Küstenkind

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Ich komme von der Küste und seitdem ich lebe, vergleiche ich auch mein Leben mit dieser: Als ich klein war, war mein Leben in etwa der Bereich am Strand, der für Nichtschwimmer mit Bojen abgesteckt ist, der, dessen Zutritt bei etwas höherem Wellengang verboten ist. Denn damals wurde ich von allen gehütet wie eine kostbare teure Glasvase, die ja nicht herunter fallen darf. Als ich dann älter wurde, schwamm ich immer weiter aus dem Nichtschwimmerbereich hinaus und lernte die Küste auf meine ganz eigene Art und Weise kennen:

Das bedeutet, ich erlebte meinen ersten Schultag und schwamm dabei mit den Wellen, als wäre niemand je schneller geschwommen. Ich erlebte meinen ersten Liebeskummer und wartete dabei über den steinigen Boden, bis endlich nur noch Sand unter meinen Füßen war und ich ihn überwunden hatte. Ich erlebte wie es war, Regeln zu brechen und sich deshalb schlecht zu fühlen, als wenn man zu tief getaucht war und salziges Wasser in die Nase bekommen hatte. Ich fand die besten Freunde, die ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen konnte, genau solche, mit denen man im Sommer Wettschwimmen macht, bis einem die Haut aufgeweicht ist. Ich hatte meine zickigen Phasen, zickiger als die Seemöwen die kleinen Kindern ihr Eis klauen und lernte mich durchzusetzen wie die Wellen gegenüber einer kleiner Sandburg. Aber angekommen bin ich noch lange nicht, ich bin weit geschwommen und stehe nun kurz vor einer Sandbank. 12 Jahre Schule liegen jetzt beinah hinter mir und ich bin dabei, die letzten anstrengenden Züge bis hin zur Sandbank zu schwimmen.

Wenn ich dort angekommen bin, habe ich Pause zur Regeneration und dann geht es weiter ins offene Meer hinaus. Dann ist nichts mehr schonungslos, dann ist der Turm der Wasserwache nicht mehr in meiner Nähe. Auf der Sandbank habe ich Zeit. Zeit um eine Entscheidung zu treffen, wie es weiter gehen soll? Wohin soll die Reise gehen? Ich habe Träume und Erwartungen.

All diese habe ich damals auf eine Liste geschrieben. Damals, nachdem ich die Steine nach meinem Liebeskummer überwunden hatte. Ich habe sie in eine Flaschenpost gesteckt und davon schwimmen lassen, damals. Was ich mir davon genau erhoffte, ich weiß es nicht? Vielleicht, dass jemand sie findet und sich fragt, wer so eine Liste wegschwimmen lässt? Vielleicht, dass ich sie einmal finde, wenn ich alt bin wie in einem ganz kitschigen Roman oder war es mir damals vielleicht einfach peinlich diese Liste in meiner Nähe aufzubewahren, sodass meine Eltern oder gar Freunde sie finden könnten?

Auf dieser besagten Liste stand so Einiges: Eine Nacht durch machen; 15 Punkte schreiben; mitten in der Stadt anfangen, zu tanzen; Biologie studieren; heiraten; etwas erreichen; Kinder bekommen und ganz unten, dass weiß ich noch ganz genau, stand in dicken, rote Buchstaben: für immer glücklich sein! Manches habe ich jetzt schon erreicht und könnte es abhaken, aber noch längst nicht alles...

Ich bin gerade bei dem Punkt vor der Studienwahl, kein einfacher, auch wenn ich mir damals so sicher war...Aber irgendwie wird die Vorstellung einfacher, wenn ich daran denke, dass auch meine Flasche mit der Liste bei Sturm auf dem weiten Weg durch die Ozeane war. Es fühlt sich fast so an, als wäre sie mir immer ein kleines Stückchen voraus. Vielleicht ist das Papier, auf dem ich die Liste geschrieben habe, mal nass geworden und die Schrift ist verlaufen, vielleicht ist sie dann wieder getrocknet.

Der Gedanke an sie macht es mir einfacher, er gibt mir Kraft dafür, mit einem eleganten Kopfsprung erneut in das eisige Wasser hinein zuspringen und mich von den Wellen treiben zu lassen. Meine Flaschenpost ist vielleicht immer noch unterwegs und ebnet mir den Weg zum Nachkommen, vielleicht ist sie aber auch schon auf Sand gelaufen und liegt jetzt irgendwo an einem sonnigen Strand und wartet dort auf mich. Irgendein sonniger Strand, den ich auch erreichen möchte, wenn ich die Liste abgearbeitet habe; wenn ich etwas erreicht habe, geheiratet habe, Kinder habe. Ich glaube, dann, irgendwann in der Zukunft, ist der richtige Moment, aus dem Wasser an den Strand mit meiner Flaschenpost zu warten. Und den letzten Punkt dieser zu erfüllen und zwar den für immer glücklich zu sein...

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