Never click suspicious links
Reminder: Wattpad will never ask for passwords, payment information, or other sensitive account security details.

Kapitel I - Vom Regen in den Heuhaufen

134 13 12
                                        



Niederösterreich, 1847

Eines späten verregneten Abends im Juni wanderte auf der Straße von Mank nach Kilb ein junger Habenichts. Ein Habenichts war der Junge in der Tat. Er trug nur einfache Kleider am Leib und besaß ansonsten nichts anderes als das, was er in seinem Schnupftuch zu einem Bündel geschnürt an einem Stock über der Schulter mit sich führte. Darin waren ein Kamm, ein Rasiermesser und ein Taschenmesser.

Ja, sogar nicht einmal einen Namen hatte er, weshalb er sich jedem, der nach seiner Person fragte sich stets mit einer eleganten Verbeugung und den Worten "Habenichts, zu Diensten" vorstellte. Keine Stadt, kein Dorf, ja überhaupt keine Ortschaft konnte ihn zu seinen Bewohnern zählen. Zuhause war Habenichts gerade da, wo er sich zur Nachtruhe niederließ.

Doch, wenn man jetzt glauben mag, man hätte es mit einem Spitzbuben zu tun, einem Scharlatan, einem kümmerlichen Landstreicher oder Bettler, so weit gefehlt!

Denn er war ein tüchtiger und aufrichtiger Kerl, der für sein täglich Brot redliche Arbeit vollrichtete, wo immer ihm diese angeboten oder gewährt wurde. Habenichts liebte seine Freiheit und was der morgige Tag bringen mochte, das kümmerte ihn nicht.

So sehr er es auch mochte unter dem Sternenzelt zu nächtigen, der Regen tat heute sein übriges, um ihn zur schnellen Suche einer trockenen Bleibe für die Nacht anzutreiben. Im letzten Licht des sterbenden Tages erblickte der Junge ein stattliches Herrengut am Horizont. Ein hoher Bau im Stile eines italienischen Palazzos war es, wie man es allgemein von der Stadt Florenz her kannte. Dieser Wald-und-Wiesen-Palazzo war von weitläufigem Grund mit so manchem Wirtschaftsgebäude umgeben. Gleich als er es erspäht hatte, lenkte er seine Schritte dem Gutshof zu.

Habenichts kam zum Stall in dem die Kühe und Hühner gehalten wurden. Zu seiner Freude war die Türe unverschlossen und so schlüpfte er hinein ins Trockene. Dort grub er sich tief in den Heuhaufen ein und schon bald darauf war er ins Land der Träume entschwebt. Der Gutsherr würde sicher nichts dagegen haben, dass er sein Nachtlager in dessen Stall aufgeschlagen hatte, da war Habenichts sich sicher. Lange noch, bevor sich der hohe Herr aus seinem Bett erhoben hätte, wäre er weg und niemand hätte einen Schaden. Doch so fein raus war er natürlich nicht. Denn der Bursch schlief viel länger, als er wollte.

Nach dem ersten Hahnenschrei war Barbara, die Magd des Gutsherren aufgestanden, um aus dem Stall frische Eier für den Herrn zu holen. Dies war der ehrenwerte Markus Theodor von Büxtritz, der Marktrichter von Kilb. Die Magd holte aus der Küche ihren Tragekorb und ging nichts ahnend hinüber zum Stall. Pfeifend öffnete sie die Tür, anscheinend hatte sie gestern vergessen abzuschließen. Drinnen gackerten die erwachten Hühner und Berta die Hauskuh muhte.

Barbara beugte sich nach vorne, um die ersten Eier in ihren Korb zu legen, doch was musste die brave Frau da sehen, direkt vor ihr lugte ein einzelner Fuß aus dem Heu! Jetzt wo sie ihre Ohren gespitzt hatte, hörte sie auch ein leises Schnarchen.

Nun, was hätte eine normale Frau an Barbaras Stelle gemacht? Sie wäre sicher vor Angst erstarrt, wenn sie einen schnarchenden Einbrecher im Heu ertappt hätte. Dann wäre die Magd rasch zu ihrem Herrn geeilt, um ihm den Strolch zu melden, doch nicht so die kühne Barbara! Dieses redliche Frauenzimmer besaß die Kraft eines Bären und das Temperament eines wilden Bullen. Barbara stellte den Korb mit den Eiern ab und lief in die Küche, um das Nudelholz zu holen. Zurück im Stall krempelte sie die Ärmel hoch, atmete noch einmal tief ein und lief dann hoch erhobenen Nudelholzes brüllend auf den Heuhaufen zu.

Mit einem Satz sprang sie auf den Haufen, direkt auf den Eindringling hinauf.

Habenichts war schon durch den Schrei der Magd geweckt worden, doch eh' er sich's versah, war sie schon auf ihm und gab ihm kräftige Schläge mit dem Nudelholz.

"Erbarmen! So habt doch Erbarmen mit mir!" rief Habenichts voller Furcht.

Laut schreiend versuchte er, die keifende Furie von sich zu stoßen, doch die Magd war zu schwer für unsern Habenichts. Als Barbara bemerkte, dass es bloß ein Jüngling von gut und gerne zweiundzwanzig Jahren war, ließ sie von ihm ab. Habenichts, der Arme hatte natürlich auch so schon genug abbekommen. Überall wo ihn das Nudelholz getroffen hatte, zierten ihn nun blaue und violette Flecken. "Das kommt davon, wenn man sich auf fremdem Heu bettet!" rief die tapfere Magd. Habenichts stand so gut es ging auf und wollte an der Magd vorbei, doch da hatte sie ihn auch schon am rechten Ohr gepackt und rief: "Oh nein du elender Strolch, so einfach kommst du mir nicht davon! Du bist in diesen Stall eingebrochen und dafür wirst du auch die Rechnung begleichen müssen. Marsch folge mir jetzt, ich werde dich vor den Hausherrn führen. Er wird über dich richten und wehe du versuchst erneut zu entkommen!"

Habenichts immer noch am Ohr hinter sich herziehend, ging sie zurück in Richtung des Hauses, das Nudelholz all die Zeit über drohend erhoben, falls der Spitzbube sein Glück noch einmal erproben wollte.

Vor Schmerzen schreiend ging er seiner strengen Wächterin hinterher. So hatte er sich den Morgen wirklich nicht vorgestellt. Sein Reisebündel lag noch im Heuhaufen, jetzt war er um noch ein Stückchen mehr zu einem Habenichts geworden, als vorher schon.

Das schmerzende Ohr, mit dem ihm die Magd mit sich durch die Räume zog, hielt Habenichts nicht vom Bestaunen des Hausinneren ab. Alles war nur aus edelsten Hölzern gezimmert worden, die Möbel, die Decken wie auch die Holztäfelungen an den Wänden. Persische Teppiche dämpften den Schritt der erlauchten Bewohnerschaft und fein gearbeitete Spiegel erregten Habenichts' Aufmerksamkeit.

Die Magd schleifte den Burschen in ein Zimmer, das der Einrichtung nach wohl ein Gesellschaftszimmer zum Empfang von Gästen sein mochte. Hier ließ sie endlich sein Ohr los, das Nudelholz nach wie vor zum Kampf bereit erhoben. "Warte hier und wehe, du entfliehst erneut! Dann Gnade dir Herrgott" drohte Barbara und verschloss die Tür hinter sich. Habenichts ging erregt im Zimmer auf und ab. Natürlich würde er fliehen, wenn er konnte! Doch das war leichter gesagt als getan, er befand sich im ersten Stock, zu hoch für einen Sprung aus dem Fenster.

EliseStories to obsess over. Discover now