Kapitel 1 - Von Thai-Essen und Dramaqueens

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Kapitel 1 - Von Thai-Essen und Dramaqueens

Da bin ich also. Ich sitze auf meinem Skateboard, rolle damit auf dem dunklen Holzfußboden umher und bin furchtbar sauer. Sauer auf Vincent, weil er mich zu diesem Schwachsinn überredet hat und sauer auf mich, weil ich verdammt inkonsequent bin. Inkonsequent und dumm.
Ein bisschen bin ich sogar sauer auf Ma, weil sie diese Aktion einfach so erlaubt hat, ohne mit der Wimper zu zucken. Irgendwie ist das ein bisschen wie ein Schlag in den Magen. So, als würde sie mir einfach erlauben, Koks zu nehmen. Obwohl es mir dann jetzt wohl deutlich besser gehen würde.

Zugegeben nerve ich mich selbst ein bisschen, weil ich die Situation dramatisiere und weil es ja eigentlich meine Entscheidung war, auszuziehen, aber spätestens, nachdem ich nach der elften Klasse die Schule abgebrochen hab, weiß jeder, dass ich eher unzurechnungsfähig bin, was lebenswichtige Entscheidungen angeht. Rox sagt, das hab ich von Dad. Schließlich war er derjenige, der sich vor über fünfundzwanzig Jahren Hals über Kopf in das Mädchen verliebte, das für ein Jahr als Au Pair bei seiner Familie in London lebte. Schließlich war auch er derjenige, der dann mit diesem Mädchen nach Hamburg gegangen ist und mit ihr eine Großfamilie gründete. Die Entscheidung aber, die sein Leben am meisten prägte, fällte er nicht selbst. Wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, zu entscheiden, er hätte sich gegen eine Krebserkrankung entschieden und gegen den Tod, weil er das Leben liebte, so wie es war. Ich hätte gern mit ihm getauscht.
Da bin ich also. Minderjährig, mit einer eigenen Wohnung, ohne Geld, ohne Schulabschluss, mit dem beschissensten Job der Welt und dem schrägsten Mitbewohner, den man haben kann.

Vincent meint, es hätte mich viel schlimmer erwischen können, schließlich hab ich gesunde und schöne Haare, aber die nützen mir auch nichts, weil ich eigentlich viel lieber Rastalocken hätte, so wie er, wofür ich leider zu feige bin.
Eigentlich muss ich unser Geschirr in den Küchenschrank einräumen und eigentlich muss ich auch Abendessen machen, aber die Karte des kleinen Thai-Imbiss’ im Stadtzentrum blickt mich verführerisch von unserer neuen Pinnwand an und dafür brauchen wir sowieso kein Geschirr.
„Heute hast du anscheinend wieder mal ganz tolle Laune.“, kommentiert Vincent, der gerade zur Tür hereingekommen ist, als er meinen Gesichtsausdruck sieht.
„Du hast mir jeden Funken Optimismus und jede Prise Zuversicht genommen, als du entschieden hast, mich zu zwingen, mit dir hier einzuziehen.“, meine ich und seufze theatralisch.
„Ich hab da ja diese Theorie und die besagt, dass du einfach nur der schlecht gelaunteste Mensch der Welt bist.“, entgegnet er und schiebt mit dem Fuß einen Umzugskarton zur Seite.
„Und ich habe die Theorie, dass du der größte Schwachkopf des Universums bist.“, gifte ich zurück.
„Die hab ich auch.“ Vincent grinst und streift sich die Ärmel seines Sweatshirts über den Ellbogen.

„Du stinkst. Nach Schweiß, Dummheit und Versagen.“, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Oh, geliebte Lilli, wie könnt Ihr so etwas nur sagen? Dies bedrückt mich sehr!“ Vincent fasst sich bei diesen Worten an die Brust und sinkt auf die Knie, als hätte jemand ihm ein Schwert ins Herz gerammt und er würde jeden Moment draufgehen.
„Geh duschen. Ich bestelle in der Zeit was zu Essen.“, lache ich und schüttele den Kopf.
Vielleicht wird es mir doch ganz gut tun, mit Vincent zusammen zu wohnen, weil er der positivste Mensch ist, den ich kenne.
Rückwärts geht er Richtung Badezimmer und ich greife nach dem Telefon.
Später sitze ich auf dem Sofa und blättere in Vincents Schulbüchern, während nebenbei der kleine quadratische Fernseher läuft, auf den wir stolz wie Oskar sind, weil er das Programm tatsächlich in Farbe zeigen kann und das, obwohl er uralt ist.
Mein Handy fängt an, zu bimmeln und ich angele es mir vom Wohnzimmertisch.
Als ich drangehe, quengelt mir ein gestresster Tobi ins Ohr, dass sein Leben schrecklich ist und dass er heute bei uns schläft. Ehe ich Protest äußern kann, hat er aufgelegt und ich seufze.
Tobi ist der nervigste Mensch, den ich kenne.

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