TokioDrift

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Wegdriften. Nach Tokio.

Überall an mir schlackert es und ich fühle mich leer. Fühle die Anstrengung, die es erfordert aufrecht zu stehen. Zu gehen und sogar, mich auszustrecken. Die Leere, die mich im Wohnzimmer überkommt, ist schmerzhaft. Mein ganzer Körper tut weh, so heftig, dass ich mich einfach nur hinlegen will.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Jetzt wäre ich gern in Tokio, oder einer anderen aufregenden Stadt. Moskau oder so..

Verloren, denn hier ist nichts um mich herum. Leere außen, Leere innen.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Meine Bewegungen sind automatisch, statisch. Ich berühre mein Gesicht. Nehme die Flasche aus dem Kühlschrank und fülle mein Glas. Berühre meine Taille, verrücke hier und da etwas. Der Spiegel fällt in mein Blickfeld, und ich selbst. In meinem eigenen Blick, genau dort. Schau! Das bin ich...

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Jetzt ist der Moment da, in dem ich wirklich gern in Tokio wäre. Also lege ich einen Film ein, der in Tokio spielt und höre ihn mir auch, auf Japanisch an. Ich verstehe nichts, bin verloren in Lauten und hole ein Wörterbuch.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Ein Foto fällt mir auf, das ich geschossen habe, als wir noch zusammen waren.

Jetzt sind wir verheiratet und du bist plötzlich nicht mehr da. Mir war nie aufgefallen, wie viel du arbeitest. Es war immer, als hättest du unendlich viel Zeit. Wir verbrachten tagelang im Bett, sind essen und ins Kino gegangen. Du hast mich geküsst und es hat immer eine Ewigkeit gedauert um von einem Ort zum anderen zu kommen. Deine Geschenke, habe ich alle aufbewahrt. Bei mir behalten, nur für den Fall, dass ich mal einsam werde. So wie jetzt. Nur das deine Geschenke mich nicht ausfüllen, ich liege ja nur hier rum.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Wie gestresst du wirkst. Wir sitzen am Tisch. Alles ist so luxuriös und du blätterst in deinen Mappen des letzten Shootings. Dein Team ist auch da. Ich esse nichts, denn ich hasse es zu essen, wenn fremde Personen mit am Tisch sitzen. Aber die Gerichte riechen gut und ich stelle mir vor, wie sie wohl schmecken.

„Schatz?"

„Ja?"

„Hast du keinen Hunger?"

„Nein noch nicht, vielleicht später noch..."

Du nimmst meine Hand ganz kurz und lächelst. Dann bist du wieder beschäftigt. Ich widme mich meinem Teller und stochere ein bisschen, rieche. Der Fisch sieht fabelhaft aus, wurde von einem Sternekoch serviert. Der Kollege, der rechts neben dir sitzt ist so schwul, das ich fast schon ein wenig eifersüchtig werde. Wenn er lacht, beben seine Nasenflügel ein wenig. Es ist ihm unangenehm, denn nach jedem Lachen, kräuselt er si. Manchmal streicht er mit ein, zwei Fingern über den Nasenrücken. Seine Giftgrüne Fliege sitzt perfekt, ist aber nur dazu da, ihn wie einen modebewussten Produzenten aussehen zu lassen. Was ihm misslingt, denn er ist so eingebildet, das sein ganzer Charme verloren geht. Der Butler bringt Wein und ich gebe ihm ein Zeichen. Er füllt es bis zur Hälfte. Dinge die zur Hälfte gefüllt sind, habe ich gern.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Der Trubel wird lauter, das Problem klärt sich nicht. Letzte Woche hatte ich dich für zwei Tage, ganz für mich. Du hast gelacht, wie am Anfang. So echt.

Du hast mir zugehört. Warst da. Wach.

So nüchtern.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Mein Glas ist halbvoll. Ich lausche euren Stimmen

Der erste Schluck schmeckt teuer, ein guter Wein, obwohl ich keine Ahnung von Wein habe. Ich kenne mich nicht aus. Der Typ im roten Samtblazer springt plötzlich von seinem Stuhl, er hat seinen Wein verschüttet und kreischt hysterisch. Irgendwie höre ich ihn nicht. Kann ihn sehen, spüren, aber nicht mehr hören.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Du lachst, es dir peinlich, dass sehe ich. Du willst nach Hause, weg von hier. Eine kleine Auszeit, ein paar Stunden. Du wirst nervös, es ist dir zu anstrengend, dass sehe ich. Die Uhr aus Gold, schlägt Mitternacht.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Letzte Nacht war ich tanzen. In einem großen Club, Elektro. Und Ecstasy.

Es waren eine Menge cooler Leute da, ich trug eine blaue Perücke und spürte die Hitze nicht. Schwingen, tanzen, lachen, feiern. Meine Füße bewegten sich über den klebrigen Boden und ich fiel für ein paar Momente in die Vergangenheit. Meine eigene. Muskeln die brennen und Musik die in dich eindringt. Dancefloor-Orgasmus vom feinsten.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

„Schatz, wann fliegen wir nach Tokio?"

„Morgen, ich hoffe du hast gepackt?!"

Hatte ich. Letzte Woche schon. Weil ich mich so sehr darauf freue, hier wegzukommen.

„Werden wir zusammen zum Flughafen fahren?"

„Nein, aber wir treffen uns dort, ich muss noch ein paar Kameras abholen."

Eigentlich hasse ich es, alleine zum Flughafen zu fahren, als verheiratete junge Frau. Aber ich bin doch modern, das schaffe ich schon.

Unromantisch eigentlich auch, aber manchmal eben doch. Denn ich hänge an den Gefühlen, die ich für dich habe.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Das Bild, das vor mir liegt, ist wunderschön. Ein Model, mit einem nahezu perfekten Gesicht. Langen dunklen Haaren. Schönheit. Und Untergewicht.

So wäre ich auch gern. Sie trägt ein fantasievolles Kleid, mit vielen Blumen, Rüschen und Ausschmückungen aus Federn. Eine unschuldige Fee im Zauberwald, auf der Flucht vor dem Bösen, das versucht ihre Seele zu fressen.

Das nächste Glas Wein bitte.

„Ober?""

„Ja, Ma'am."

Eine Geste und, mein Glas füllt sich zur Hälfte. Ausbalanciert.

Wegdriften. Davon Rauschen. Abhauen.

Morgen Nacht werden wir in Tokio sein. Wir werden Sushi essen, Sake trinken. In diese knallbunten Läden gehen. Ich werde mir Katzenohren aufsetzen und mir kein bisschen komisch vorkommen, denn in Tokio sind sie alle nicht von dieser Welt.

Morgen Nacht, beginnt mein Abenteuer.

Lachen, Entdecken, Erfahren, Verstecken.


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