eins

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Wenn man ohne Eltern aufwächst kann einen das ziemlich runterziehen, man fühlt sich einsam, verlassen, ungerecht behandelt und fragt sich, was das Leben für einen Sinn hat.
Meine Eltern starben als ich fünf war bei einem Autounfall. Ich war damals nicht mit im Auto, dafür aber meine große Schwester, Em. Irgendwie schafften wir es, die Krankenhausaufenthalte, Pflegeeltern und Sozialarbeiter zu überleben und in einer eigenen Wohnung zu landen. Während für die meisten die erste Wohnung ohne Eltern ein großer Traum war, konnten wir uns nichts traurigeres Vorstellen, als diese ein Zimmerbude, die wir uns eigentlich nicht leisten konnten.
Erst, als wir die erste Nacht dort verbrachten, ohne einen Gedanken an unsere Pflegefamilien, wurde mir wirklich klar, was passiert war. Wir hatten unsere Eltern verloren. Sie waren tot. Unwiederbringlich. Beerdigt. Begraben. Leblos. Tot.
In dieser Nacht tat ich etwas, was ich mich noch nie zuvor getraut hatte - ich kroch zu Em ins Bett und schlief bei ihr, trotz der Kabel, der Gefahren und unserer Beziehung.

„Ich muss los", rief ich ins Wohnzimmer, wo sich meine Schwester aufhielt, wo sie sich immer aufhielt. Sie nickte abwesend, dann fragte sie: „Fährst du zu Dave?"
Wie angewurzelt blieb ich stehen: „Wir haben uns getrennt."
Jetzt schien sie aus ihrer Trance zu erwachen und drehte sich zu mir um: „Was? Echt? Wann denn?"
„Vor zwei Wochen." Dave war ein Arschloch. Ein richtiges Arschloch. Das schlimmste an ihm war, dass man es nicht bemerkte. Man könnte zwei Jahre lang mit ihm zusammen sein, darüber nachdenken, endlich zusammen zu ziehen und da trifft man vor seiner Wohnung plötzlich eine schwangere Frau, bei der man feststellen muss, dass es die Affäre seines Freundes ist.
Und trotzdem hatte ich nicht die ganzen Trauerphasen durchlebt. Ich hatte es nicht geleugnet, war dann nicht wütend geworden, ich hatte nicht versucht zu verhandeln, war nicht in eine Depression gerutscht und hatte es dann schließlich akzeptiert.
Ich war ausgeflippt, hatte meinen Freund getreten, ihn so lange angeschrien, dass ich für den Rest des Tages heiser war und es dann akzeptiert. Immerhin konnte ich es positiv sehen: ich bekam kein Kind von ihm, mit dem ich dann den Rest meines Lebens verbunden war. Ich war jetzt frei, konnte tun und lassen, was ich wollte.
„Geht es dir gut?", wollte Em wissen und kam langsam auf mich zu. Unbeeindruckt zuckte ich mit den Schultern: „Klar, so habe ich mehr Zeit zum arbeiten."
Em presste ihre Lippen aufeinander und nickte dann langsam. Ich hatte schon seit längerem das Gefühl, dass sie eifersüchtig auf meine Beziehung mit Dave war. Weil ich einen Freund hatte, den ich küssen und mit dem ich schlafen konnte, der mit mir sprach und von dem wir beide so lange geglaubt hatten, dass er mich wirklich liebte. Sie hingegen war erst ein einziges Mal geküsst worden und das war im Krankenhaus. Ich konnte mir vorstellen, dass es schwer für sie war, zu sehen, dass ein Augenblick, eine Entscheidung, ihr Leben so ruiniert hatte. Dass ich nur wegen dieser einen Entscheidung frei war, laufen und leben konnte, während ihr nicht mehr geblieben war, als ein Rollstuhl, Krankenhausaufenthalte und Medikamente.
Und eine Schwester, die sich nicht damit auskannte und es auch nicht gerade darauf anlegte, dass ganze kennen zu lernen.
„Ich muss wirklich los", wiederholte ich: „Ich bin heute Abend gegen 11 zurück, du musst nicht auf mich warten."
Wieder nickte sie, nur dieses Mal zwang sie ihre Lippen dabei zu einem kleinen Lächeln.

Another Life Where stories live. Discover now