Auch heute wieder schreibe ich dir einen Brief. Ein Brief nur für dich. Es geht um einen ganz besonderen Tag. Einen Tag, an dem alles angefangen und an dem auch alles so kläglich endete. So sehr wir diesen Tag mit unserem ganzen Herzen geliebt haben, so sehr verteufeln wir auch diesen. Ich muss mich immer noch an all die Erlebnisse mit dir erinnern, es war eine himmlische Zeit. Du hast es bestimmt schon ganz zu Beginn erraten oder? Von welchem Tag ich hier schreibe, ich kenne dich doch. In diesem Brief geht es um den Valentinstag. Unseren gemeinsamen Valentinstag, der eine Tag im Jahr,an dem ich die außerordentliche Ehre hatte, dich kennenzulernen.
So lebensverändernd er auch war, so natürlich und belanglos hat er auch angefangen. Ich zerrte mich wie jeden Morgen mit all meiner Willenskraft aus dem Bett und machte mich bereit, den nächsten Tag zu überstehen. Ich trank meinen Kaffee, dessen Koffein bei mir schon lange keine Wirkung mehr hatte und fuhr zur Arbeit. Dozent für Philosophie und Wirtschaft an einer Hochschule. Förmlich jeden Tag muss ich mit irgendwelchen Möchtegern-Philosophen und selbsternannten Wirtschaftsexperten aufhalten, du musstest dir schon oft meine Frustration darüber anhören, ich entschuldige mich dafür noch mal bei dir. So habe ich zunächst die Keynes'sche Theorie erläutert, um später dann über Sartres Ansichten zur angeblichen Freiheit des Menschen zu philosophieren. So eintönig wie mein Leben war, konnte ich Herrn Sartre nie zustimmen.
Ich sah keine Freiheit im Leben. Nicht, bis du an jenem Tag in meine Vorlesung gestolpert bist und mich komplett aus der Fassung gebracht hast. Wie ein bunter Farbklecks, der auf mein nahezu graues Lebensbild tropfte und es mithellen Farben erleuchtete. So bist du also in meine Vorlesung geplatzt, eine Dozentin in Ausbildung für Philosophie und Pädagogik. Du hast dich hastig entschuldigt und warst geradezu peinlich berührt aufgrund dieser Störung. Du solltest meiner Vorlesung beiwohnen und später mit meiner Hilfe auch praktische Erfahrung sammeln. Dein Lächeln zog mich sofort in deinen Bann und nach der Vorlesung lud ich dich auch sofort zu einem Kaffee ein. Ich war hellwach, nicht aber durch den Kaffee - weg damit. Nein, ich war hellwach, allein schon durch deine bloße Anwesenheit. Deine blaugrauen Augen, deine zierliche Nase, dein Umgang mit Wörtern, einfach alles. Vor mir stand praktisch ein Engel, gesandt vom Himmel, um mir zu beweisen,dass es sehr wohl einen Gott gibt. Unser Gespräch war auf einem philosophischen Level, wie ich es seit Jahren nicht mehr erleben durfte. Und als ich dich nach Hause begleitet habe, fiel auch schon der erste Kuss. Dein frischer Atem brannte sich in meine Seele ein,als heile er alle Schmerzen und jede Krankheit. Ich werde mich noch bis an mein Lebensende an diesen wohligen Geruch von Pfefferminz erinnern. Es war ein Moment der Entspannung, zugleich war ich jedoch in einer noch die dagewesenen Ekstase versetzt worden. Intensiv und doch so wohltuend. Dieser Kuss sollte nur einer von vielen werden,trotzdem stach er in seiner Einzigartigkeit heraus. So leitete der anfänglich gewöhnliche Tag einen neuen, wundervollen Abschnitt meines Lebens ein.
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Der Letzte Brief
Historia CortaEin letzter Brief an die Frau, die er über alles liebt. Eine Frau, die in sein Leben trat, und seine tiefe Leere mit Liebe füllte. Das ist eine Kurzgeschichte, die ich für den Literaturunterricht geschrieben habe, und dachte mir, dass ich diese auc...
