Kennt ihr diese Seiten auf Instagram, wo Leute Bilder von ihren vernarbten Armen oder Beinen hochladen und in den Kommentaren nur solche Dinge stehen wie 'Oh nein Baby. Wieso?' oder 'OMG!' ? Ich habe nie einer dieser Seiten geführt, weil ich nicht will, dass auch nur eine noch so fremde Person sah, wie scheiße es mir wirklich geht. Früher fühlte ich mich wie ein Luftballon, der bei jeder noch so kleinen Enttäuschung etwas größer wurde und genau wie ein Luftballon gab es den Moment in dem alles zu viel wurde und ich platzte. Natürlich nicht Wort wörtlich, es war eher als würde der letzte Funke Lebensfreunde aus meinem Körben entweichen und eine leere Schale zurücklassen. Und genau deshalb wollte ich mein Leben mit einer Überdosis Schmerztabletten beenden. Doch wie man wahrscheinlich an diesem Text erahnen kann, bin ich maßlos gescheitert. Anstatt das ich befreit von jeglichem Schmerz im Jenseits ruhe, sitze ich wegen einem gescheiterten Suizidversuch in der Psychiatrie und das jetzt schon seit knapp zwei Monaten. Das war auch der Zeitpunkt, in dem ich meine Eltern das letzte mal gesehen habe. Ihnen war es so peinlich, dass sich ihre älteste Tochter selbst umbringen wollte, dass sie einfach der gesamten Siedlung und meiner Schule erzählten, ich sei auf einem spontanen Austausch für hochbegabte Kinder nach England gefahren. Mir soll es recht sein.
„Jenna, wie soll das hier bitte weitergehen? Dein Suizidversuch ist jetzt knapp zwei Monate her und du hast bis jetzt mit noch niemanden gesprochen und essen tust du auch nicht mehr ausreichend", holte mich die leicht gereizte Stimme meiner Psychiaterin Frau Selver aus den Gedanken. Ich zucke nur mit den Schultern und fokussiere mit meinem Blick wieder einen kleinen Punkt an der weißen Wand, welche sich hinter Frau Selver erstreckt. Weiß. Eine Farbe die laut Wikipedia Reinheit, Frische und Unschuld symbolisiert. Für mich nicht. Jeder Raum, jeder Gang, jedes Zimmer hier ist weiß. Manche Räume werden noch von einem leichten grau Ton geschmückt, doch die Farbe Weiß ist immer vorhanden. Mir zeig diese Farbe nur, wie verloren ich bin. Wie verloren wir alle an diesem Ort sind. Weggesperrt von der Gesellschaft, ausgegrenzt von allen Menschen und als verrückt erklärt.
„Ich mache dir einen Vorschlag, Jenna." Neugierig richte ich meinen Blick auf die etwas zierlichere, alte Frau, die mich sanft anlächelt. „Es ist nicht wirklich ein Vorschlag, da schon alles mit deinen Eltern und weiteren betroffenen Personen geklärt wurde, also ums kurz zu machen. Du wirst ab Morgen zurück an deine alte Schule gehen." Geschockt reiße ich meine Augen auf 'Das ist sicherlich nur ein schlechter Scherz', versuche ich mir selbst einzureden, doch eigentlich kenne ich bereits die Antwort. Frau Selver macht keine Scherze.
„Du wirst natürlich von Frau Lennon zur Schule gebracht und nach dem Unterricht unverzüglich wieder abgeholt. Solange du in der Schule bist, möchte ich das du dich anständig benimmst. Hast du mich verstanden?" Schnell nicke ich. „Gut du kannst das Zimmer nun verlassen und wehe wir sehen uns nicht um 19:00 Uhr beim Abendessen!" Wieder nicke ich stumm und verlasse das Zimmer mit zügigen Schritten, in der Hoffnung von keinem Angesprochen zu werden.
Als ich endlich an meinem Zimmer ankomme, muss ich entsetzt feststellen, dass auf dem sonst immer lehrstehenden Bett, was gegenüber von meinem eigenen steht, ein Mädchen steht, welches angestrengt in ihrem Koffer kramt, welcher neben ihr aufgeklappt auf dem Bett liegt. Leise räuspere ich mich. Das fremde Mädchen zuckt kurz zusammen und fängt an mich kurz von oben bis unten zu mustern. „Hey, ich bin Amber, bin gerade erst angekommen und wer bist du?" Schnell greife ich nach dem Block und dem Stift, welche auf meinem Nachtkästchen liegen, schreibe schnell Jenna drauf und drehe den Block so, dass Amber es lesen kann. „Oh du redest nicht", stellt Amber leicht schockiert fest. Nicht mehr schmiere ich schnell auf den Block und reiche ihn ihr.
Eigentlich war ich früher sogar ein recht gesprächiger Mensch, doch die Zeit verändert dich. Warum ich nicht spreche hat einen einfachen Grund. An diesem Ort wird jede deiner Bewegungen strengstens beobachtet, wird auf alles genauestens geachtet und vor allem wird nur so förmlich darauf gewartet, dass man sich verspricht, oder Sachen Preis gibt, die man eigentlich nicht teilen will. Ich kann sie nicht daran hindern, mich rund um die Uhr zu beobachten, oder Dateien nach Auffälligkeiten zu durchsuchen. Doch ich kann verhindern, dass ich Dinge sage, die verraten könnten wieso ich mich selbst umbringen wollte. Indem ich einfach nichts sage.
„Wieso bist du hier?", riss mich Amber aus meinen Gedanken, während sie es sich auf ihrem Bett gemütlich macht. Gescheiterter Suizidversuch scheibe ich auf den Block, den sie mir mit ihrer rechten Hand hinhielt und reiche ihn ihr zurück. Als sie fertiggelesen hat, schleicht sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen. „Same here!", sagt sie und streckt einen Arm für ein High-Five aus. Zögerlich schlage ich ein und setze mich neben sie aufs Bett. Obwohl ich hätte wissen müssen, dass sie aus demselben Grund wie ich hier war, schließlich teilt sie sich ein Zimmer mit mir auf der Suizidstation, macht mich die Tatsache fertig. Sie sieht einfach nicht aus wie jemand, der kurz davor war sein Leben zu beenden. Durch ihr schulterlangen, schwarzen Haare, welche auf der rechten Seite lila gefärbt sind und ihrem lässigen Gesichtsausdruck, wirkt sie wie jemand, der an der Schule zu den beliebtesten Schülern gehört.
„Hey es gibt gleich Abendessen. Kommst du mit runter?" Gerade will ich den Kopf schütteln, als mir einfällt das ich höchstwahrscheinlich große Probleme mit Frau Selver bekomme, wenn ich nicht aufkreuze, weshalb ich ihr als Antwort kurz zunicke und mir meinen Block schnappe. Gemeinsam laufen wir die langen, schmalen Gänge zum Essenssaal entlang und wechseln auf dem Weg kein Wort miteinander. Nachdem einer der Küchenhilfen Amber und mir das 'Essen', was laut Angabe der Küchenchefin Eier-Schinken-Nudeln sein soll, aber noch nicht mal annähernd danach aussieht, auf den Teller geklatscht hat, lassen wir uns an einem runden Tisch nieder, welcher etwas abseits der anderen Tischen am Rand steht.
„Wie lange bist du schon hier?", fragt Amber neugierig, während sie ihren Kopf leicht schief legt. Da ich keine Lust habe etwas aufzuschreiben, zeige ich mit meiner Hand einfach zwei Finger in ihre Richtung. „Zwei Tage?", erkundigt sich Amber, während sie ihr Augenbrauen nach oben zieht. Leicht schüttle ich den Kopf. „Also Monate", versichert sie sich etwas leider. Dieses Mal nicke ich. „Tut mir leid", antwortet Amber zögerlich. Ist ja nicht deine Schuld kritzle ich auf den Block und setze ich leicht gezwungenes lächeln auf.
„Bah! Das ist ja ekelhaft!", flucht Amber, während sie die Nudeln ausspuckt, welche sie sich erst kurz davor in den Mund geschoben hatte. Dabei verzog sie ihr Gesicht so angewidert, sodass ich das erste Mal seit einer Ewigkeit endlich lächeln musste. „Ein richtiges Lächeln steht dir tausendmal besser, als dieses Fake Lächeln von vorhin", sagte Amber zu mir, welche sich scheinbar wieder von ihrer kurzen Würgattacke erholt hat und lächelt mich zufrieden an. Dafür das sie in der Psychiatrie ist und versucht hatte Suizid zu begehen, wirkt ihr Lächeln erstaunlich unbeschwert und glücklich, aber vor allem echt und ehrlich. Ein Ausdruck den ich seit langem in keinem Gesicht mehr entdeckt habe.
„Willst du nicht auch was essen?!", fragt Amber mit vollem Mund, nachdem sie genüsslich in die Scheibe Brot, welche es als Beilage zu den Nudeln gab, hineinbiss und deutet mit ihrer freien Hand zu meinen Nudeln, ich welchen ich seit geschlagenen zehn Minuten einfach nur lustlos rumstocherte. Leicht schüttle ich den Kopf, lege die Gabel beiseite und schiebe den Teller sanft von mir weg. „Komm schon wenigstens ein Stück Brot!", versucht Amber mich zu ermuntern. „Du bestehst ja nur noch förmlich aus Haut und Knochen." Ich muss sagen, da hat sie Recht. Ich wog schon lange nicht mehr genug und essen tue ich auch nur noch selten. Ich meine was soll schon passieren? Das durch Mangel- und Fehlernährung Herzrhythmusstörungen auftreten und ich an Folge eines plötzlichen Herztodes sterben würde?! Ich denke etwas besseres, als an Magersucht zu sterben, könnte mir gar nicht passieren. Ich wäre fort. Fort von diesem grauenhaften Ort, an dem ich festgehalten werde, wie ein Sträfling hinter Gitter.
Zögerlich strecke ich meine Hand nach der Scheibe Brot aus und beiße vorsichtig hinein. Allein beim ersten Bissen merke ich schon wie mir alles wiederhochkommt, ohne dass ich überhaupt geschluckt hatte. Schnell schlucke ich das Stück Brot hinunter und lege den Rest zurück auf den Teller. „Ähm..okay, also wenn dir das an Essen reicht, können wir ja zurück aufs Zimmer gehen", langsam steht Amber auf und sieht mich auffordernd an ihr zu folgen. Ich erhebe mich ebenfalls und stelle mein, noch volles Tablette, zu den anderen benutzen auf einen Stapel, als mich plötzlich das Gefühl überkommt beobachtet zu werden. Langsam lasse ich meinen Blick über die Cafeteria schweifen und tatsächlich bleibt mein Blick an einer, mir sehr bekannten Person hängen, welche mich mit gerunzelter Stirn von oben bis unten mustert.
Frau Selver. Als sie meinen Blick bemerkt, wendet sie sich schnell ab und ich bemerke, wie sie etwas auf ihrem Block notiert. Toll! Das bedeutet, dass sie sich jetzt auch noch Notizen über meine Essgewohnheiten macht und da fällt mir plötzlich wieder das Gespräch von heute Nachmittag ein, welches ich versucht habe so gut wie möglich den ganzen Tag zu verdrängen und das mit Erfolg. Wäre es nicht Frau Selver sondern jemand anderes gewesen, hätte ich wahrscheinlich vergessen, dass ich morgen zurück in die Schule muss. Zurück an den Ort vor dem ich fliehen wollte und mir sogar der Preis mein Leben zulassen erträglich schien.
Und zum ersten Mal an diesem Tag stelle ich mir die Frage, was meine ehemaligen Klassenkameraden von mir denken werden. Ich sehe nicht einmal annähert aus wie mein früheres ich. Meine Haut ist blass geworden, meine Wagen sind eingefallen, von meinem ehemaligem relativ stemmigem, ja fast schon dickem Körper, ist nur noch Haut und Knochen übriggeblieben und aus meinen sonst immer so strahlenden Augen ist jeglicher Glanz gewichen, sodass sie leer und matt wirken, wenn ich in den Spiegel sah.
Wahrscheinlich hatten sie mich bereits vergessen, aus ihrem Leben gestrichen, ersetzt und vielleicht werden sie sich nicht einmal an meinen Namen erinnern. „Jenna?!", Spricht Amber etwas lauter, während ihre Hand vor meinem Gesicht rumwedelt. Ich lächle sie kurz entschuldigend an.
„Alles okay?!", fragt sie, nachdem sich ihr wütender Gesichtsausdruck in einen besorgten verwandelt hat. Langsam nicke ich, obwohl sie, genauso gut wie ich, weiß das nichts in Ordnung ist. Da sie ihre Lippen aufeinanderpresst und enttäuscht zu Boden schaut, weiß ich, dass ich Recht habe. Sie weiß das ich Lüge. „Jenna, tu mir einen Gefallen", sie erhebt ihren Blick vom Boden und lässt ihn nun auf mir ruhen, während sie tief Luft holt um ihren Satz zu beenden. „Ich weiß, wir kennen uns noch nicht sehr lange, aber tu mir den Gefallen und lüge mich nicht an. Wenn es für dich zu schmerzhaft ist, die Wahrheit zu sagen, dann lass es sein. Mit der Lüge kommst du durch die ganze Welt, doch zurück kommst du nicht. Ich wurde schon zu oft angelogen und ich weiß nicht wie viel mehr Enttäuschung ich noch aushalte."
Ich will auch gar nicht mehr zurück. Ich habe keinen Grund zurückzugehen und auch keinen zu bleiben. Manche würden sagen: 'Das wäre ein guter Grund zugehen', doch das stand mir nie zur Auswahl. Mein ganzes Leben liegt schon immer in den Händen der Anderen. Ich war wie flüssiger Wachs in den Händen der Leute. Ich ließ mich formen, wie sie es wollten und ebenso ließ ich sie meine Entscheidungen treffen. Doch an dem Tag an dem ich versuchte mir das Leben zunehmen, starb etwas in mir drinnen und ließ nur noch einen lebendigen Körper zurück, der darauf hoffte dasselbe Schicksal zu erleiden, wie seine Seele zuvor. Doch so kam es nicht. Stattdessen bin ich nun Wachs, in den Händen der Leute aus der Psychiatrie. Doch mit der Zeit lasse ich mich nicht mehr so gut formen, zu oft wurde ich fallen gelassen oder absichtlich auf den Boden geworfen. Das einzige was sie machen können, ist mich einzuschmelzen und mit dem übriggebliebenen Wachs, eine neue Kerze zu formen. Doch diese wird niemals auch nur annähernd so schön sein wie die erste, denn es wird immer etwas von ihr fehlen.
Da ich merke, dass ich Amber immer noch keine Antwort gegeben habe, nicke ich kurz und mache mich auf den Weg zurück in unser Zimmer, dicht gefolgt von Amber, welche sehr in Gedanken versunken scheint.
Als wir endlich vor Zimmer 87 angelangt sind, öffne ich die Tür und trete ich das Zimmer. Man braucht keinen Schlüssel um in die Zimmer zukommen, wieso sollte man auch?! Jedes Zimmer hier war offen. Was hatte man schon zu verlieren, wenn man nichts hat. Ich denke das ist das schlimmste. Nichts zu haben, für das es sich lohnt zu leben. Niemanden zu haben, der das Leben erträglich macht. Wahrscheinlich habe ich so jemanden gar nicht verdient. Jemanden der einem aufhilft, wenn man fällt, oder einen aus der Dunkelheit hinausführt, in der man gefangen ist. Denjenigen würde ich wahrscheinlich nur mitreißen in das Loch aus Depressionen und Magersucht und er würde zerbrechen unter der Last, die er dann auch tragen müsse. Er würde zerbrechen, genauso wie ich zerbrochen bin.
Ich lege mich in mein Bett und schließe die Augen, in der Hoffnung, so schnell wie möglich in einen traumlosen Schlaf zu fallen. Denn Träume habe ich schon lange nicht mehr.
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I hate the girl in the mirror
Ficção AdolescenteIch bin zerbrochen, an meiner Vergangenheit und nun bin ich hier, an einem Ort, an dem man uns festhält und versucht wird uns wie die anderen zumachen. Gerade als ich mich mit dem Gedanken, mein ganzes Leben lang hier festzusitzen, abgefunden habe...
