Teil 1

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"Und Sie erinnern sich nicht wer Sie aus dem Auto geholt hat?" fragte die Polizistin mit den kurzen Schwarzen Haaren nun zum zwölften Mal - ja ich hatte mit gezählt. Sie hatte mir ihren Namen genannt doch ich erinnerte mich nicht mehr. Irgendwas mit S. Susanne oder so ähnlich. War ja auch  egal. Es gab gerade schließlich wichtigeres. Zum Beispiel die verliebten Blicke, die ihr Kollege ihr die ganze Zeit zu warf. Seinen Namen wusste ich noch ganz genau. Herbert. Wie sollte man so einen Namen auch vergessen können?
"Enya?" unterbrach Susannes sanfte Stimme meine Gedanken.
"Silvia hat dich etwas gefragt!" mischte Herbert sich in das Gespräch ein. Mist. Also doch nicht Susanne.
"Nein." sagte ich unsicher. "Nein ich erinnere mich wirklich nicht wer mich aus dem Auto geholt hat."
Silvias Blick wandelte sich. Aus dem leuchten in ihren Augen das ich als hoffnungsvoll deutete wurde Resignation. Natürlich. Ich verstand sie. Endlich hatte sie einen ernsthaften Fall und ihre einzige Zeugin litt an einem ernsthaften Gedächtnisverlust.
Obwohl..
"Haben sie es schon bei meinen Eltern versucht?" Fragte ich, in der Hoffnung etwas sinnvolles beizutragen. "Vielleicht können die sich an mehr erinnern."
Die zwei Polizisten wechselten einen vielsagenden Blick den ich nicht verstand und schauten mich dann mitleidig an.
"Enya..." fing Silvia an. Ooh nein das hieß nichts Gutes.
"Enya..." begann sie ein zweites Mal.
"...Wir sollten es dir eigentlich erst erzählen wenn du dich wieder an mehr erinnerst aber den Umständen entsprechend..." sie sah sich hilfesuchend nach ihrem Kollegen um doch dieser musterte betont beiläufig die Fliesen an den weißen Krankenhauswänden die plötzlich sehr interessant zu sein schienen.
Stöhnend wendete Silvia sich wieder mir zu.
"Enya deine Eltern sind tot."
Sie sagte es so schnell das ich mir nicht sicher war sie richtig verstanden zu haben.
"W...w...was?" Meine Stimme bebte.
"Als die Brücke einstürzte und ihr zusammen mit über hundert anderen Menschen ins Meer gefallen seid, ward ihr, genau wie alle andern in eurem Auto eingesperrt denn diese Brücke - die mal eine Brücke war - dient ja, wie du weißt, als Autobahn..."
Ich schaltete ab. Ich musste nichts mehr hören. Plötzlich stürzte alles auf mich ein. Alle Erinnerung kamen mit einem Schlag zurück schreiben und ich wünschte ich könnte sagen sie wären  an mir vorbei geflogen, so leicht wie der Flügelschlag eines Vogels doch sie verfolgten mich ab diesem Tag jede Nacht in meinen Träumen.
Der laute Krach als die Brücke zusammenfiel, der Schrei meiner Mutter den ich heute noch in meinen Ohren höre, mein Vater, wie er mich schützend in den Arm nimmt und sein liebevoller Blick als ihm bewusst wird: Es ist vorbei. Die Panik in den Augen meiner kleinen, zwei jährigen Schwester die das alles nicht realisieren konnte und dann... blackout. Das letzte was ich sah war, wie langsam das Leben aus den Gesichtszügen meiner Mutter wich.
"...du bist die einzige die überlebt hat und wir wollen nun herausfinden wie..." Silvia redete immer noch. Ich sah sie nicht an. Ich wusste wie leer mein Blick sein musste.
Wie konnte sie nicht bemerken, dass mich das gerade alles einen scheiß interessierte. Meine Gedanken überschlugen sich und ich hatte das Gefühl, mein Herz würde nicht mehr im richtigen tackt schlagen. Meine Augen  wanderten zu ihrem Hals und von dort aus direkt zu ihren Augen. Ich weiß nicht was sie in meinem Blick sah, ob es  einfach nur tiefe Trauer oder Hoffnungslosigkeit war, aber irgendwas ließ sie verstummen.
Eine Zeit lang herrschte Stille. Es war so still, das man sogar eine Stecknadel hätte fallen hören, so still, das ich mir nicht vorstellen konnte, das zu diesem Zeitpunkt irgendjemand auf dieser Welt etwas sagte.
Es gefiel mir. Endlich konnte ich mit meinen Gedanken alleine sein. Ja, ich gebe zu einen kurzen Moment lang sah ich keinen Sinn mehr in meinem Leben. Ich zweifelte daran, dass man glücklich sein konnte, wenn man ganz alleine auf dieser Welt war.
Plötzlich hörte ich Herberts leise Stimme: "Du kannst eine Therapie machen wenn du möchtest" und dieser kleine Satz brachte alles zum zersprengen. Ich brauchte keine Therapie! Nein! Ha! Das letzte was ich wollte war, das die Leute mich für verrückt hielten. So weit kam es ja auch noch. Und ohne es kontrollieren zu können, fing ich plötzlich an zu lachen. Ich lachte und weinte gleichzeitig wie eine Geisteskranke aber in diesem Moment war es mit egal. Ich lies allen meinen Gefühlen freien Lauf bis ich keine Luft mehr bekam. Dann grinste ich und sagte zu den beiden Hampelmännchen die vor meinem Bett standen und mich entsetzt anstarrten: "Sie dürfen jetzt gehen."

W H O ?Where stories live. Discover now