Herbst

44 4 5
                                        

Kurzes Vorwort:

Wer keine Lust hat, das hier zu lesen, kann auch gleich weiter scrollen.

Ich weiß, es passt grade ungefähr gar nicht zur Jahreszeit (oder vielleicht auch doch, je nachdem wann du das liest) , aber ich liebe Herbst nunmal und ich hatte das Bedürfnis darüber zu schreiben. Fragt mich nicht, warum, aber das da ist dabei rausgekommen.





Das Hupen der Autos dröhnte unaufhörlich in ihren Ohren. Sie trug einen roten Mantel und einen gleichfarbigen Hut, wie immer im Herbst. Den Kragen hatte sie hochgeschlagen, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der durch London fegte. Die Menschen, die an ihr vorbeiliefen, beachteten sie nicht. Manche telefonierten, pressten sich ihre Mobiltelefone ans Ohr, um neben der lauten Stadt noch etwas zu verstehen. Manche hatten ihre Schultern bis zu den Ohren hochgezogen und ihre Augen fest zu gekniffen, versuchten sich vor dem strömenden Regen zu schützen, manche hatten ihre Regenschirme aufgespannt. In tristen, dunklen Farben hüpften sie über den Köpfen der Menschen umher. Und sie, sie saß auf der Bank am Rand des Gehweges, sie stand nicht, um niemanden zu behindern. Sie saß von drei bis fünf Uhr auf der Bank an der Straßenecke, unter dem Vordach ihres Hauses, wie immer im Herbst.

Die, die im Café gegenüber saßen und sich an diesen kalten Tagen mit einer Tasse Tee oder heißer Schokolade aufzuwärmen versuchten, beachteten sie nicht. Trotz der auffälligen Farbe ihrer Kleidung, fiel sie doch niemandem auf. Menschen kamen und gingen im Café, die ganzen zwei Stunden lang, andere wiederum warteten, bis der Regen aufhörte. Und dann gab es noch ihn. Er, der immer an dem Tisch an der Ecke saß, mit dem Holzstäbchen in seinem Kakao rührend, unaufhörlich. Die ganzen zwei Stunden war er dort, bewegte sich nicht vom Fleck, wie immer im Herbst. Die Kellnerin hatte sie mittlerweile akzeptiert, seine Art, mit niemandem zu reden, außer, wenn es nötig war. Sie fragte nicht, ob er noch Wünsche hätte, ob er zufrieden wäre. Das musste sie nicht, denn sie wusste es besser. Er kam, bestellte eine heiße Schokolade, saß zwei Stunden dort und rührte mit dem Holzstäbchen in der Tasse herum, leerte sie dann in wenigen Sekunden, bezahlte und ging, wie immer im Herbst.

Sie beide, die Frau in Rot und der Mann mit dem Holzstäbchen, saßen da, zwei Stunden lang, von drei bis fünf Uhr, rührten sich nicht von Fleck, sprachen nicht. Die Frau unaufhörlich mit Hupen der Autos in den Ohren, der Mann unaufhörlich mit dem Holzstäbchen in seiner Tasse rührend, wie immer im Herbst. 120 Minuten starrten sie sich an. Zwei blaue Augenpaare. Sie spürte, wie ihr der Wind durch die Haare fuhr und er sah, dass sich trotz dem Hut eine Strähne in ihrem Gesicht verirrte, fehl am Platz, schreiend danach, wieder an ihren Ausgangspunkt zurückgestrichen zu werden. Es schlug fünf Uhr. Er hob das Stäbchen aus dem Kakao, leerte seine Tasse, legte das Geld auf den Tisch und stand auf.



~ 30. Mai, 2017

HerbstStories to obsess over. Discover now