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Kapitel 1

Luan Sicht

«Wie geht es dir?», fragte mich Dr. Cheng, mein Psychiater. Er schnappte sich einen Notizblock und einen Stift, setzte sich in den Sessel vor mir und beäugte mich. «Gut», log ich und Dr. Cheng schaute mich ernst an. «Sicher?», hakte er nach. Ich nickte stumm und liess mich tiefer in den Sessel sinken. Eigentlich ging es mir elend. Die letzten vier Tage hatte ich mich in mein Zimmer eingesperrt und hatte kein Wort mit meinen Mitbewohnern gewechselt. Ich bin nur aus meiner Höhle gekrochen, wenn ich Hunger hatte oder auf die Toilette musste.

«Helfen die Medikamente?», fragte Dr. Cheng und kritzelte irgendetwas auf den Notizblock. «Ich gehe davon aus», murmelte ich und beobachtete seine Mimik. Ich hatte die Medikamente letzte Woche bekommen, jedoch hatte ich noch keine Motivation gefunden sie auszuprobieren. Dr. Cheng seufzte, nahm seine Brille ab und legte sie auf den kleinen Tisch vor uns. «Luan, ich versuche dir wirklich zu helfen aber das geht nicht wen du dich nicht auf mich einlässt», sagte er verzweifelt. Ich hatte bis jetzt schon vier verschieden Psychiater innerhalb von zwei Jahren gehabt und keiner konnte mir helfen. Alle gaben mich nach ein paar Monaten auf. Dr. Cheng hat bis jetzt am längsten von allen durchgehalten.

«Dann schicken Sie mich doch zu einem anderen Psychiater. Ich bin es gewohnt immer wieder zu wechseln», murmelte ich leise. «Werde ich nicht. Ich möchte, dass du wie jeder andere leben kannst und ich werde alles daran setzten dir zu helfen», müde rieb er seine Augen und setzte sich seine Brille auf, «Donnerstag 13:00 Uhr. Versuch es bitte mit den Medikamenten».

Er reichte mir einen Zettel, auf welchem er das Datum und die Uhrzeit aufgeschrieben hatte. Ich nickte, stand auf und lief aus dem Zimmer, ohne mich zu verabschieden. Als ich endlich draussen war atmete ich tief ein und vergrub meine Hände in die Jackentaschen. Es war bereits Januar und eisig kalt. Wir hatten zwar keinen Schnee, aber der Wind war auch kalt genug. Ich schaute mich um und sah Geschäftsleute auf ihrem Weg nach Hause. Wie alle die Treppe runter rannten, um ihren Zug nicht zu verpassen. Gegenüber von mir machten gerade ein paar Abendlokale auf und stellten die farbigen Lichter ihrer Werbetafeln an.

Vor einem Jahr hatte ich noch studiert. Ich ging täglich in die Universität für Musik und Kunst, und versuchte wenigstens dort etwas auf die Beine zu stellen. Jedoch verlor ich mein Stipendium letztes Jahr, da ich mit der Zeit kaum noch anwesend war.

Auf meinem Weg nach Hause musste ich an ein paar einzelnen Häusern vorbei. Da ich so auf meine Gedanken konzentriert war, bemerkte ich nicht, dass ein schwarzer Jeep am Strassenrand geparkt hatte und die Beifahrertür sich geöffnet hatte, weshalb ich beinahe in die Türe lief. Gerade im letzten Moment konnte ich noch ausweichen und rannte weg, da es mir so peinlich war. Wie sah das denn aus? Ein 26-Jähriger Typ, der in eine Tür reinrennt. Peinlich.

Als ich bei meiner Wohnung ankam, welche ich mit vier Freunden teilte, machte ich die Türe leise auf. Ich zog meine Schuhe aus, stellte sie neben der Türe hin und lief durch das Wohnzimmer. Ich bemerkte, wie schnell die vier ruhig wurden, als ich durch das Wohnzimmer lief. Ich ignorierte ihre Blicke, ging in mein Zimmer und knallte die Türe zu, ohne zu vergessen sie abzuschliessen. Ich zog meine Jacke aus, legte mich in mein Bett und zog mir meine Decke über den Kopf. Ein paar Stunden vergingen ohne, dass ich mich rührte. Mittlerweile war es schon dunkel draussen und ich hörte wie Dae und Yeol darüber diskutierten, wer das Abendessen bezahlen würde.

«Ich verstehe nicht, warum du noch mit diesen Idioten zusammenwohnst», motzte eine weibliche Stimme. Ich kickte die Decke mit meinen Füssen weg und setzte mich hin. Sie hatte kurzes braunes Haar mit grün gefärbten Spitzen und war nicht wirklich gross. Ihr Name war Seo.

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