Chapter One - David

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Es gibt einige äußerst wohltuende Geräusche, die genauso klingen, wie sie schmecken und riechen. David fiel in diesem Moment nur eines dieser Sorte ein: Das Zischen das seine Kaffeemaschine am Morgen machte, wenn die geschäumte Milch in die heiße Tasse schoss. Es entlockte dem Verschlafenen beinahe ein wohliges Stöhnen. Er schaffte es kaum die Augen offen zu halten, während er besorgniserregend windschief an der Theke lehnte und der Maschine bei ihrer Arbeit zusah. Seine Augen waren schon ganz rot vom vielen Reiben und die Haare standen ihm zu Berge. Doch sein Kopf war viel zu schwer, um ihn jetzt zu irgendetwas zu gebrauchen, geschweige denn die Haare obendrauf in Form zu bringen.

Er würde wohl so zur Arbeit gehen müssen. Höchstwahrscheinlich würde er sich noch eine Hose und ein T-Shirt anziehen, vielleicht auch ein paar Schuhe - aber so ganz sicher war er sich da nicht. Letzten Endes würde es wahrscheinlich niemanden stören, wenn er das tat. Sein Kollege würden ihn vielleicht ein wenig seltsam ansehen, aber Mary würde sich sicherlich freuen (das kleine Miststück). Eigentlich sollte der Laden ihm dankbar sein, das er sich überhaupt aus dem Bett quälte, dass er bei Schichtantritt angezogen sein musste, hatte nicht im Arbeitsvertrag gestanden. Wie sich vermuten lässt, mochte David seinen Job nicht besonders. Er schwor sich auch zu jedem Quartal, dass er bald kündigen würde, doch er brauchte das Geld für seinen heiß geliebten Wagen und die Tankfüllungen gab es zu Feiertagen manchmal gratis. Doch eigentlich war es 8 Stunden in einem dunklen Raum zu sitzen nicht wert. In neun von zehn Fällen passierte die ganze Zeit überhaupt nichts und wenn etwas passierte, war das meist noch unangenehmer. Kurzum: Ein Scheißjob. Security in einer Raststätte zu sein, war auch nicht unbedingt eine anziehende Stellenbeschreibung. Schon der Gedanke daran demotivierte ihn und seine Augen waren nur noch schmale Schlitze, als er den Henkel umfasste und Richtung Tisch schlurfte. Er setzte sich und gähnte erst einmal so ausgiebig, dass sein Kiefer knackte.

Nach einer zweiminütigen Halbschlaf-Meditation, deren einziges Ziel es war den Kopf nicht auf die Tischplatte fallen zu lassen, gönnte er sich den ersten Schluck Kaffee. Natürlich verbrannte er sich prompt den Gaumen und schob dann, bitter enttäuscht vom Morgen, die Tasse von sich. Zwischen dem halbleeren Obstkorb und drei Gläsern Cuba Libre vom Vorabend lag sein Tablet, nach dem er jetzt griff. Aus reiner Routine schaltete er es an und klinkte sich in den Messenger ein. Um die Uhrzeit war keine Sau online, aber er beschäftigte sich damit die Nachrichten vom Vorabend nachzuholen. Einer hatte einen besonders ekeligen Artikel gepostet, in dem ein Mensch angeblich vom Himmel gefallen war. Wortwörtlich. Das steigerte seine Stimmung nicht unbedingt und sein Blick landete zum ersten Mal auf der Zeitanzeige - eine Uhr hing in der ganzen Wohnung nicht. Plötzlich war er hellwach, ließ den Kaffee stehen, suchte hastig seine Schlüssel und knallte die Haustür so laut hinter sich zu, dass sein Mitbewohner wach wurde.

Hinter der Tankstelle parkte er seinen Wagen - einen liebevoll gepflegten Audi A80 mit mattschwarzer Folierung, der im Monat mehr verschluckte als David - und band dann erstmal seine Schnürsenkel zu. Als erwieder aufsah, verging ihm die Laune endgültig: Der große Komplex aus Tankstelle, Waschanlage und Fastfoodrestaurant war kein schöner Anblick. Die Autobahn daneben auch nicht unbedingt. Das einzige Fleckchen Grün war ein winziges Birkenwäldchen, dass nun durch sein Auto verschönert wurde. Das täte ihm sogar fast ein wenig leid, wenn der Parkplatz neben den Bäumen nicht der einzige im Schatten gewesen wäre. Die Sonne brannte seit zwei Wochen unerbittlich und nichts auf der Welt schien heißer werden zu können, als eine schwarze Limousine.

David ging vorbei an einer Tonne Plexiglas und Metall, zwölf Zapfsäulen und dem Nachtschalter des Drive-Ins. Hier gab es das mit Abstand farbloseste Fleisch das er je in seinem Leben gesehen hatte. Das Mädel, das es mit einer Fluppe im Gesicht an die Kunden brachte, war Marylin - eine hippe Präpubertierende, die für David den Inbegriff von Sprunghaftigkeit darstellte. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich so hieß. Eigentlich kannte er sie nicht wirklich gut, aber für ihn sah sie genauso störrisch aus wie ihre schwarzen Haare, die wirr ihren Kopf umkreisten und mit Rastas und Perlen verziert waren. Auf ihrem Shirt prangte provokativ eine kiffende, britische Queen und das Mädchen war immer von einer duftenden Wolke grüner Wohligkeit umgeben. Wahrscheinlich der einzige Grund warum sie David einigermaßen sympathisch war. Vielleicht erschien sie im Gegensatz zu Karl, mit dem sie immer Schicht hatten, auch einfach halbwegs vernünftig. Er war ein recht beleibter Mittzwanziger dem man ansah, dass er schon längst in einer anderen Welt lebte - eine, die es mit ziemlich hoher Sicherheit nicht gab. Marylin versuchte grade seine Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie ihn mit Papierkügelchen bewarf, die sie aus leerem Kaugummipapier formte. Als die Tür zum Restaurant sich öffnete, sahen beide auf.

Von Woanders [AC]Where stories live. Discover now