zehntklässler-Lio hatte zwar die gleiche hohe Megawattzahl an Wildheit und Freude in den Augen - aber es war nicht mehr der Achtjährige, der versuchte, einen wildgewordenen Einkaufswagen zu bändigen. Dieser Lio hatte breite Schultern und eine Jeansjacke, die so verwaschen war, dass sie wie eine zweite Haut wirkte. Dieser Lio sorgte dafür, dass alle Mädchen auf dem Gang länger an ihren Ordnern oder an den Zahlenschlössern ihrer Schließfächer herumfummelten als nötig oder ihre Haare über die Schulter warfen und hofften, dass er auf sie aufmerksam würde. Dieser Lio war nicht nur sehr anders als der Lio, mit dem ich im Kindergarten bis zur sechsten Klasse fast jeden Tag gespielt hatte, er war auch anders als jeder andere Junge auf dem Blake-South-Collage. Er bewegte sich nicht in einer Wolke aus beißendem Aftershave, er wurde nicht von Pickeln oder Käsefüßen geplagt, er polterte nicht als Teil einer Mannschaft aus stampfenden Nashörnern auf dem Basketballplatz herum und er versuchte nicht, mitten in Alle Wohlgerüche Spaniens aus Argentinien den Unterricht zu stören. Aber ehrlich gesagt, ließ er sich gar nicht besonders oft im Unterricht blicken. Lio war kein linkischer, verschwitzter, zaunpfostendummer, arroganter, lärmender, durch-Mathetests-fallender, poesiehassender, eine-Pizza-in-weniger-als-fünf-Minuten-verschlingender-und-danach-am-lautesten-rülpsender, furzwitzerzählender, dem-Taxifahrer-eine-Literflasche-Bier-abkaufender-auf-den-Teppich-kotzender, typischer Highschool-Schüler der männlichen Spezies. Lio war Künstler geworden. Schauspieler/Sänger. Ein Gesetzloser. Seine Tags und Murals sind überall in Parateens verteilt, und es gab dazu schon Leserbriefe in der Zeitung. Lio riecht nach frischer Luft. Er kann den Bass spielen und dort so wirklich alles. Er besitzt ein Auto. Gerüchten zufolge hat er es auf dem Garagenfußboden einmal komplett auseinandergenommen, liebevoll jede Schraube und jede Mutter poliert und es dann einfach wieder zusammengebaut. An diesem ersten Montag in der zehnten Klasse hellte sich Lionel Ferros Gesicht auf, als er mich sah. Es war derselbe Lio, der mich mit Wasserbomben durch den Luna-Park gejagt hatte, in dem Jahr, als ich meine Turnschuhe mit den bunten Blinklichtern bekommen hatte, und derselbe Lio, der sich in der dritten Klasse an Halloween als Astronaut verkleidet hatte, mit silbern angedrohten Cornflakespackung über den Schultern, einem Stück Schlauch vom Trockner seiner Mutter an einem Hockeyhelm und einem Rucksack voller 》Sauerstoff《. Es war derselbe Lio, der mir aus Erde und den Senf- und Essigtütchen, die wir vom Fish-and-Chips-Essen aufgehoben hatten, Zaubertränke braute - Zaubertränke, die wir in alten Pastasoßengläsern anrüherten und von denen wir hofften, das sie wie Benzin wirkten, wenn wir sie über die Pedale unserer Dreiräder kippten, damit sie schneller führen. Es war ein und derselbe Lio von einst, aber als Amira Chediak auf ihn zuging und fragte, ob er etwas von ihrem Schokoriegel abhaben wolle, und er ja sagte - und sie die Folie zurückschob und ihm den Riegel an den Mund hielt, er abbiss und ihr dabei genau in die Augen sah, und Schokokrümel von seiner herrlichen vollen Unterlippe auf den Kragen seiner Jeansjacke fielen, und Amira ihren Zeigefinger auf diese Krümel drückte und die Fingerspitze in den Mund steckte und sich dann umdrehte und mit schwingenden Haaren davonging - da war es ganz und gar nicht derselbe Lio. Bumm, bumm. Bumm, bumm.
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Das Glück hat vier Farben (Larol Story)
Romance》Vielleicht schaust du in den Spiegel und beginnst dich mit jedem Atom deines Wesens zu fragen, ob irgendjemand in dieser verdammten verrückten Welt dich je lieben wird.《 Seit sie denken kann, ist die sechzehnjährige Karol in Lionel (Lio) verliebt...
