Umarmung des Meeres

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Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Fußboden meines Wohnzimmers. Mein Kopf schmerzte, als ich mich aufrichtete. Ich muss einen Anfall gehabt haben. Ich schaute mich um. Das Wohnzimmer war sehr groß und es hatte eine Glasfront, die hinaus auf eine Terrasse führte. Ich versuchte aufzustehen und als ich es schaffte, musste ich mich erst einmal auf den Sessel vor meinem Bücherregal setzen. Ich hatte schon zehn Monate keinen Anfall mehr gehabt, also hatte ich fast die Hälfte überstanden, um anfallsfrei zu werden. Natürlich wusste ich, dass jederzeit wieder einer kommen konnte, doch ich nahm immer meine Medikamente und machte nichts was das Risiko für einen Anfall erhöhen würde. Ich stand wieder auf, nahm mir ein Glas Wasser aus der Küche und machte mich auf den Weg zur Terrasse. Ich schob die Glastür zur Seite und trat ins Freie.

Eine sanfte Brise empfing mich und ich hörte die Möwen in der Ferne. Eine Sekunde blieb ich stehen, um den Anblick des Meeres in mich aufzusaugen. Das war wie ein Ritual für mich. Jedes Mal wenn ich hier stand, genoss ich erst den Anblick, den Duft, die Geräusche. Ich liebte das Meer schon als kleines Mädchen, ich war immer die Erste, die im Frühjahr ins Meer schwimmen ging, obwohl es eigentlich noch zu kalt war. Doch das störte mich nicht im Geringsten, weil ich mich im Meer immer gut gefühlt hatte. Ob ich nun mal wieder mit meiner Schwester gestritten hatte, als ich noch jünger war, oder weil ein Junge mir das Herz gebrochen hatte. Das Meer hatte mir immer Trost gespendet, als wäre es ein Mensch, der die Arme um mich schließt, mich zu sich zieht und mir tröstende Worte ins Ohr flüstert. Natürlich konnte das Meer mir bei manchen Problemen nicht helfen, da es mir nicht wirklich Ratschläge geben konnte, dennoch hatte es mir immer geholfen dem Meer einen Besuch abzustatten. Als ich erfahren hatte, dass ich Epilepsie hatte, rannte ich sofort weg ans Meer. Ich wollte alleine sein. Alle wussten wo ich war, aber es kam bis zum nächsten Morgen niemand, weil sie wussten, dass ich Zeit für mich brauchte. Mit Epilepsie kann man gut leben, wenn die Medikamente anschlagen, was sie bei mir taten, aber dennoch musste ich ab diesem Zeitpunkt sehr eingeschränkt leben, um einen Anfall zu vermeiden, oder nicht in Gefahr zu sein, wenn ich plötzlich einen Anfall bekäme. Ab diesem Tag durfte ich nicht mehr alleine schwimmen. Was für mich als 17-Jähriges Mädchen natürlich eine Katastrophe war. Es war als hätte meine beste Freundin gesagt, dass sie ans andere Ende der Welt zieht. Manche Menschen werden über diesen Vergleich wohl lachen, aber es hatte sich nun einmal so angefühlt. Das Meer war mein Rückzugsort und dieser wurde mir gestohlen. Selbstverständlich kam ich damit irgendwie klar, ich hatte mich damit abgefunden.

In diesem Augenblick, als ich da stand und auf das Meer hinaus blickte, wäre ich am liebsten sofort in die tröstenden Arme des Meeres gelaufen, denn jetzt waren es keine zehn Monate Anfallsfreiheit mehr, sondern null Monate, null Wochen, nicht einmal ein Tag. Aber ich würde nicht aufgeben, nicht solange ich lebte. Also wischte ich mir die aufkommenden Tränen aus dem Augenwinkel und setzte mich auf die Hollywoodschaukel, die auf meiner Terrasse stand. Nun ja, eigentlich gehörte sie nicht mir, sondern meiner Schwester, die mit mir hier wohnte, aber ich wollte jetzt nicht Erbsen zählen. Meine Schwester und ich wohnten hier schon einige Jahre. Ich wollte hier eigentlich alleine wohnen, aber meine nette Krankheit machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich durfte nicht alleine wohnen, weil ich einen Anfall bekommen könnte und es niemand bemerken würde. Ich verstand es bis heute nicht, denn auch wenn ich einen Anfall bekam, ging es mir danach zwar nicht sehr gut, aber ich kam alleine zurecht. Eigentlich war ich aber froh, dass wir zusammen wohnten, auch wenn ich es vor ihr niemals zugeben würde, weil ich vor anderen immer die selbständige und starke Frau spielte, die ich immer sein wollte, aber nicht sein konnte. Aber Schluss mit Selbstmitleid, dann fang ich eben nochmal bei null an. Irgendwann werde ich es schaffen. Nach einiger Zeit wurde die Luft kühler und das Meer unruhiger. Das Wetter schien sich zu verschlechtern, also entschied ich mich wieder hinein zu gehen. Ich hatte mich gerade, mit einem Buch in den Sessel gesetzt, als ich hörte wie die Haustür geöffnet wurde. Ich hörte den Wind pfeifen und schaute aus dem Fenster. Es hatte zu regnen angefangen. Mit diesem Wetter hatte heute aber niemand gerechnet, dachte ich. „Schwesterherz, ich bin wieder da! Und ich habe Eis mitgebracht, auch wenn das Wetter gerade nicht wirklich passt, aber damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet", plapperte sie los, so wie sie eben war. Ich stand auf und ging in den Flur. „Hallo, Mira", begrüßte ich sie. „Mir ist nicht wirklich nach Eis essen, ich hatte einen Anfa-" „Elli, hast du mich gehört? Ich habe Eis mitgebracht", rief sie nun lauter. Sie zog ihre Schuhe aus und ging in die Küche. Ich lief ihr hinterher und sagte: „Mira, ich bin doch hier. Ich sagte doch, dass ich keine Lust auf Eis habe." „Ignorierst du mich etwa? Dann esse ich das Eis eben alleine, du weißt, dass ich das schaffe", grinste sie. Sie schnappte sich das Eis und Löffel, während ich sie entgeistert anstarrte. „Ich ignoriere dich? Ist das dein Ernst?", schnaufte ich wütend. Sie beachtete mich nicht und ging ins Wohnzimmer und ich ihr hinterher. Doch schon bevor ich etwas Weiteres erwidern konnte, hörte ich das Eis auf den Boden fallen und wie sie meinen Namen schrie. „Elli, verdammt! Ich war doch nur kurz weg!" Ich hörte sie schluchzen und als ich im Wohnzimmer ankam, sah ich sie auf dem Boden hocken, vor einem Körper, der mir sehr bekannt vorkam. Ich wusste sofort, wer es war, doch wie konnte das sein? Meine Schwester kramte ihr Mobiltelefon aus ihrer Hosentasche, sie wählte den Notruf. Zur gleichen Zeit näherte ich mich immer weiter. „Hallo, ich brauche einen Notarzt meine Schwester hatte einen epileptischen Anfall, als ich weg war. Sie bewegt sich nicht mehr", schluchzte meine Schwester, in dem Moment als ich in mein eigenes, lebloses Gesicht starrte.

Umarmung des Meeres-KurzgeschichteOpowiadania do pokochania. Odkryj je teraz