Kapitel 01

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Tick-Tack

Tick-Tack

Tick-Tack

Der Sekundenzeiger zog fröhlich tickend immer wieder Kreise über das kalte Zifferblatt der Wanduhr. Zäh wie zu lang gekautes Kaugummi krochen die einzelnen Sekunden an mir vorbei. Stetig kamen neue und stetig verschwanden sie, immer im Rhythmus der Uhr bleibend. Wohin sie hingingen? Ich wusste es nicht.

Vom Zeiger, der sich scheinbar mühelos von Strich zu Strich vorarbeitete, wanderte mein Blick nach draußen. Dicke Regentropfen klatschten gegen die Scheibe, rannen über das staubige Glas und hinterließen nichts als wässrige Rinnen. Das goldene Sonnenlicht wurde in ihnen gebrochen und wild verteilt, als hätte jemand ein Säckchen Sonnenpulver ausgeschüttet und über meinen Tisch gestreut. Wie gerne wäre ich jetzt draußen oder wenigstens an einem anderen Ort.

Ruckartig wurde die Tür aufgerissen und ein hagerer Mann kam stolzen Schrittes ins Klassenzimmer marschiert. Mit einem dumpfen Knall stellte er seine Ledertasche auf dem Pult ab und wandte sich mit ernstem Blick zur Klasse. Sofort reduzierte sich der Geräuschpegel und die, die noch immer quatschten, wurden mit Anticken oder Bleistiftpiksern auf seine Anwesenheit aufmerksam gemacht.

Knappe Begrüßungsalben wurden ausgetauscht und dann ging es auch sofort an den Unterricht. 'Zeit ist kostbar', war sein Motto und sein Motto symbolisierte ihn. Keine zu lange Zeitverschwendung, durfte bei ihm auftreten, alles war perfekt durchgeplant. 'Das Leben ist kein Ponyhof', wie er auch manchmal mit grimmiger Miene zitierte, wenn er mal wieder unzufrieden mit uns war oder sich jemand über seine Note beklagte, was schon verdammten Mut brauchte.

Quietschend fuhr die weiße Kreide über das Tannengrün der Tafel und hinterließ nichts als einen pulvrigen Strich und einen Gänseschauer auf meinem Rücken. Der pulvrige Strich formte sich zu einer 4 und weitere Zahlen und Zeichen folgten auf ihn. Gedankenverloren begann ich die Rechnung abzuschreiben, doch gab bei dem rasanten Tempo, das Herr Gieseke entschlossen angab, schließlich auf und starrte wieder ausdruckslos auf den gepflasterten Pausenhof, der sich ein Stockwerk unter mir in einem öden Grau erstreckte.

Ein zögerliches Klopfen ging von unserer Klassentür aus, doch ich hielt meinen Blick weiterhin aus dem Fenster gerichtet. Erzürnt, dass es jemand wagte seine kostbare Zeit auf sich zu nehmen, knallte Herr Gieseke die Kreide auf die Abtropfrinne der Tafel und stakste entschlossen zur Tür. Ein forsches Schnauben ging von ihm aus und eine kurzes Kommentar, das wie 'Ach, da sind Sie ja endlich' klang, war zu hören.

Nun doch interessiert wandte ich meinen Kopf und musterte den groß gebauten Jungen, der aufrecht in der Tür stand und dem zornigen Blick von Herrn Gieseke stand hielt. Der warf nur einen kurz angebundenen Blick auf seine lederne Armbanduhr, dann auf die Klassenuhr und schließlich wieder auf den Jungen. Scheinbar konnte Herr Gieseke sich nur schwer die nächsten Worte verkneifen, die ihm förmlich auf der Zunge brannten, wenn jemand mal wieder zu spät kam. Ich konnte schon seine abschätzige Stimme hören, die durch den stillen Raum schalte, der nur von kratzenden Bleistiftminen erfüllt war und ausrief: 'Sie sind exakt 8 Minuten und 56 Sekunden zu spät!'.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stolzierte er zurück zu der Tafel und machte den Neuen unfreundlich darauf aufmerksam, sich doch nun endlich vorzustellen. Unsicher trat dieser weiter in den Raum und Strich sich mit einer Handbewegung die Tropfen aus der Stirn, die noch vom Regen in seinem Haar verfangen waren.

"Hey", kam es von ihm "ich bin Jace Winston und werde von nun an in eure Klasse gehen. Ich komme aus dem naheliegenden Carnmore. Vielleicht habt ihr schonmal etwas davon gehört. Joa... Ich bin 18 falls es euch interessiert", schloss er seine kleine Vorstellung und drehte sich darauf fragend zum Lehrer. Herr Gieseke deutete nur schroff auf mich und wandte sich wieder zur Tafel, wo er weiter Gleichungen und sonstiges von dem Zettel in seiner Hand abschrieb.

Zielstrebig steuerte der Braunhaarige auf mich zu und ließ sich mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen neben mir nieder, da der Stuhl neben mir als einziger frei stand. Sofort stieg mir der Geruch von Wald in die Nase und ließ sie mich unbewusst krausen. Mit hochgezogenen Augenbrauen beäugte ich ihn einmal, wandte meinen Blick jedoch wenig später zur Tafel und machte mich wieder daran, meine abgebrochene Rechnung zu beenden.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Jace mich durchgehend musterte und die Stirn leicht gerunzelt hatte. Ärgerlich zog ich meine Haare hervor, die noch zuvor hinter meiner Schulter platziert waren und ließ einen kastanienbraunen Vorhang zwischen uns fallen. Eine kurze Zeit trat auch meine erhoffte Wirkung ein, doch anscheinend musste Mr.-Naseweiß seinen Senf dazugeben, den kurz darauf flüsterte er mir ein 'Da muss eine Acht hin' zu.

Genervt blickte ich ihn an und registrierte erst jetzt, was für verdammt grüne Augen er hatte. Ein richtiges Moosgrün, das durch die dichten Wimpern nur noch verstärkt wurde. Eigentlich unfair, dass die Natur so etwas an einen Jungen vergab, aber mir sollte es gleich sein. Eine feine Narbe, die seine linke Schläfe zierte sprang mir sofort ins Auge, doch ich wandte rasch wieder mein Blick ab und zuckte nur gleichgültig die Schultern. Misslaunisch griff ich mir mein Radiergummi und ersetzte die Sechs durch eine Acht.

Erneut spürte ich seinen durchdringenden Blick auf mir, doch ich verkniff es mir ihn nochmal meine Aufmerksamkeit zu schenken und richtete meine gekünstelte 'Wissenslust' an die Tafel. Herr Gieseke lud sich gerade einen Stapel Blätter auf den Arm und begann seine gewöhnliche Tour durch die Klasse. Erst die rechte Reihe der Zweiertische, dann die Linke.

Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, als er bei dem Doppeltisch vor uns angelangt war und die Zettel ohne ein weiteres Wort zu verlieren, auf die Tischplatte ablegte. Unauffällig rutschte ich etwas tiefer und starrte nur auf den dritt untersten Knopf seines fein karierten Hemds, als er schließlich vor mir stand und die verpatzte Arbeit erzürnt vor mein Gesicht knallte.

"Es wäre wirklich sehr erfreulich, wenn Sie es das nächste Mal schaffen könnten, wenigstens einen Knick weniger in das Blatt zu machen", knurrte er und verschwand mit klackenden Sohlen aus meinem Sichtfeld. Zögerlich zog ich das Unglücksstück über die weiße Platte zu mir und lugte unter die rechte Ecke. Fünf Punkte. Wenigstens mehr als vier.

Hastig verstaute ich sie in meiner Tasche und starrte in Gedanken versunken aus dem Fenster. So konnte es doch nicht weitergehen. Ich würde nie in die Zwölfte versetzt werden mit diesen Noten. Was war nur aus mir geworden. Erst Musterschülerin und nun das.

Verzweifelt schnappte ich nach Luft. Ich könnte einfach nicht mehr. Mir war es schon so, als würde ich in meinen Problemen und Gedanken irgendwann nochmal ertrinken.

Das Gefühl zu FliegenLies diese Geschichte KOSTENLOS!