„Frau Ludwig, was ist eigentlich das Leben?"
Mit dieser Frage schreckte Nicolas die halb toten Schüler des Philosophiekurses aus ihrem Delirium. In grässlicher Routine bewegten sich zwanzig Hände schleppend zum Kugelschreiber, ein lautes Klacken war zu hören, als sie sich alle darauf vorbereiteten, erneut etwas von der Tafel abzuschreiben.
So wie jeden. Verdammten. Tag.
Die Lehrerin an der Front des Raumes hob überrascht die Augenbrauen. Sie war es nicht gewohnt, dass in ihrem Unterricht Fragen gestellt wurden. Ja, war es überhaupt vorgesehen, Fragen zu stellen? Sie räusperte sich, bevor sie zu sprechen begann. „Nun, Nicolas, das ist eine sehr... schwierige Frage, die nicht eindeutig beantwortet werden kann. Vielleicht habt ihr ja... Ansätze?" Langsam hoben die Schüler ihre Köpfe und blickten die Lehrerin an. Noch im Halbschlaf, begannen sie erst langsam zu realisieren, dass die Frage an sie gerichtet war. Es dauerte ein paar Minuten, bevor die erste Hand sich langsam hob. Nach einem auffordernden Nicken seiner Lehrerin begann Adam zu sprechen.
„Das Leben ist ein Geschenk Gottes. Wir sollten es dankend annehmen und nach seinem Willen existieren", sagte er mit klarer Stimme. Einige rollten die Augen, andere nickten leicht. Die meisten zeigten keine Reaktion. Frau Ludwig ließ keine Emotion andeuten. „Nun, Adam, das ist ja eine eindeutige Aussage. Möchtest du deinen Ansatz vielleicht mehr... ausführen?"
Adam nickte, es gab so viel, was er dazu sagen konnte. „Das wir am Leben sind, ist einzig und allein Jesus zu verdanken. Er ist für uns gestorben. Wir sollten uns nicht von den Dämonen aufhalten lassen." Eine andere Hand hob sich, weiter hinten im Raum, und Lukas wartete gar nicht erst auf die Erlaubnis, zu reden. „Was willst du damit sagen? Dass wir alle mit jedem bisschen unseres Lebens zufrieden sein sollten?"
Adam verschränkte die Arme vor der Brust, sein Blick war auf die Lehrerin fixiert. „Genau das wollte ich damit ausdrücken."
Die Jagd war eröffnet. Alle waren aus ihrem langjährigen Schlaf erwacht, und das erste Mal seit langer Zeit schien so etwas wie eine Bereitschaft in den Jugendlichen erweckt worden zu sein. Lukas meldete sich wieder. „Was ist mit Obdachlosen, Adam? Mit den Opfern der zahlreichen Kriege? Mit den Hungernden auf dieser Welt?"
Frau Ludwig richtete ihren Blick auf Adam, welcher sich seiner Meinung noch immer so... sicher schien. Wie ein unerschütterlicher Berg saß er dort. „Denk darüber nach. Wo gibt es diese Probleme? Richtig. In islamischen, buddhistischen, hinduistischen Ländern. Vielleicht möchte Gott sie strafen." Einige Schüler sogen scharf die Luft ein. Linda streckte den Arm in die Luft, die Ärmel ihres schwarzen Pullovers bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. „Ich wurde streng katholisch erzogen, Adam. Mir wurde ebenso beigebracht, jemandem für mein Leben zu danken wie dir. Das ist für mich nicht das Leben. Das Leben ist... viel mehr. Und es besteht nicht nur aus Freude und Dankbarkeit."
Es war, als würde die Luft im Raum für einen kurzen Moment stehen, und als wäre jedermanns Fokus auf die Narben gerichtet, die die blasse Haut ihres Unterarms schmückten.
Adam schwieg. Er hatte nichts mehr zu sagen. Florentin dafür umso mehr. „Die wissenschaftliche Seite ist denke ich die, die die meiste Wahrheit enthält. Und die sieht unser Leben als ein Produkt von evolutionärer Entwicklung und so gesehen nichts als..." „Zufall", unterbrach Joshua sie. „Das ist es doch, was du sagen willst, oder? Es ist nichts als Zufall. Es gibt keinen Sinn dahinter, dass wir leben, und auch keinen Sinn dahinter, das wir darüber nachdenken."
Über die Ränder seiner Brille blickte er Florentin ausdruckslos an. Seine blonden Haare standen in alle Richtungen ab. Er hatte wenig geschlafen. „Natürlich gibt es einen Sinn", widersprach sie und strich sich ihre roten Locken aus dem Gesicht. „Allein genetisch gesehen, ist es unser Ziel, unser Erbmaterial so oft und gut wie möglich zu verstreuen."
Linda lachte spöttisch. „Das Leben besteht aus mehr als nur ficken, Florentin."
Frau Ludwig sah ihren Schülern interessiert zu. So etwas war für ihre Schüler ungewöhnlich. Das erste Mal schluckten sie nicht einfach irgendetwas, sondern dachten selbst nach.
Es war wie ein Funke, der das Ölfass nach langer Zeit entzündet hatte.
Florentin blickte Linda mit halb zusammengekniffenen Augen an.
„Sag du es mir, wenn du die richtige Antwort darauf hast."
Linda lächelte sie an. „Die Antwort muss jeder selbst finden." Joshua stieß ein schnaubendes Geräusch aus. „Macht euch doch nichts vor. Es gibt keinen gottverdammten Sinn. Wir sind so winzig im Vergleich zum Universum. Wir sind nichts."
Adam fand seine Worte wieder.
„Aber ich weiß, dass..."
„Ich weiß was du tust. Du vergeudest dein Leben damit, irgendeiner Fantasiegestalt nachzulaufen." Adam öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er sah hinunter auf sein Heft.
Nicolas legte den Kopf schief.
„Aber... solange es dem Leben Sinn gibt, ist doch nichts daran verwerflich." Der Großteil der Gruppe schien ihm zuzustimmen. Der kurze Moment des Schweigens, der nur durch Joshuas verächtliches Schnauben gestört wurde, wurde endgültig von Alice gebrochen, welche ihre kleinen, knochigen Hände übereinander gelegt hatte. „Wenn ich eine Definition einwerfen dürfte: Das Wort Leben bezeichnet grundsätzlich die Organisations- und Prozessform, die allen Lebewesen gemeinsam ist und uns von lebloser Materie unterscheidet."
Frau Ludwig nickte ihr zu, Florentin runzelte die Stirn.
„Willst du damit unser Leben mit dem einer Rose gleichsetzen? Rein biologisch gesehen wäre das bereits unmöglich." Alice blickte sie an, ihre Augen funkelten. „Das wollte ich damit nicht sagen."
Joshua meldete sich. „Wen interessiert das überhaupt? In ein paar Jahren sind wir eh alle tot. In ein paar Jahrhunderten ist es die ganze Menschheit. Wofür das ganze?"
Linda wandte sich zu ihm um. Sie sah traurig aus. Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst.
„Es ist für den Moment, Joshua. Der Moment ist das einzige, was für uns wirklich existiert."
Nachdenklich ließ Nicolas seinen Kugelschreiber klicken. Frau Ludwig ließ ihren Blick über die Klasse schweifen. Sie alle wirkten plötzlich so lebendig. Es war etwas, dass sie ernsthaft zum Denken gebracht hatte. Sie alle hatten ihre eigene Meinung.
Und dann... klingelte es. Keiner stand auf, nicht sofort. Sie alle waren noch in ihren Gedanken gefangen. Am Ende der Stunde lief es doch ohnehin darauf hinaus, dass sie alle so weiter machten wie vorher.
Den Raum verließen und allein ihrer Wege gingen.
Nicolas. Nicolas wurde fünf Jahre später mit Krebs diagnostiziert. Er unterlag dem Kampf mit fünfundzwanzig Jahren.
Adam. Er lebte länger. Er hielt an seinem Glauben fest, bis er mit fünfundachtzig Jahren verendete.
Lukas. Durch seine humanitären Einsätze rettete er hunderten das Leben. Nur sein eigenes konnte nicht vor dem Anschlag der Terroristen gerettet werden.
Linda. Sie schaffte es, ihre eigenen Dämonen zu überwinden. Sie lebte glücklich bis zu ihrem vierzigsten Geburtstag, wo ein betrunkener Autofahrer ihr das Leben raubte.
Florentin. Ihre zahlreichen Entdeckungen und wissenschaftliche Errungenschaften verhalfen ihr zu Erfolg, aber vor ihrem Tod mit achtundsiebzig konnten sie sie nicht schützen.
Joshua. Mit nur achtzehn Jahren nahm er sich das Leben.
Alice. Die Familie war ihr Schlüssel, und in diesem Kreis starb sie in einem hohen Alter.
Und eine Antwort? Eine Antwort haben sie alle nicht gefunden.
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Schulgeschichten
Short StoryEine Sammlung aus Kurzgeschichten und sonstigem Buchstabensalat, der mir gerade in den Sinn kommt.
