Schneeblumen

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Die ganze Welt erstrahlte in schimmerndem Weiß. Eine geheimnisvolle Stille lag über dem Wald.
In Gedanken versunken lief der Engel lautlos durch den Schnee.Er hinterließ keine Fußspuren und trotz seiner nackten Füße fror er nicht.Um ihn standen die mächtigen, schwarzen Riesen, die bedeckt waren mit glitzerndem Raureif. Gerade als der Engel überlegte auf einen hinauf zu fliegen und sich den Zauber von oben anzusehen, erklangen in der Nähe Stimmen.Neugierig beobachtete er wie sich ihm zwei Menschen näherten. Hinter ihnen hüpfte ein junger Hund her. Belustigt sah der Engel wie dieser in den stäubenden Schnee sprang und sich vergnügt schüttelte als eine Schneeflocke auf seiner Nasenspitze landete.Die beiden Menschen schienen auch gute Laune zu haben. Sie liefen Arm in Arm, redeten und lachten. Unverwandt sah der Engel sie an. "Seltsame Geschöpfe" , dachte er, als sie an ihm vorbei liefen ohne ihn zu bemerken. Für sie war er unsichtbar. Der junge Hund aber konnte ihn spüren. Wie angewurzelt blieb er stehen und starrte auf die Stelle wo der Engel stand. Die Zweibeiner liefen weiter. Doch dann wandte einer sich um und rief den Hund. Verunsichert blickte dieser von dem Engel zu seinen Besitzern und zurück.„Na geh schon. " flüsterte der Engel. Der junge Hund spitzte die Ohren. Doch nach einem weiteren Ruf der Menschen wandte er sich zögernd ab und folgte ihnen.Der Engel sah ihnen nach bis sie verschwunden waren, dann breitete er seine Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Von oben wirkte alles ganz winzig und war begraben unter einer weißen Decke. Der Engel lächelte in froher Erwartung. Er wusste wohin ihn seine Flügel tragen würden. Zu ihr. Er hatte lange gewartet und nun war es so weit. Doch um ganz sicher zu gehen, dass sie ihr Haus verlassen hatte, flog er zu ihrem Fenster und spähte hinein. Niemand war da. Sanft blies der Engel gegen das Fensterglas. Daraufhin bildeten sich zauberhafte, zierliche Schneeblumen.Vielleicht wenn sie später zurückkam würde sie es sehen, wie sonst auch. Er verließ das Haus und machte sich auf in Richtung Park. Jeden Wochentag kam sie hier entlang, auf dem Weg zur Schule.Im Frühling war es hier wunderschön, alles blühte und große, grüne Bäume spendeten den vielen Besuchern Schatten. Jetzt war der Park menschenleer, kein Wunder um diese frühe Zeit.Still wartete der Engel hinter einem großen Ahornbaum, der ohne Blätter ganz nackt aussah.

Plötzlich tauchte weiter hinten auf dem Weg eine Gestalt auf.
Für Menschen war es nicht möglich sie genau zu erkennen, doch er war ein Engel.
Er sah wie sie ihre Haare aus dem Gesicht strich, aus diesem feinen, unglaublich verletzlichem Gesicht. Er holte tief Luft. Dieser war einer der seltenen Momente wo er nervös war.
Dann verwandelte er sich in einen menschlichen Jungen.
Doch es war unverkennbar, dass er nicht von hier sein konnte. Zwar fehlten die Flügel sein Glanz und Leuchten um ihn, doch seine Erscheinung war immer noch ungewöhnlich schön.
Er wartete bis sie an ihm vorbei gegangen war, dann trat er zögern auf den Weg. „Hallo.", sagte er mit seiner leisen, sanften Stimme.
Sie hörte es und drehte sich verwundert vom plötzlichen Auftauchen des Engels um. Statt etwas zu sagen, musterte sie ihn schweigend. Schließlich sagte sie: " Du kommst mir bekannt vor." und runzelte die Stirn. " Aber ich habe dich noch nie gesehen."
Abwartend sah er sie an. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln: " Du bist nicht von hier nicht wahr? Deine Augen sind zu hell und schön und du scheinst keinen Fehler an dir zu haben."
"Das stimmt dies ist nicht mein Zuhause. Aber ich bin nicht perfekt, wie du gerade angedeutet hast. Denn ich.....fühle."
Er legte seine schmale Hand auf sein Herz.

Nachdenklich sah sie an. „Was ist so schlimm daran?" , fragte sie.
„Es macht mich verletzlich.", antwortete er schlicht.
„Was möchtest du von mir?", fragte sie ohne auf seine Antwort einzugehen.
Vorsichtig streckte er seine Hand aus, doch kurz vor ihrer Wange hielt er inne. Er spürte das Glück und die Aufregung in seinem Inneren, aber auch den Schmerz, denn er wusste er würde sie wieder verlassen. Sanft umfasste sie auf einmal seine Hand und legte sie an ihre Wange.
Sie fühlte sich warm an und der Engel schloss selig für diesen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah sie ihn neugierig an.
„Ich...",er warf einen Blick zum Himmel. „Schon ok", sagte sie verstehend: „wir werden uns...doch wieder sehen." Ungläubig sah er sie an. Zum einen weil sie ihn offensichtlich wiedersehen wollte, aber auch, weil sie zu wissen schien dass er weg musste. „Danke für die Schneeblumen an meinem Fenster", sagte sie lächelnd.
Der Engel schüttelte leicht irritiert den Kopf.
„Sie sind doch von dir, oder?", fragte sie zögernd. Er nickte. Dann überlegte sie einen Moment und nahm ihren silbernen Ring vom Finger. „Hier.", sie reichte ihn dem Engel.
Langsam und überwältigt von dem Geschenk betrachtete er den Ring. „Danke.", flüsterte er.
Dann schloss er seine Hände darum und blies sie vorsichtig an.

Als er sie wieder öffnete war der Ring auf einer silbernen Kette, die er sich um den Hals legte. Plötzlich kam ihm eine Idee, er legte seine Hände um ihre Hand und sah sie kurz fragend an.
Sie nickte. Sein Engelsatem berührte ihre Hand. Er wartete kurz und zog dann seine Hände zurück. Überrascht betrachtete sie ihren Ringfinger.
Ein schmaler, golden leuchtender Ring nahm nun den Platz ihres vorherigen Ringes ein.
„Er ist...einfach wunderschön.", sagte sie entzückt.
Der Engel spürte dass ihn eine mächtige Kraft ergriff die ihn zurück zum Himmel zog.
Sehnsüchtig sah er sie an. „Geh schon. Bis bald", sagte sie. Bevor er etwas sagen konnte, beugte sie sich vor und küsste ihn, dann drehte sie sich schnell um und lief davon. Völlig überrascht sah er ihr nach.
„Bis bald." murmelte er. Er spürte das wilde Chaos in sich. Traurig und Glücklich zugleich flog er zurück, nach Hause. Mit der einen Hand hatte er den Ring umschlossen, der ihm zeigte dass alles wirklich passiert war und es nicht nur ein Traum war.
Bald würde er sie wieder sehen.
Im Frühling durfte er zurück auf die Erde kehren, seine Winterzeit war abgelaufen. Doch er konnte geduldig sein, wenn er wollte.
Nicht mehr lange...  

SchneeblumenWhere stories live. Discover now