KAPITEL 1 - REGEN

43 3 8
                                        

Regen hämmert gegen die Scheibe, alles wird dunkler. Das Tröpfeln wird lauter. Ich sehe aus dem Fenster und augenblicklich macht sich Entspannung in mir breit. Im Gegensatz zu den Anderen liebe ich den Regen. Wie er auf die Erde nieder schlägt und für einen kurzen Moment alles ruhig scheint - als würde er das ganze Leid und Elend einfach weg waschen. Die Leute auf den Straßen verschwinden und für einen Moment scheint die Welt stehen geblieben zu sein. Stundenlang könnte ich am Fenster stehen und beobachten, wie Tropfen auf die Erde einschlagen. Ganz sanft, ganz leise und unbeschwert. Vielleicht liebe ich deshalb den Regen. Er vermittelt Freiheit. Denn in dem Moment, indem der erste Tropfen fällt, ist alles vergessen.

Mit leisen Schritte schleiche ich mich zum Fenster. Der Mond wirft Licht auf mein silbernes Windspiel und als ich das Fenster öffne beginnt es allmählich sich zu drehen. Der Klang erweckt ein warmes, bekanntes Gefühl in mir. Ein Gefühl der Geborgenheit, der Sicherheit. Und auch wenn sich Wärme in mir breit macht, bildete sich langsam eine Gänsehaut auf meiner Haut. Langsam lasse ich mich auf mein Fensterbrett sinken.

Der Wind weht mir angenehm um die Nase, meine Haare kitzeln meine Haut. Ich richte meinen Blick gen Himmel und sehe Licht. Der Mond scheint direkt auf mich zu strahlen, als wäre ich die einzige Person, die eine Rolle spielt. Der Ganze Himmel ist bedeckt von Wolken. Bis auf den Mond.

Irgendetwas war anders. Der Regen hatte bereits aufgehört.

In der Nacht, der tiefen Dunkelheit entfaltet die Stadt ihre wahre Schönheit. Die Ruhe die die Nacht über sie hereinbringt, die Dächer der Häuser, die im Mondschein funkeln zu scheinen und all die kleinen Lichter. Und wenn man ganz genau hinsieht, könnte man gar meinen, sie bewegen sich. Tauschen sich aus. Leben ihr eigenes Leben. Und hin und wieder, wenn man ganz still ist, kann man sie sogar lachen hören. Leibhaftig Lachen. Nachts scheint es eine andere Welt zu geben.

Eine bessere, gelassene Welt. All die Hektik gänzlich vergangen.

Eine andere Welt -

eine echte Welt.

Ich konnte mich nie in die Welt einbetten. Zwar hatte ich schon immer Menschen um mich, die mich mochten, doch trotz dessen fühle ich mich einsam. Nicht alleine, nein, einsam. Mir fehlt schon von klein auf eine Anbindung zur Gesellschaft. Ich war nie in der Lage, andere Kinder zu verstehen. Nicht einmal meine Eltern. Sie haben mich aufgenommen als ich noch ganz klein war. Ich liebe sie und bin endlos dankbar, für alles was sie mir ermöglicht haben. Und doch sind sie mir so fremd.

In der Nacht fühle ich mich voller. Und auch wenn ich in der Nacht alleine bin, fühle ich mich geborgen. Geborgen von der Realität. Die Realität, die tagsüber auf mich einschlägt.

Unvermutet höre ich etwas. Ein lautes Zischen. Blitzartig drehe ich meinen Kopf und ein kleines Licht flog über den Himmel. Doch sobald ich es ansah war es auch schon verschwunden. Ein leises Lachen erreicht meine Ohren. Ruckartig sehe ich mich um. Nichts. Die Dunkelheit hat die Stadt gänzlich eingebettet. Langsam schleiche ich rückwärts auf mein Bett, lasse mich leise auf dieses Fallen. Angst bahnt sich an.

Die kühle, frische Luft hat mein Zimmer komplett eingehüllt. Ich lege mich unter die Decke, wage es allerdings nicht, meine Augen zu schließen. Mein Windspiel beginnt sich schneller zu drehen. Ein kurzer Blick zum Fenster verrät, dass alle Wolken vom Himmel verschwunden sind. Die Sterne leuchten unerwartet hell. Und schon wieder scheine ich im Mittelpunkt zu stehen. Ich spanne mich an.

Etwas ist anders. Etwas muss anders sein.

Ich beobachte mein Windspiel eindringlich. Je schneller es sich dreht, desto mehr funkelt es. Desto mehr habe ich das Gefühl, es möchte mir etwas sagen. Doch diesen Gedanken verwerfe ich wieder.

Ich kralle mich hart an meiner Decke fest. Mein Atem wird unruhiger.

Ein weiteres Zischen erfüllt mein Zimmer. Die Atmosphäre hatte sich komplett verändert. Mein Körper ist wie erstarrt, mein Augen aufgerissen. Unsicherheit erfüllt meinen Körper. Das Windspiel stoppt abrupt. Die plötzliche Stille ist so verdammt laut. Ich schau mich in meinem Zimmer um. Und in dem Moment, in dem mein Blick zum Fenster zurück findet, steigt mein Puls schlagartig in die Höhe.

Genau an dem Ort, an dem ich vor wenigen Minuten noch selbst verträumt auf die Stadt hinab schaute, steht etwas -

Ein Mädchen.

LostWhere stories live. Discover now