Magischer Moment

250 6 3
                                        

Sie zog noch einmal ihren Zopf stramm und bewegte sich aus der Tür. Trotz ihrer Thermo-Jogginghose und ihres kuscheligen Pulli vom Handballverein war ihr kalt, denn es stürmte. Eigentlich konnte man bei so einem Wetter, nicht nach draußen gehen, aber sie musste sich abreagieren. Sie folgte ihrer, nicht befahrenen Wohnstraße bis zur Weggabelung. Sie lief um zu vergessen. Doch ihre Gedanken schweiften ab.

Er wird hier sein, es ist nicht weit von ihm entfernt.

Sie lief trotzdem weiter und versuchte alles um sich herum zu vergessen. Doch plötzlich hörte sie, wie sich hinter ihr Schritte näherten. Sie wusste eigentlich genau wer es war, aber sie drehte sich trotzdem einmal nach hinten, um sich zu vergewissern, dass es doch kein gruseliger Fremder war. Doch sie blickte in seine unglaublich grünen Augen, die so viel Tiefe besaßen. Seine schwarzen Haare wurden vom Wind zerzaust. Sie schwenkte den Blick wieder schnell auf den Weg vor sich, doch sie hörte, wie er jetzt neben ihr joggte. Sie lief schneller, aber er tat es ihr gleich. Sie beschleunigte noch einmal ihr Tempo, aber er hielt mit ihr Schritt, und sie wusste genau, dass er schneller war als sie. Plötzlich blieb sie stehen und auch er verlangsamte überrascht seine Geschwindigkeit, bis er schließlich zum stehen kam.

"Was willst du?!", giftete sie ihn an.

Sie lief weiter, sodass er nun wieder hinter ihr war.

Er hielt sie an der Schulter fest und sagte: "Kannst du mir nicht einen Moment Zeit geben?"

"Wieso sollte ich?", antwortete sie wütend.

"Red einfach mit mir!"

Aufgebracht wand sie sich zu ihm um und wirkte schon fast hysterisch, als sie ihn anschrie: "Geh einfach! Ich will nicht mit dir reden, heute nicht, morgen nicht, übermorgen nicht, in zwei Monaten auch nicht! Du kannst froh sein, wenn ich nächstes Jahr wieder vernünftig mit dir rede! Also, verschwinde!"

"Wie kann ein Mensch nur so störrisch sein!", grummelte er leise. Seine Stimme wirkte enttäuscht, aber man hörte auch die tiefe Trauer heraus.

"Bist du noch bei Sinnen? Ich bin nicht die, die den Fehler gemacht hat!"

"Ich hatte nichts mit deinen Freundinnen! So etwas könnte ich mir noch nicht einmal vorstellen!"

Sie ging, ohne auf ihn zu achten, die gewohnte Strecke weiter.

"Ach, ja?"

"Weder mit Katja, noch mit Janine, noch mit Lisa, noch mit Lea Kerßens, noch mit Lea Ruhe, von Mona ganz zu schweigen, die ist noch fünfzehn..."

"Jojo...?"

Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Ihm blieb die Luft weg. Er konnte nichts sagen. Und dieses eisige Schweigen brachte ihr Gewissheit. Sie wusste es. Doch nun gab er es zu und sie musste sich beruhigen, bevor sie weiter sprach. Sie holte tief Luft.

"Achso", sagte sie so ruhig, dass es sie selbst überraschte.

"Julia...", auch das Schuldbewusstsein und die Dringlichkeit in seiner Stimme konnten sie nicht erweichen.

"Ich weiß... Ich... Ich... Ich hab scheiße gebaut."

Sie hörte förmlich, wie die ihm die Tränen in die Augen schossen.

"Ehrlich gesagt, verstehe ich es nicht. Sie ist eigentlich nicht dein Typ."

Ihre Stimme war komplett ruhig und stark. Sie ließ sich nicht anmerken, dass es sie so stark verletzte, dass er es mit einer ihrer besten Freundinnen getan hat. Aber sie konnte Jojo keinen Vorwurf machen, denn sie hatte ihn Jojo quasi weggeschnappt. Sie beide standen schon seit so langer Zeit auf ihn.

Inzwischen hatte sie ihre Runde fast beendet.

"Verdammt nochmal, es tut mir Leid!"

Er schrie sie aus vollem Halse an. So etwas hatte er noch nie getan. Sie drehte sich blitzschnell zu ihm um, sodass er fast in sie hinein lief. Sie sah viele kleine Tränen, seine Wangen hinunterlaufen. Sie hatte ihn in zwei Jahren, auch noch nie weinen sehen.

"Weißt du noch? Wir standen genau hier. Unser erster..."

Sie unterbrach ihn und beendete seinen Satz: "...Kuss..."

Wie beim ersten mal sahen sie sich in die Augen. Dieser magische Moment war wieder da. Seine Augen fingen wieder an so keck zu funkeln und sie schmolz dahin, wie ein Stück Schokolade in einem Fondue-Topf. Wie bei dem Schoko-Fondue am letzten Valentinstag. Er legte seine Hände an ihre Taille, wie beim letzten Mal. Sie schloss die Hände um seinen Nacken,  genauso wie beim vorher gegangenen Mal.

"Kaum zu glauben, dass du das noch weißt", sagte sie leise und atmete seinen Geruch ein. Mit dem Duft von Deo und ja, vielleicht einfach nur nach ihrem Jungen in der Nase, bewegte sie ihren Kopf auf seinen zu und als er seine Lippen zart auf ihre drückte, durchlief ein Schauder ihr Rückenmark. Voller Wut, Trauer und Liebe.

You've reached the end of published parts.

⏰ Last updated: Jun 26, 2014 ⏰

Add this story to your Library to get notified about new parts!

Magischer MomentWhere stories live. Discover now