10 - Dampf und Tequila

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Sie war auf der gegenüberliegenden Seite an den Rand geschwommen und streckte ihm die Zunge heraus.
"Ich hab schon eine Mutter, danke für ihre Anfrage", wehrte sie ab und hob den Zeigefinger, als er etwas entgegnen wollte, „Und ich hoffe du bist nicht wirklich der Illusion anheimgefallen, dass ich aufhöre mich umzusehen, wenn wir verheiratet sind."
Er verzog die Lippen, schlenderte hinüber zur Minibar und griff nach der Flasche Tequila.

"Er ist ein Gärtner."
"Ich mag Rosen."
Julian deutet mit der Flasche auf sie, bevor er zwei Gläser füllte.
"Tatsache. Ich habe dir Rosen geschenkt, weißt du noch?"
"Du bist jämmerlich."

Er grinste, ging in die Hocke und hielt ihr das eine Glas hin.
"Hör auf so zu grinsen", verlangte sie, was nur noch mehr Öl in das Leuchtfeuer seines Lächelns goss.
"Oh, aber ich genieße deine Schande gerade so sehr."

Sie schoss in die Höhe, packte ihn am Hemd und zog, sodass er mitsamt Getränk und Anzug in den Pool fiel.
"Hör. Auf. Damit", knurrte sie ihn von der anderen Seite des Pools her an, den sie wohlweislich einmal entlang getaucht war.

Julian hob seine Arme aus dem Wasser und musterte seufzend den nassen Stoff seines Hemds.
"Du schuldest mir zweitausend Kronen."

"Lusti ..."

Julian preschte durch das Wasser, erreichte Renée, als sie gerade über die weißen Fliesen davonrennen wollte und zog das fluchende Bündel, in das sich seine Verlobte verwandelt hatte, mit einem lauten Platschen zurück in den Pool.
Mit einem teuflischen Grinsen tauchte er sie. Einmal, zweimal. Ein Fuß traf ihn in die Magengrube und er wich lachend zurück.

"Ich hasse dich", keuchte sie und ließ sich auf den Fliesenboden fallen, die langen Beine immer noch im Wasser.

„Ah", meinte er langgezogen, stützte die Arme auf der Wand des Pools ab und sah zu, wie sein loser Schnürsenkel im Wasser um seinen rechten Schuh schwebte, "Nein, tust du nicht."

Erst als die Tür aufschwang, stützte er sich aus dem Wasser.
Renée setzte sich auf und grinste Julians Schwester entgegen, die im hochgeschlossenen, blauen Kleid in die Schwimmhalle kam und den beiden einen tadelnden Blick zuwarf.

"Dominique. Das Kleid steht dir ausgezeichnet", grüßte seine Verlobte die Königstochter. Dominique war zwar älter als Julian, sah aber trotzdem noch zu alt für fünfundzwanzig aus.

Sie trug teure Lederstiefel und einen matt blauen Umhang gegen den Wind, als käme sie gerade von draußen. Es dämmerte bereits über der Stadt, bald würde die Sonne aufgehen.
Noch leuchteten die Bezirksgrenzen in den ihnen zugewiesenen Farben. Gelb für die Dienstboten, Grün für die Soldaten, Rot für die Handwerker und Händler, Braun für die Bauern.
Dahinter verschmolz die erwachende Stadt mit dem lichtlosen Himmel.

"Wollt ihr euch nichts anziehen, Lady Renée?", fragte Dominique kühl.
"Nicht wirklich, nein", antwortete Renée mit einem sanften Lächeln, „Ich will ja nicht enden wie Euer Bruder."
Sie lachte herzlich über ihren eigenen Witz und schlug im Scherz nach Julians Arm.
„Zweitausend Kronen", erinnerte dieser nur gespielt ernst.

„Stört es dich, mich so zu sehen, Domi?", Renée warf sich in Pose, „Befeuert das deine dunkelsten Sehnsüchte?"
Dominique hob eine Augenbraue.
"Mich stört Euer Aufzug nicht. Allerdings würde ich es meinem Vater zutrauen, dass er Euch gleich mit hinrichten lässt, wenn er das hier herausfindet."
Julian lehnte sich vor.
"Mit hinrichten lässt?"
Seine Schwester verzog den Mund und zupfte ihre Handschuhe zurecht.
"Zehn Uhr. Eine öffentliche Hinrichtung, bei der ihr beide anwesend sein müsst."

"Sterne! Wer wird hingerichtet?", fragte Renée genervt und begann ihre Haare zu öffnen, sodass weiche blaue Wellen über ihren Rücken strömten, "Ein Kleinkrimineller, der für seine Rechte eingetreten ist? Ein korrupter Beamter?"
Dominique zischte mahnend und warf Renée einen so scharfen Blick zu, dass Julian schmunzelte, bevor sie die Bombe platzen ließ:
"Ein Assassine."

Das Grinsen rutschte von Julians Gesicht.
"Wie bitte?!", fragte er ungläubig.
"Ein Assassine der Herzdame. Angesetzt auf irgendeinen Wissenschaftler. Ist unwichtig, es gab wohl eine Erbstreiterei."
"Wann hat man ihn geschnappt?", fragte Renée nur halb interessiert.
"Vorgestern Abend im roten Bezirk."

"Das hört sich für mich nicht nach einer Erbstreiterei an", stellte Julian düster fest und kam auf die Beine. "Hat man ihn verhört?"
"Worauf du dich verlassen kannst."
Sie lächelte süßlich und Julian schüttelte leicht den Kopf.
Seine Schwester war kein schlechter Mensch. Doch manchmal gab sie sich ein bisschen zu viel Mühe, vor Renée wie einer dazustehen.
"Wie auch immer, der König will euch beide dort sehen. Pünktlich. Und nüchtern."

Renée streckte Dominique die Zunge heraus, als sie sich zum Gehen umwandte.
"Was?", fragte sie, als ihre Aufmerksamkeit letztendlich wieder zu Julian schwenkte, der in düstere Gedanken versunken auf das blaue Wasser des Pools starrte.
Er warf ihr einen Blick zu.
"Du willst mir doch nicht sagen, dass dir ein Assassine innerhalb der Mauern egal ist?"

Sie zuckte die Schultern.
"Solange sie nur Wissenschaftler umlegen, ist mir das schon ziemlich egal."
"Also glaubst du das mit dem Erbschaftsstreit?"
"Was soll sonst sein?"

Er stand auf, warf sich ein Handtuch um die Schultern.
"Hast du Angst erstochen zu werden?", fragte sie, als würde er völlig überreagieren.
Julian hob die Augenbrauen.
"Kein Wissenschaftler hat genug Geld, um einen der Assassinen zu beauftragen", entgegnete er.
"Und du willst der Sache auf den Grund gehen?"
Er schnaubte.
"Nein, ich bin nur misstrauisch. Solltest du mal versuchen. Ronberg hat nämlich mit dir angegeben. Drei Stunden lang."

Er drehte sich um und marschierte nach draußen, während sie hinter ihm zu fluchen begann.
"Julian! Wie viel kostet so ein Assassine denn?!"
Er lachte und ließ sie in den Dampfschwaden alleine.

SkythiefWhere stories live. Discover now