Kapitel 8

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Charlie P.O.V

Ich sitze die Beine überschlagend ganz hinten im Saal und höre mir die Vorlesung an.

Meine Finger fliegen über die Tastatur des IPads, um auch ja nichts zu vergessen.

Der Typ neben mir spielt seit Beginn der Vorlesung Temple Run. Er gehört zu der Art von Menschen, die ich gar nicht leiden kann, die nicht wertschätzen, dass sie das Privileg haben, studieren zu dürfen.

Und so ein Studium ist nicht gerade billig. Ich studiere nur, weil ich aufgrund meiner Leistungen ein Stipendium bekommen habe.

Ohne Stipendium hätte ich mir das nicht leisten können, und meine Familie kennt das Wort "Unterstützung" gar nicht. Ich bezweifle, dass sie sich überhaupt noch daran erinnern können, dass sie eine Tochter haben.

Kurz nach der Vorlesung, als ich gerade mein Handy wieder auf laut stellen will, geht eine SMS ein.

"Hi Charlie. Heute Nachmittag Lust was trinken zu gehen? R."

Im ersten Moment denke ich, dass sie von Linnéa kommt, aber das Kürzel verrät etwas anderes. René.

Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht.

Schnell tippe ich eine Antwort: "Wo und wann? C."

Linnéa P.O.V

Die ersten vier Stunden sind überstanden, jetzt heißt es die zwei Freistunden zu überbrücken. Soll ich nach Hause fahren, oder hier bleiben und mit den anderen über den neuen Kursplan diskturieren?

Ich entscheide mich für das zweite.

"Linnéa, du bist morgen auch am Anne-Frank Gymnasium, oder?", fragt mich Patrick.

"Ja... doof, dass unsere Schule keinen Kunstkurs anbietet."

"Was hätte man auch anders erwartet?", lacht er.

Da hat er Recht. Unsere Schule ist es altbacken. Organisation ist hier ein Fremdwort.

Ich überfliege die Liste, lese die Kürzel aller Lehrer, die mich in Zukunft unterrichten werden. Viele sind geblieben, andere sind neu.

Bei zwei Kürzeln kann ich mir keinen Reim drauf machen, wer sich dahinter verbirgt.

BER und GBS. Ich frage in die Runde, aber auch die anderen haben keinen Schimmer.

Naja, was solls. Ich werde es ja im Laufe der Woche erfahren.

Die letzten Stunden überstehe ich schließlich auch noch und als ich zuhause ankomme, leg ich mich aufs Sofa und schlafe sofort ein.

"Abendessen." Meine Mutter streicht mir durchs Haar und setzt sich dann an den Esstisch, wo bereits René und Papa sitzen. Bilde ich mir das nur ein, oder grinst René selig vor sich hin?

"Wie sieht es eigentlich mit der Wohnungssuche aus, René?", erkundigt sich Papa.

"Läuft auf Hochtouren. Ihr könnt es wohl gar nicht mehr erwarten, bis ich endlich weg bin", entgegnet er lachend.

"Ach, wenn es nach Annie ginge, würde sie euch zwei für immer hier bemuttern."

Papa sieht grinsend zu Mama hinüber und erntet daraufhin einen leichten Stoß in die Rippen.

Ich muss an Lars denken und nehme mir vor, ihm nachher eine SMS zu schicken. Aber dann fällt mir ein, dass ich seine Nummer gar nicht habe.

Nach dem Essen klopfe ich an Renés Zimmertür.

"Ja?"

Ich drücke die Klinke herunter und sehe ihn am Schreibtisch sitzen, den Blick auf seinen LapTop gerichtet.

"Könntest du mir Lars Nummer geben?"

Mit einem Zettel, auf den ich Lars Nummer gekritzelt habe, kehre ich zurück in mein Zimmer, schmeiße mich aufs Bett und schreibe eine SMS:

"Hey. Gestern war es echt schön mit dir. Vermisse dich. L."

Ist das jetzt zu aufdringlich? Egal, jeder sagt doch immer, man soll ehrlich sein und schreiben, was man denkt. Ich drücke auf "abschicken".

Ungeduldig warte ich auf eine Antwort von ihm.

Am nächsten Morgen

Ich sitze im Bus auf dem Weg zur Anne-Frank-Schule.

Keine SMS. Kein Lars. Nichts.

Mein Kopf an die kühle Femsterscheibe gelehnt, kann ich an niemand anderen denken als an ihn. Der, der sich nicht meldet, wieso auch immer.

Und wenn die Nummer nicht mehr aktuell ist, oder ich sie falsch eingegeben habe?

Quatsch, ich bin mir ganz sicher, dass sie richtig war und aktuell muss sie auch sein, denn als bester Freund hat man schließlich die Handynummer des anderen, oder?

Mit dem Entschluss, ihn zu vergessen, falls er sich bis morgen nicht gemeldet hat, steige ich aus dem Bus und gehe die letzten paar Meter zu unserer Partnerschule.

Mist. Der Flur ist leer, der Unterricht ist bereits angefangen. Auf die Pünktlichkeit von Bussen ist heutzutage auch kein Verlass mehr.

Ich klopfe zaghaft an die Tür und betrete dann den Raum.

Mein Herz scheint still stehen zu bleiben, als mein Blick auf den neuen Kunstlehrer mit dem Kürzel BER hängen bleibt.

Er ist jung, verdammt jung. Und heiß. Kurze, dunkelblonde Haare, die sich perfekt zum Durchwuscheln eignen. 

Woher ich das so genau sagen kann? Weil ich es erst gestern getan habe. Denn vorne am Pult steht niemand anderes als... Lars.

Wie findet ihr das Kapitel? Lasst mir doch ein Feedback da :*

xx

HerztöneDonde viven las historias. Descúbrelo ahora