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Es war Winter. Ein eisiger Winter. Der kälteste den wir je hatten.
Eiskristalle hatten sich auf mein Fensterbrett gesetzt. Sie sahen wirklich schön aus. Wie jedes Jahr. Im Winter.

Auf den Straßen war niemand. Das konnte ich gut erkennen, da ich wie so oft in meinem Schaukelstuhl vor dem Fenster saß und heraus schaute. Es war interessant zu sehen, wie der eiskalte Wind übers Land fegte, und jeden weg scheuchte, weil er so kalt ist. Aber ich mochte ihn. Er war mir schon immer sympathisch der Wind.

Morgen würde ein neues Jahr anbrechen. Ein neues Jahr für die Menschheit. Manche waren schon im neuen Jahr. Die, die in den fernen Ländern des Ostens lebten. Das hatte mir mein Großvater erzählt. Aber ich weiß nicht so Recht, ob ich ihm glauben soll. Er erzählt viel, wenn die Tage lang sind. Aber ich mag seine Geschichten vom fernen Osten. Ja. Sie sind wirklich schön. Wir würden das neue Jahr erst in ein paar Stunden begrüßen, und dann sind alle Hoffnungen, auf ein besseres Jahr wieder da, denn das alte ist vorüber gezogen. Es ging schnell vorbei. Wirklich schnell.

Weiter beobachtete ich die Schneekristalle, wie sie vom Schneekönig, dem Wind, herum getrieben werden. Sie peitschten an mein Fenster, fast schon Angst einflößend. Aber ich war hier drinnen. Draußen hätte mich der Wind wahrscheinlich in seine Klauen genommen. Hätte mich erzittern lassen vor Kälte und würde mich nicht mehr los lassen, bis ich den letzten Atemstoß getan hätte, und für immer in die schicksalhaften Hände Gottes fiel.

Dieser Gedanke verschrecke mich, und ich kuschelte mich automatisch tiefer in meine Wolldecke auf meinem alten Schaukelstuhl hinein. Mein Buch, welches noch vor einer Sekunde auf meinem Schoß lag, war herunter gefallen. Mit einem dumpfen Aufprall kam es auf den alten, knarigen Holzdielen auf. Ich schreckte Kurz zusammen. Ich wusste, wenn ich mich jetzt bewegen würde, würde mir ein eiskalter Schauer über den Rücken jagen, denn ich hatte es in meinem Zimmer keineswegs warm. Es war wärmer als draußen, aber immer noch so kalt, das man ohne eine gute Wolldecke unter der normalen Daunenbedecke frieren würde.

Manchmal tun einem sogar die Knochen weh, wenn die Morgenröte den Letzten Abendstern Vertrieb.
Mein Großvater hat mir Mal von seinem Abenteuer im Osten erzählt. Er bereiste dort ein Land, ich glaube es hieß Spanien, oder so ähnlich. Er erzählte das es dort keinen eisigen Winter gab. Er meinte dort würden die Schmetterlinge in Häusern fliegen, und die Menschen hätte immer kurze Hosen und Oberteile an. Aber ich kann ihm nicht so Recht glauben. Er erzählt viel, wenn der Tag lang ist, aber ich mag seine Abenteuer trotzdem immer gerne hören.

Nun schließlich überwand ich mich doch, und hob das Buch meines Vaters auf. Er hatte es Mal vor einiger Zeit geschrieben. Es ging um ein fernes Land, welches die Menschheit noch nicht kannte. Sie reisten dahin, aber es war ihnen nicht möglich zurück zu kehren, da ein Drache in diesem Land lebte. Es ist mein Lieblingsbuch, dachte ich Gedankenverloren. Ich schaute wie so oft immer noch aus dem Fenster. Manchmal konnte ich das Stundenlang machen, aber ich wusste, das ich nie rausgehen dürfte. Nicht im Winter. Da würden meine Knochen erfrieren und ich würde vor Kälte schlottern. Ich sah wie ein Mann, er war schlaksig, versuchte in ein Haus zu kommen. Der Wind trieb seinen Hut vom Kopf, und er versuchte verzweifelt ins Haus zu kommen. Seine Finger waren bestimmt eisig, weswegen es ihm nicht leicht war, die Tür zu öffnen. Ich hatte Mitleid mit ihm, obwohl ich wusste das seine Gattin Zuhause eine gute Mahlzeit vorbereitet hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, gelang es dem schlaksigen Mann, in das Haus zu kommen. Ich lächelte, denn ich wusste was jetzt kam.
Die Tür unten ging auf, ich hörte wie jemand mit schweren Schuhen unsere Wohnung betrat. Die alten Holzdielen knarren immer, wenn er im Eingangsbereich seine Jacke auszieht. Die Tür geht mit einem lauten Knall zu, der Eiskönig hat sie wohl mitgenommen. Ich hörte unten im Wohnzimmer stimmen. Eine tiefe und die Stimme meiner Mutter. Langsam erhob ich mich, immernoch eingewickelt in meiner weißen Wolldecke. Mein Fuß tat weh, er muss wohl eingeschlafen sein. Ich trat langsam vom Fenster weg. Meine dunkelbraunen locken fielen sanft auf meine Schultern. Ich lief langsam zu Flur. Von dort aus würde ich den schlaksigen Mann sehen können. Wissend lächelte ich, denn ich freute mich, das er endlich wieder da war. Ich sah vom zweiten Stock aus hinunter, in das Wohnzimmer. Unsere untere Etage war eine einziger offener Raum. Ich finde das Wohnzimmer am schönsten. Wahrscheinlich nur wegen dem roten Ledersessel, der in der Ecke neben dem Kamin stand. Er war wie jeden Abend angeheizt, aber heute war das Feuer höher als sonst. Ich kannte den Grund. Am Geländer angekommen, griff ich nach halt, denn ich wusste, würde ich es nicht tun, könnte ich die letzten drei Stufen nicht hinunter springen. Wie jeden Samstag. Unten angekommen, sah ich auf, direkt in die braunen Augen, des schlaksigen Mannes. Er blickte mich lächelnd an, und umarmte mich liebevoll.
"Ich habe dich vermisst, meine Größe", hörte ich seine wundervolle, raue und tiefe Stimme zu mir sagen.
Ich schaute ihn lächelnd an und erwiderte:"Ich dich auch Vater".

Und wie so oft, erzählte er nebenbei von seinem Abenteuer. Er erzählte, welche Bücher er heute verkauft hatte, und wieviele Kapitel er von seinem neuen Buch geschrieben hatte. Es waren drei meinte er. Aber ich glaube ihm nicht so Recht, denn er erzählt viel wenn er wenig getan hatte. Doch ich wusste, das er heute die Wahrheit erzählte. Ich hörte es an seiner Stimme. Sie war heute euphorischer als die Tage davor. Heute war sie voller Stolz.

Und wie so oft, jeden Samstag, saß ich Nachmittags in meinem Schaukelstuhl eingewickelt in meiner dicken Wolldecke und schaute nachdenklich aus dem Fenster.
Es würde heute eine ruhigere Nacht werden, als die in der vergangenen Woche. Das sah ich am Wind. Er hatte sich gelegt, und peitschte die Schneekristalle nicht mehr Angst einflößend an mein Fenster. Ich beobachtete die Sonne, wie sie ihre letzten strahlen für heute verteilte, und dann schließlich wie eine große Erbeerkugel Eis am Himmel verschwand.

AnaWhere stories live. Discover now