Kapitel 1

73 4 0
                                        

Sie stand vor mir.

Es riecht unangenehm. Der weiße Rauch ist überall. Er frisst sich wahrlich in meine Klamotten, meine Haare, meine Haut. Diesen Geruch werde ich nicht mehr los. Nicht so lange ich aufhöre Tag für Tag um zwanzig nach acht hier zu stehen, in meine Jacke zu greifen, mein buntes Feuerzeug und meine abgenutzte weise Zigarettenbox herauszuholen, sie aufzumachen, mir eine Zigarette herauszunehmen, sie wieder zu verschließen, besagte Zigarette in meinen Mund zu stecken, diese mit dem bunten Feuerzeug anzuzünden, kräftig daran zu ziehen, Feuerzeug und Box zurück in meine Tasche verschwinden zu lassen und mit einem fast tödlichem brennen im Hals wieder auszuatmen. Jeden Tag aufs Neue, so wie alle anderen, die hier Tag für Tag stehen und im Grunde genau das Gleiche tun. Rauchen. Wir alle machen das Selbe, jeder aus einem andern Grund, aber alle hier am Rauchereck versammelt. Manche sind erst fünfzehn Jahre alt, andere schon zweiunddreißig.

Auch sie stand da. Unschuldig. Mit einer Zigarette in der Hand. Sie war älter als ich. Schätzungsweiße Anfang zwanzig. Später fand ich heraus, dass sie bereits verheiratet war und zwei Kinder hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte das allerdings keine Bedeutung. Sie stand einfach nur da.

Schulterlanges, naturblondes Haar. Viele dunkle Strähnen, gefärbt oder nicht, völlig Bedeutungslos. Vermutlich blaue Augen. Strahlend weiße, perfekte Zähne. Kleine, weiße Ohrstecker, eins an jedem Ohr. Sie funkeln. Ein weißes Oberteil. Für mich undefinierbar, ob ein Top, T-Shirt oder Pullover, ob Aufdruck oder nicht, ob runder- oder V-Ausschnitt, denn sie trägt eine hellgraue Strickjacke über ihrem Oberteil. Gestrickt aus einer grau-weißen Wolle. Sie geht fast bis zu den Knien. Links und rechts der Jacke eine kleine Tasche. Die Jacke hat vier große, hellbraune Knöpfe auf der linken Seite angenäht, aber nicht zugeknöpft. Sie hält die Jacke allerdings mit der von mir aus linken Hand zu. Verschränkt unter der Brust. Mit der anderen raucht sie. Sie trägt eine hellblaue, sehr ausgewaschene Jeans. Diese sieht für ihr Alter, ich schätze sie auf Anfang zwanzig, sehr komisch aus, denn die Jeans ähnelt einer Schlaghose, wie man sie in den achtziger Jahren häufig trug. Deswegen kann ich nur erahnen welche Schuhe sie trägt. Vermutlich sehr einfache Schuhe in einer eher dunklen Farbe, ohne viele Muster. Sie steht einfach nur da und raucht und doch fasziniert sie mich.

Ich wusste nicht wieso diese junge Frau mich faszinierte. Ich kannte sie nicht. Weder ihr Name, noch was sie hier machte war mir bekannt und doch ging sie mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Es war verrückt. Ich schaute bewusst auf meinen linken Unterarm. Er sah furchtbar aus. Voller Narben. Frische und alte, kaum erkennbare, aber alle verheilt. Es war eine furchtbare Zeit. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, wie stark sie meinen linken Arm noch beeinflussen würde, wäre ich vielleicht schreiend davon gerannt.

Sie steht keine fünf Meter entfernt vor mir. Sie sieht mich nicht mal an. Ich falle ihr keinesfalls bewusst auf. Warum auch? Ich stehe hier ganz normal wie jeder andere auch und rauche. Eigentlich sind meine Gedanken immer noch bei der Person, die meinen linken Unterarm prägt, aber sie lässt alles andere in den Schatten verschwinden. Eigentlich ist es ziemlich frisch hier draußen, aber meine Hände fangen an zu schwitzen. Ich denke nicht mehr darüber nach, dass ich vielleicht doch eine dickere Jacke hätte anziehen sollen. Mir ist es völlig egal, dass meine Füße eben noch total kalt waren. Auch, dass ich meine Mütze vergessen habe und meine Ohren frieren, scheint mir nicht mehr der Rede wert. Denn jetzt ist mir wohlig warm. Ich halte meine Jacke nicht mehr zu, ich habe gerade die frostige Kälte des bevorstehenden Herbstes vergessen. Wenn ich sie ansehe bin ich immer noch fasziniert. Sie ist anders als der Rest der Menschen die hier stehen. Warum weis ich selbst nicht. Ihr Gesicht ist sehr schön. Eine natürliche Schönheit, denn sie ist kaum geschminkt. Sie strahlt sehr viel Selbstvertrauen aus. Sicher ist sie eine starke, junge Frau, welche fest im Leben steht und weiß, was sie will. Muss schön sein Selbstsicherheit zu haben.

Ich sah sie nur wenige Minuten. Sie rauchte eine Zigarette und ging wieder. Aber diese Minuten reichten aus, dass sie mir den ganzen ersten Schultag in meiner Ausbildung, nicht mehr aus dem Kopf ging. Wer weiß warum, aber dieser Moment sollte mir nie wieder aus dem Gedächtnis gestrichen werden.

Ich sah den Moment schon vorher kommen. Sie läuft langsam zu dem kleinen, silbernen, hüfthohen Aschenbecher und drückt behutsam die Zigarette aus. Sie dreht sich langsam um und biegt links ab. In Richtung des Schuleingangs. Ich bin immer noch fasziniert. Am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen um mit ihr eine Konversation zu beginnen. Keine Ahnung worüber, ich will nur herausfinden warum sie mich so extrem fasziniert. Irgendetwas ist sehr besonders an ihr. Sie ist mit einer außergewöhnlichen Aura umgeben, welche nur wenige Menschen besitzen. Es ist nichts was man lernen kann. Es ist eher ein Gefühl das jeder ausstrahlt und jeder einzelne anders wahrnimmt. Es ist so ähnlich wie der erste Eindruck. Bei ihr fühle ich, dass sie noch ein Teil meines Lebens seien wird. Dennoch muss ich jetzt erst einmal meinen Weg finden und mein Klassenzimmer suchen. Ich laufe zu dem kleinen, silbernen, hüfthohen Aschenbecher und drücke ebenfalls meine Zigarette aus. Allerdings nicht so behutsam wie sie. Mir ist es egal, ob noch ein oder zwei Funken glühen. Das kümmert mich nicht. Viel mehr mache ich mir Sorgen darüber, dass mir wieder kalt ist. Ich laufe zur Schule und sie steht nicht mehr da.

Anfang der Selbstakzeptanz (Abgeschlossen)Stories to obsess over. Discover now