Mit dicken, warmen Klamotten stapfte sie die Straße entlang durch den Schnee. Ihren Bollerwagen voller Zeitungen zog sie wie jeden Sonntag hinter sich her. Immer wenn jemand an ihr vorbei ging, setzte sie sofort ein fröhliches und realistisches Lächeln auf und begrüßte die Personen, welche ihr begegneten.
Es war perfekt. Perfekt einstudiert. So wirkte es zumindest auf ihn.
Wie immer sah er aus dem Fenster und beobachtete das wahrscheinlich gleichaltrige Mädchen dabei, wie sie ihrer Arbeit nachging. Ihr, wie er es bezeichnet, mysteriöses Verhalten und was dahinter stecken könnte bereitete ihm wie so oft Kopfschmerzen. Immer wieder dachte er darüber nach, warum Menschen in diesem Zyklus leben. Sie war das perfekte Beispiel.
Fast schon Roboterhaft ging sie die Straßen entlang und warf die Zeitungen in die Briefkästen ein. Reflexartig lächelte sie nicht nur Menschen, sondern auch Tieren zu und sobald deren Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihr lag, hatte sie wieder ihren neutralen, gleichgültigen Gesichtsausdruck. Ihn interessierte es, was hinter dieser Fassade steckte. Sie schien eine perfekte Maske immer griffbereit bei sich zu tragen.
Aber warum? Warum spielt sie Emotionen vor? Ist bei ihr alles in Ordnung? Was sind ihre Gründe? Wie ist ihr Charakter wirklich? Weiche Scharle, harter Kern? Oder ist dies auch nur ein Trugbild? - fragte er sich.
Sie war in der Zwischenzeit in eine Nebengasse eingebogen. Er wartete. Währenddessen beobachtete er ein paar Kinder, welche im Schnee spielten und mit Schneebällen warfen. Sie kam zurück, bemerkte die Kinder anfangs jedoch nicht, bis eines von ihnen sie mit einem Schneeball am Kopf traf.
Sie redeten. Er konnte nicht hören worüber, sein Fenster war geschlossen. Aber er konnte sie wieder lächeln sehen. Sie schien sich noch kurz von den Kindern zu verabschieden, ehe sie den Griff des Bollerwagens in ihre Hand nahm, sich umdrehte und diesen wieder hinter sich her zog. Ihr Gesichtsausdruck wechselte wieder ruckartig.
Sie kam auf sein Haus zu. So schnell er konnte ging er die Treppe hinunter in den Flur. Er wollte die Zeitung persönlich entgegen nehmen und sie einmal von nahem sehen. Kurz bevor sie die Zeitung einwerfen konnte, öffnete er die Tür.
Sie zuckte leicht vor Schreck zusammen, lächelte dann aber wieder gekonnt. Erfreut darüber, dass sie eine ernstgemeinte Emotion zeigte, zuckten seine Mundwinkel kurz leicht nach oben.
Hier, bitte sehr, ihre Zeitung. Tschüss, schönen Tag noch! - meinte sie und überreichte ihm die Zeitung ehe sie sich umdrehte und gerade gehen wollte.
Beinahe schon reflexartig griff er nach ihrem Handgelenk. Erneut zuckte sie zusammen und drehte sich um, nur um dann wieder ihr Lächeln zu präsentieren.
Ist noch etwas? - fragte sie ihn.
Er musterte sie ruhig. Ihre Augen waren dunkel und sahen leer aus. Wie ein tiefes Loch, in welches man hineinfallen könnte, wenn man zu lange hineinsah. Sie schien blass zu sein. Nicht auf die Hautfarbe bezogen, sondern eher kränklich. Ihre Haare waren zu einem normalen Pferdeschwanz gebunden und im Großen und Ganzen sah sie ebenso normal aus. So unbesonders und durchschnittlich, dass es fast schon wieder ungewöhnlich war, von ihrem interessanten Verhalten mal abgesehen.
Willst du mit mir ausgehen? - war das Einzige, was er in diesem Moment herausbrachte.
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Trugbild. | OneShot
Short Story~~~~~~~~~~ Textausschnitt: "Fast schon Roboterhaft ging sie die Straßen entlang und warf die Zeitungen in die Briefkästen ein. Reflexartig lächelte sie nicht nur Menschen, sondern auch Tieren zu und sobald deren Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihr lag...
