Kapitel 1

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»Ich kann es einfach nicht fassen!« Meine Mutter lief im Wohnzimmer auf und ab und fuchtelte aufgebracht mit beiden Händen in der Luft herum, sodass ihr die braunen Locken auf die Stirn fielen. »Wie oft musst du es noch hören?!« Mit wütenden Augen funkelte sie meinen Vater an, der ausgebreitet auf unserem teuren Ledersofa lag und abwesend an die Decke starrte. Er schien sie nicht zu beachten.
Während ich den Streit meiner Eltern - oder besser gesagt den meiner Mutter - mitverfolgte, stand ich barfuß und noch in Pyjamashorts hinter der Wand, die Wohnzimmer und Flur abtrennte und hoffte inständig unentdeckt zu bleiben.
Dass ich von Geschrei und Gezanke geweckt wurde, war inzwischen nichts ungewöhnliches mehr für mich. Derartige »Diskussionen«, wie meine Mutter es pflegte solche monsunartige Ausbrüche - so hatte ich sie getauft - zu nennen, kamen in letzter Zeit in unserer Familie nicht gerade selten vor.
Dad gab einen brummigen Laut von sich und hielt sich die Hand an die von Schweißperlen belegte Stirn. Seine schwarzen Haare wirkten schlaff und fettig, so als hätte er sich seit Monaten nicht gewaschen. Sein Gesicht war blass und das weiße Shirt, das er trug war von irgendeiner ekligen Substanz übersät. Ich wollte gar nicht weiter darüber nachdenken, wie die braunen Flecken zustande gekommen waren. Er sah schrecklich aus. Auf dem gläsernen Couchtisch lag inmitten einer goldgelben Flüssigkeit, die sich langsam immer weiter ausbreitete ein zerbrochenes Glas. Erst jetzt spührte ich den alkoholischen Geruch in meine Nase aufsteigen. Es versetzte mir einen Stich.
Mom strich sich mit beiden Händen übers Gesicht, wie als würde sie versuchen ihre Wut und all die Sorgen, die sich in den letzten Monaten in ihrem Kopf aufgetürmt hatten, abzukratzen.
»Du benimmst dich als wärst du ein Teenager. Du hast eine siebzehnjährige Tochter, wenn ich dich daran erinnern darf.« Dad schnaubte. »Lass Lina aus dem Spiel.« Obwohl er sich Mühe gab zu sprechen, betrachtete er weiterhin mit leerem Blick die hohe Decke unseres Hauses. Ohne Vorwarnung fing Mom wieder an zu schreien. »Was soll das heißen, lass Lina aus dem Spiel? Soll ich zu ihr gehen und ihr jedes mal wenn du flach liegst sagen >Oh nein Schätzchen, Daddy geht es gut. Er erholt sich schon wieder. Aber bleib morgen Abend länger aus, ich will nicht, dass du ihn in seinem vollen Rausch erlebst, oder, dass er dir vielleicht wehtut ohne es zu merken!< « Das Ende des Satzes betonte sie so abscheulich, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte. Mein Vater versuchte mühselig sich aufzurappeln. »Jetzt sei nicht albern Sindi.« Fast unmerklich stöhnte er, als er sich an der lederigen Armlehne festhielt, um nicht wieder zurück zu klappen. »Ich würde sie niemals verletzen. Sie bedeutet mir alles.« Ein mulmiges Gefühl durchzuckte meine Magengegend. Ich wäre gerührt von Dad's Worten gewesen, wenn ich nicht gewusst hätte, welche Auswirkungen Alkohol auf ihn hatte. Natürlich zweifelte ich nicht daran, dass er mich liebte, genau so wie ich ihn auch liebte. Immerhin war er mein Dad. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er in betrunkenem Zustand nicht wusste was er tat, was auch ihm sehr wohl bewusst war. Das verwandelte seinen eben genannten Gesichtspunkt nur in leere Worte.
»Ach ja? Ist das so, Dan?« Mom verengte die Augen zu Schlitzen. Sie schien seinen Wunden Punkt gefunden zu haben. Sie beugte sich langsam und bedrohlich zu ihm herunter, um gleich darauf angeekelt wieder zurück zu weichen. Eine Hand vor die Nase gehalten, verzerrte sie das Gesicht. »Dann beweise es und krieg' dich verdammt noch mal in den Griff.« Sie musterte ihn eindringlich. Dad saß nun quer auf der Couch, ließ die Arme schlaff herunterhängen und hatte den Kopf leblos hinuntergebeugt. Es sah aus als würde er eben ein kurzes Mittagsschläfchen halten. Ich wusste nicht wie ich es anders bezeichnen konnte: er sah aus wie ein Häufchen Elend. Aber nein. Ich wusste es besser. Ich wusste, dass es hinter seinem trostlosem Äußeren viel gab, um das es sich zu kämpfen lohnte. Meine Mom wusste das genau so sehr wie ich, sonst hätte sie ihn schon lange verlassen. Wenn Sie keine Hoffnung gehabt hätte, wäre sie niemals auf das Angebot einer Paartherapie eingegangen. Er hatte es schonmal geschafft die Alkoholsucht zu überwinden. In der Entzugsklinik hatten sie es geschafft ihn wieder in die Realität zu bringen. Er war gerade mal zwei Monate wieder zuhause. Das hier war nur ein Aussetzer. Das redete ich mir zumindest ein.
Ich hörte Absätze auf purem Laminat klackern und hüpfte leichtfüßig einige Stufen die Treppe, die zu meinem Zimmer führte, hinauf.
Als Mom im Türriemen auftauchte, schreitete ich betont lässig die Stufen wieder hinunter, so als wäre ich gerade eben aufgewacht. Sie betrachtete mich mit einem fragenden Blick.
»Guten Morgen.« ich zwang mich zu einem verschlafenen lächeln.
Sie lächelte zurück und ihr Misstrauen verschwand. In Gedanken lobte ich mich für mein schauspielerisches Talent.
»Morgen, mein Schatz.«, sagte sie mit ihrer lieblichen mütterlichen Stimme. Es klang als wäre das alles gerade nicht passiert. Die Szene, die ich bis vor einigen Sekunden heimlich mit angeschaut hatte, gab es plötzlich nicht mehr.
Ich sprang die letzte Stufe hinunter und wollte geradewegs an ihr vorbei in die Küche, als sie sich vor mich stellte und sorgsam auf mich herab blickte. Sie warf einen Blick über die Schulter ins Wohnzimmer, dort wo Dad immernoch lag - was ich allem Anschein nach nicht wissen sollte - und drückte ihre Hände auf meine Schultern.
»Ehm... Hör mal. Dein Dad hat gestern... einwenig übertrieben.« Einwenig übertrieben? Ernsthaft? Ich schaute sie skeptisch an.
»Er hat wieder getrunken.« Als sie das sagte, hörte ich die Verzweiflung in ihrer Stimme. Sie hatte Angst um ihn. Sie befürchtete, er würde in seinen alten Rhytmus verfallen. Ich konnte es ihr nicht mal verübeln.
Ich seufzte und schaute direkt in ihre traurigen Augen. »Er wird wieder. Er hat es schon einmal geschafft aufzuhören.« Ich sagte es etwas lauter, in der Hoffnung Dad würde es hören und verzog die Lippen dann zu einer schmalen Linie, um Mom zu zeigen, dass ich keine Probleme damit hatte die Situation zu verarbeiten.
Sie seufzte und richtete ihren Blick auf den Fußboden. Mom wirkte irgendwie... hilflos.
»Seit wann bist du die jenige, die mich trösten muss?«, mit einem matten Lächeln wendete sie sich ab. Wieder klackerten ihre Absatzschuhe unheimlich laut, als sie auf unsere Haustür zuging. Sie hatte einen cremefarbenen knielangen Rock an und trug eine elegante weiße Bluse mit Volantärmeln. Im Gehen schnappte sie sich die Autoschlüssel vom Tresen in unserem Flur und ihre schwarze Michael Kors, die sie sich über die Schulter hängte.
»Ich fahre schnell rüber zur Firma.« Damit meinte sie den Familienbetrieb, den Dad und sie vor 20 Jahren gegründet hatten. Gleich nach dem sie geheiratet hatten, was relativ früh geschehen war, entstand die Idee, ihr eigenes Touristikunternehmen zu errichten. Das erste Gebäude, das »Milgrim's Tourism« angehörte, war in Transilvanien eröffnet worden. In der Stadt, in der meine Eltern aufgewachsen waren und sich kennenelernt hatten. Später hatte sich ihre Firma in zahlreichen Ländern und Staaten einen Namen gemacht. Schließlich hatten sie es bis hierher nach Boston geschafft. Hier hat es ihnen am meisten gefallen. Also entschieden sie sich dazu ein Haus zu kaufen und ihre eigene kleine Familie zu gründen.
»Mom, es ist Samstag.«, ich befürchtete, irgendwann würde sie noch einen Nervenzusammenbruch erleiden. Sie hielt inne und strich sich eine dunkelbraune Strähne aus dem Gesicht. »Ich weiß Lina-Maus, aber es ist dringend. Du weißt wie viel Frank die Firma bedeutet. Er hat angerufen und möchte...« Es ging also wieder um Frank. »Mo-om! Frank wird es überleben, wenn du dir einmal frei nimmst.« Frank war Mom und Dad's Betriebspartner. Er war dazu gestoßen, als meine Eltern ein Büro in Philadelphia eröffneten. Ab diesem Zeitpunkt an, hatte er einen Teil des Unternehmens von dort aus unter Kontrolle. Und damit auch das volle Vertrauen meiner Eltern. Jedoch hatte ich manchmal das Gefühl, er würde es ein wenig missbrauchen.
Meine Mutter trat auf mich zu und legte ihre Hand auf meine linke Wange. »Mir ist unsere Firma mindestens genau so wichtig wie ihm, Lina-Maus.« Mir blieb nichts anderes übrig als zu nicken und die Augen zu verdrehen. »Aaaalso werde ich mich jetzt auf den Weg machen.«, zuerst langsam, als würde sie abwarten, wie ich reagiere und dann schnell, marschierte sie zur Tür. »Im Kühlschrank ist noch reichlich Aufschnitt. Mach dir was zu essen.«, rief sie mir über die Schulter. »Ich bin keine fünf mehr.«, rief ich schmunzelnd zurück, doch bevor sie die Chance hatte noch irgendetwas zu erwidern, fiel die Tür ins Schloss.
Ich atmete einmal tief durch. Stille umgab mich. Ich wusste, ich musste mich nun meinem Vater und seinem erbärmlichen Zustand stellen. Ich ging einige Schritte nach vorne und lunste hinter der Flurwand hervor, darauf vorbereitet meinen Vater dort unbemittelt auf dem Sofa liegend vorzufinden.
Doch zu meiner Erleichterung war er nicht mehr da. Anscheinend hatte er die hintere Treppe genommen, um mir aus dem Weg zu gehen. Welcher Vater wollte, dass sein Kind ihn in seinen schlimmsten Zeiten erlebte?
Ich biss die Zähne zusammen und machte auf dem Absatz kehrt, um in die Küche zu gelangen. Als ich den Kühlschrank öffnete strahlten mich verschiedene Arten von Wurst, Käse und anderen Leckereien an. Mein Magen knurrte und ich merkte, dass ich imensen Hunger hatte. Ich schnappte mir die Packung Butter und eine Salami und schloss den Kühlschrank. Als ich zur leeren Stelle auf dem Küchentresen blickte, an der eigentlich Brötchen stehen sollten, wurde meine Laune um einiges gedrosselt. Mist.
Ich legte Wurst und Butter zurück und sprintete die Treppe hinauf, um mich zu waschen und umzuziehn. Im Bad hielt ich einen Moment inne und betrachtete mich im Spiegel.
Meine dunkelbraunen Haare vielen mir bis zu der Brust. Sie waren schonwieder viel zu lang und die Spitzen kaputt. Ich würde bald wieder zum Frisör gehen müssen. Meine grau-grünen Augen wirkten müde. Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und trocknete es ab. Nass, wirkten meine Wimpern fast unnatürlich lang. Meine Lippen waren spröde, so wie jedes Jahr im Sommer. Sie waren nicht gerade voll, wie die, von heißen Supermodels auf Zeitschriftencover, aber auch nicht gerade schmal. Ich war zufrieden mit ihnen. Eigentlich war ich im Allgemeinen überwiegend zufrieden mit meinem Körper. Ich hatte eine relativ schlanke Figur, besaß aber trotzdem Kurven. Im großen und ganzen hätte ich mich als >durchschnittlich< bezeichnet. Aber das störte mich nicht. Wen interessierte es schon ob man wie ein Model aussah? Wichtig war letztendlich doch nur, dass meine Freunde mich schätzten, wie ich war. Apropos Freunde. Ich lief in mein Zimmer und griff nach meinem Handy, das auf meinem Schreibtisch lag. Es war brennend heiß, da die Sonne direkt auf das Display geschienen hatte. »Später bei dir?« Ich schrieb Charlet eine Nachricht und wartete einige Sekunden. »Bring was zu Essen mit!«, kam auch schon die Antwort. Charlet war meine beste Freundin. Ich hatte sie erst ein Jahr zuvor in meinem neuen Oberstufenkurs kennengelernt. Wir hatten uns sofort super verstanden. Dennoch haben wir innerhalb kürzester Zeit festgestellt, dass es zwei verschiedenere Personen gar nicht geben konnte. Während ich die Vernünftige, mehr Verkrampfte von uns beiden war, zog sie mit ihrer Lebensfreude jeden in ihren Bann. Sie lebte nach dem Motto >Nutze den Tag< und war die spontanste Person, die ich kannte. Zwar konnte sie auch mächtigen Ärger machen, wie einmal, als sie nachsitzen musste, weil sie ins Lehrerzimmer eingebrochen war, um sich einen Kaffee zu holen. Damals war der einzige Kaffeeautomat unseree Schule defekt gewesen. Ohne ihre tägliche Ration Koffein war Charlet jedoch zu nichts zu gebrauchen. Also musste natürlich eine Lösung her.
Ich musste kichern, als ich mich an ihren verschrockenen Gesichtsausdruck erinnerte. Sie hatte ganz blass ausgesehen, als sie vor dem Zimmer des Direktors gewartet hatte. Dennoch hatte sie mich stolz angegrinst und berichtet, dass sie einen Schluck hatte trinken können. Es hatte sie noch nie interessiert, was Andere von ihr hielten. Ich dagegen, war so erzogen worden, immer mein Bestes zu geben und immer weiter zu machen, auch wenn es schwierig wurde.
Schnell zog ich einen luftigen Overall über und packte Schlüssel und Portmonnai in meinen Lieblingsrucksack. Während ich nach unten eilte, schrieb ich ein fahles »OK« zurück. Als ich auf dem Weg nach draußen an der offenen Küchentür vorbeiraste, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Dad stand mit dem Rücken zu mir an der Kaffeemaschiene und rührte in seiner Tasse herum. Als ich mich räusperte zuckte er leicht zusammen und drehte sich dann zu mir um. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit passender Krawatte und hatte sich die Haare nach hinten gegelt. Ein Blick auf den aufgeräumten Couchtisch im Wohnzimmer verriet mir, dass er das Chaos beseitigt hatte.
»Hey.«, er schaute mich aus geröteten Augen an. »Hey.«, erwidere ich, weil mir nichts besseres einfiel. »Wo willst du hin?« Mit einer Hand stützte er sich am Tresen, in der anderen hielt er die Kaffetasse, die er langsam zu seinen Lippen anhob.
»Ich fahre schnell zur Tankstelle nebenan und kaufe Brötchen.« Finster, schaute er auf den leeren Küchentisch. »Und du?« Er legte die Tasse ab und schlich an mir vorbei. Ich spührte einen starken Minzgeruch mit alkoholischem Nachgeschmack. »In die Firma. Deine Mutter hat eine Notfallsitzung einberufen. Irgendwas ist schiefgelaufen mit den Jubiläumsvorbereitungen. Anscheinend hat es im Urgebäude einen Einbruch gegeben oder soetwas ähnliches.« Richtig. Die ach so große Jubiläumsfeier der Firma stand bevor. Fast hätte ich es vergessen. »Milgrim's Tourism« plante eine Art Ball im aller ersten Gebäude der Firma, sprich, irgendwo in den transilvanischen Bergen. Dafür waren wir alle, einschließlich aller hochrangiger Mitarbeiter weltweit eingeladen einen gemeinsamen Abend als »Familie« zu verbringen, so wie es meine Mutter bezeichnete.
Dad schnappte sich seinen glanzhaft polierten Aktenkoffer und öffnete die Haustür. Helle Sonnenstrahlen brachen in unseren Flur und spiegelten sich in den Fließen wieder. Mein Vater hielt die Tür auf und schaute mich erwartungsvoll an. Ich hielt inne und starrte zurück.
»Na komm, ich fahr dich.«
Ha! Ganz sicher nicht. Ich würde doch nicht in den Wagen meines Vaters einsteigen, während er damit beschäftigt war auszunüchtern. Prüfend zog ich eine Augenbraue nach oben und fragte mich, ob er es ernst meinte.
»Nein danke, ich passe.«, war meine schlichte Antwort, als ich merkte, dass er mich wirklich fahren wollte. Er mochte zwar gut riechen und ordentlich aussehen. Durch seinen Smalltalk wirkte es sogar fast so, als hätte er sich letzte Nacht nicht in den Schlaf getrunken. Aber so tun als wäre es ein ganz normaler Morgen, damit würde er nicht durchkommen.
Anscheinend könnte er sich erahnen, was in meinem Kopf vorging, denn er seufzte einmal und neigte beschämt den Kopf nach unten, sodass sich eine schwarze Strähne aus seiner gestylten Frisur löste.
Sein Anblick machte mich traurig. Es ging ihm beschissen. Eigentlich hätte ich Mitleid mit ihm haben müssen, aber an seinem schlechten Zustand war er selbst Schuld. Er allein hatte es in der Hand sein Leben zu ändern und dennoch verfiel er offensichtlich wieder in sein altes Ich. Ich erinnerte mich, wie er einmal, als ich klein war, gesagt hatte, es würde ihm dabei helfen der Realität zu entweichen.
Um ehrlich zu sein konnte ich es noch nie verstehen. Sein Leben war nicht gerade das schlechteste. Eine Familie, die ihn liebte und immer hinter ihm gestanden hatte, ein großes Haus und ein gutes Geschäft. Warum tat er alles dafür, von diesem Leben wegzukommen? Ich konnte es drehen wie ich wollte, ich verstand es nicht.
»Lina?«, in Gedanken hatte ich meinen Blick gesenkt, doch jetzt traf er den seinen. Seine geröteten Augen glänzten und waren voller Schmerz. Ein lästiger Kloß bildete sich in meinem Hals.
»Es wird nicht wieder vorkommen.« Ich musterte ihn. Wie oft hatte ich diesen Satz schon aus seinem Mund gehört?
Ich wollte ihm glauben. Ich wollte ihm wirklich glauben. Aber ich konnte es nicht. Ich musste schlucken, um mich in den Griff zu kriegen und nicht in Tränen auszubrechen.
»Ich nehme mein Auto. Ist sicherer.« Mit diesen Worten raste ich hinaus in den Vorgarten, ohne ihm noch einmal in die Augen zu schauen. Das konnte ich im Moment nicht. Ich wusste mit dieser Bemerkung hatte ich ihn verletzt, aber vielleicht brachte es ihn wieder auf den Grund der Tatsachen zurück. Ich hatte noch Hoffnung für ihn.
Die pralle Sonne strahlte mir ins Gesicht, als ich in meinen Wagen stieg und aus der Einfahrt fuhr.
Fixiert auf den stürmischen bostoner Verkehr, starrte ich geradewegs nach vorn auf die Straße. Dad's Aktion hatte mir den Morgen versaut. Sowie ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, ergriff mich das schlechte Gewissen. Hier ging es um weit mehr, als um einen schlechten Morgen.
Ich versuchte mich abzulenken und schaltete das Radio ein.
Ich suchte nach meinem Lieblingssender und in null komma nichts dröhnte die Stimme von Rag'n'Bone so laut im Innenraum meines Autos, dass die Fenster zu vibrieren begannen.
»I'm only human after all, don't put the blame on me«, sang ich laut mit, bis meine Stimme in einem kehligen Krächzen unterging.
»Don't put the blame on me« Das Lied triefte nur so vor Ironie. Obwohl die Situation nicht zum Lachen war, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich wollte mir den Tag nicht vermiesen lassen. Später würde ich zu Charlet fahren. Dann konnte ich ihr detailliert von meinem störrischen Wachwerden und dem Geschehen danach berichten. Darauf freute ich mich schon. Alles mal raus lassen.
Aber erst musste ich schleunigst Brötchen oder etwas anderes zu Essen ausfindig machen, denn sonst würde mein Magen noch womöglich von der ganzen leeren Luft, mit der er gefüllt war, platzen. So fühlte es sich zumindest an.
Ich fuhr an zahlreichen Häusern vorbei, bis das Wohngebiet endete und ich mich zwischen Einkaufszentren, Cafés und verschiedenen Shops wiederfand.
Als ich um die Ecke bog, strahlte mich ein riesiges Schild mit der Aufschrift »Bob's Grocery« an. Nicht sehr originell, aber so weit ich wusste, der beste Lebensmittelladen in unserem Viertel. Mit meinen Eltern hatten sie damals neue Stammkunden dazu gewonnen. Unsere Einkäufe haben wir also schon immer hier gemacht.
Ich parkte meinen silbernen Audi Q7 direkt vor dem Eingang. Ich hatte Bully - so hatte ich mein Auto getauft - gerade mal vor drei Monaten von meinen Eltern zum siebzehnten Geburtstag bekommen. Meiner Meinung nach hätte ein gebrauchter Kleinwagen vollkommen gereicht, aber sie kannten es nunmal nicht anders. Nicht, dass ich mich nicht über Bully gefreut hatte, mal abgesehen von dem super tollen Neuwagengeruch, aber all diese Sachen, die einfach nur aussagten »Hey! Ich bin reich!« brachten viele Leute dazu mir große Mengen von Vorurteilen an den Kopf zu werfen. Nur zu gut kannte ich diesen Du-bist-nicht-wie-ich-also-hänge-ich-nicht-mit-dir-ab-Blick.
Ich musste schnauben, als ich auf dem Weg in den Shop darüber nachdachte, wie viele verunsicherte oder abgeneigte Blicke und wie viele falsche Freunde dir ein simples Markenzeichen einbringen konnte.
Als ich hineinging, kam mir ein plastischer Geruch entgegen. An den Backwarenregalen blieb ich stehen und packte eine volle Tüte Brötchen in die rechte, zwei einzelne, in Folie eingepackte Pizzastücke in die linke Hand. Kalt aß ich meine Pizza am liebsten. Charlet hingegen wollte ihre immer frisch. Egal, damit musste sie jetzt leben.
Noch einmal checkte ich, ob ich etwas vergessen hatte. Während ich zur Kasse eilte, ließ ich noch eine Tüte Gummibärchen mitgehen, die uns zwar heftig auf die Hüfte gehen würden, für einen Mädelsabend aber ein Muss waren.
Ich reihte mich in die Schlange ein und legte meine Einkäufe auf das Förderband. Mir war furchtbar heiß und mein Magen knurrte so laut, dass sich der Mann vor mir umdrehte und mir ein unbehagliches Gefühl herbeizauberte, als er mich herablassend anschaute.
Um mir die Zeit zu vertreiben überflog ich die heutigen Artikel der »Boston Herald«, die an einem Regel neben der Kasse hing.

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⏰ Última actualización: Jul 27, 2017 ⏰

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