Joseph Hagenauer. 47 Jahre alt. Schlaganfall.
Das Pergament mit den Daten verschwindet vor meinen Augen, so schnell wie es kam und ich sehe mich vor einem gelben Haus stehen.
Wärme und Sonnenschein kommen mir in den Sinn. Ein Familienmensch also.
Kinder flitzen lachend an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, der Duft von frisch gemähtem Gras und Essen hängt in der Luft.
Fast tut es mir leid ihm das alles hier zu nehmen. Aber das ist nunmal meine Pflicht, mehr noch, sogar der Grund meines Seins.
Der Mann auf dem schwarzen Ledersofa ist nicht kräftig. Eine Brille, eine Hakennase, schütteres Haar und Augen, die ins Leere starren.
Nein, nicht ins Leere. Auf etwas bestimmtes.
Was genau bestimmt das ein Wesen sich von anderen unterscheidet? Was entscheidet seinen Charakter? Ist es die Vernunft? Der Geist? Die Seele?
Ich weiß es nicht. Doch genau jenes musste ich nun zurückbringen.
"Joseph Hagenauer?", der Sterbliche schaut seinen in sich gesunkenen Körper immer noch schockiert an. "Sind Sie bereit mir zu folgen?"
"Bin...bin ich tot?"
Warum können Menschen nicht einfach nicken und mitgehen? Einfach ihr Dahinscheiden akzeptieren? Es als Lauf der Dinge ansehen? Tiere sind in dieser Hinsicht der 'höheren Rasse' wirklich überlegen.
"Es tut mir leid, das Ihnen mitteilen zu müssen, aber ja. Ein plötzlicher Schlaganfall, laut meinen Informationen."
Ein Kichern. "Ich schätze Lisa hatte Recht. Mehr Sport würde mir wirklich gut tun."
Ein weiterer Blick zur Leiche.
"Hätte mir gut getan."
"Herr Hagenauer, könnten Sie bitte meine Hand nehmen, um die Reise zu beginnen?"
"Reise wohin?"
Ich schweige und strecke nur meine Hand aus. Ein zögerliches Greifen.
Und beide stehen wir im Nichts.
Das Nichts ist ein Ort, ...an dem ich zu Hause bin? Zumindest ist meine Existenz an ihn gebunden. Jemand oder Etwas stirbt, ich bringe ihn hierher und zusammen wandern wir.
"Ist das das berühmte Licht am Ende des Tunnels? Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, aber ich habe es mir majestätischer vorgestellt? Imposanter?"
So langsam gefällt mir die forsche Art des Menschen.
"Was genau gefällt Ihnen denn nicht, Herr Hagenauer?"
"Hier gibt es nichts besonderes. Keine Engelscharen, die mich singend begrüßen. Kein Gott, der zu mir spricht und mich verdammt oder segnet. Es ist hier bloß hell und... Still."
"Ihr Sterblichen schreibt ständig in euren Büchern, dass der Tod nur ein weiteres Abenteuer zu bestehen ist. Aber auch ein Abenteuer hat Zeiten der Ungewisse und jeder Held wird sich mühsam durch Landschaften quälen, um an sein Ziel zu kommen."
"Und wie lange werden wir denn mühsam umher wandern?"
"Zeit ist ein Aspekt, den nur Sie Menschen verstehen. Kein Tier wird Ihnen sagen können was Zeit ist, denn sie verstehen nur das Konzept des Hier und Jetzt. Und es gibt keine Zeit im Nichts."
Eine hochgezogene Augenbraue.
"Ich weiß es selber nicht, Herr Hagenauer. Bei jedem fühlt es sich anders an. Es kommt drauf an, wann der Sterbliche bereit ist."
"Wofür bereit?"
"Weiterzuziehen."
"Aber wohin?"
Seit Anbeginn des Seins und des Nicht-Seins höre ich die Frage immer und immer wieder. Und seit diesem Anbeginn antworte ich: "Ich weiß es nicht."
Stille. Komisch. Menschen reagieren meistens mit noch mehr Fragen.
'Wie, nicht wissen?'
'Du bist doch der Tod!'
Und hier liegt der erste Fehler. Ich bin nicht der Tod. Der Tod ist ein Moment, welches von biochemischen Faktoren abhängig ist und sich im Körper der Menschen abspielt.
Ich bin nur ein einfacher Begleiter, der da ist... Nun, um auf der letzten Reise den Verstorbenen zu begleiten. Ich weiß nicht, was mit den Menschen nach der Reise passiert, wenn wir ankommen.
Es ist schon ironisch. Ein Wesen, das den Sterblichen scheinbar weit überlegen ist und doch auch nicht viel mehr weiß als sie. Und trotzdem fragen mich die Toten Fragen über Fragen.
"Erzähl mir was von dir."
Wie bitte?
Langsam drehe ich meinen Kopf zu diesem Verstorbenen. Ich soll was von mir erzählen?
"An was erinnerst du dich denn?"
Die Frage wirft mich aus dem Konzept. Wo ist das 'Wo ist mein Gott?', 'Gibt es überhaupt einen Jahwe / Shivu / Allah?'
"An was ich mich 'erinnere'?"
"Du hast mich schon richtig verstanden. Ich meine, du hast bestimmt einiges erlebt, wenn ich Recht habe, dass du jeden Toten hierher bringst. Und es gibt interessantere Menschen, die dir ihre Geschichten erzählt haben. Interessantere als die eines Bankiers, inmitten einer mid-life crisis. Wie war es da Vinci zu treffen? Einstein? Mussolini? Hitler?"
Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich an keinen von ihnen. Vielleicht haben sie in der materiellen Welt etwas Großes bewirkt, aber hier kommt mir jeder gleich vor.
Wir gingen weiter durch die helle Landschaft, während ich versuchte mich an jemanden zu erinnern.
"Es gab da mal einen alten Mann. Ich erinnere mich nicht daran, wie er hieß, aber sein Gesicht war voller Narben. Er hat gemeint, er hätte in einem Krieg gekämpft, ein bedeutender Krieg für die Menschheit. Aber meint ihr das nicht zu allen?"
Ich denke zurück an sein faltenreiches Gesicht. Seine ruhigen, schwarzen Augen, die mich freundlich anlächelten. Wissend. Als wäre ich der Sterbliche, der Hilfe benötigte.
"Er wäre nichts besonderes. Im Schlaf gestorben an Altersschwäche, so wie endlose vor ihm starben und endlose vor ihm sterben werden. Das Einzige was ihn unterschied war, wie er die Welt sah."
"Was war denn so besonders daran?"
"Das Erste was er mir erzählte war, wie er endlich seinen, im Krieg verwundeten, Freund sehen würde. Musste seinen Körper auf dem Schlachtfeld liegen lassen. Er redete so erfreut über ihn und strahlte und lachte. Darüber, was sie alles im Krieg gemacht haben, der Wein, die Frauen, die gewonnenen Kämpfe. Und im gleichen Atemzug erzählte er von dem Hunger, den Verlusten, den Niederlagen."
"Das verstehe ich jetzt nicht."
"Ich auch nicht, Herr Hagenauer."
Doch ich verstehe. Es war, wie er als einer der wenigen verstanden hat, was die Welt ausmacht.
"Gab es denn noch jemanden, an den du dich erinnerst?"
Plötzlich scheint alles zu wabern und ich kneife die Augen zusammen, als mich die Erinnerungen an sie durchströmen.
"Sie hieß Marguerite Girard. Eine Frau mit feuerroten Haaren."
"Was ist mit ihr geschehen?"
Ein Pöbel. Feuer. Schreie. Hilferufe, Klagen, Flehen. Der Geruch von verbranntem Fleisch.
"Ihr Menschen seid grausame Wesen, Herr Hagenauer."
Ich spüre den bohrenden Blick seiner stahlgrauen Augen, doch versinke ich wieder in den Erinnerungen, während wir weitergehen.
Das erdrückende Flehen. Die Nässe der Tränen. Das markerschütternde Geschrei.
"Was ist mit Clément? Jeannine? Was werden sie mit meinen Kindern machen!?"
Die Reise mit ihr war eine Qual für uns beide.
Scheinbar endlos gingen wir, während sie versuchte zu ihren Kindern zurückzukommen. Sie schrie, sie flehte, sie rannte weg, doch wohin, wenn man sich im Nichts befindet?
Als wir am Ende vor einem Tor aus Gold standen, war ihre Stimme nur ein Krächzen und ihre Augen so rot, wie ihre Haare.
"Warum?", kam es gebrochen aus ihr heraus und wie so oft hatte ich keine Antwort darauf.
Schweigend gingen der Mensch und ich im Nichts.
Ein vorsichtiger Blick. Ein Atemzug -
"Ein sehr junger Mann. Sechzehn? Siebzehn?"
"Oh Gott, aber warum?"
"Selbstmord."
Seine Augen waren tot, noch bevor der Tod eintrat.
'Augen sind die Spiegel zur Seele', schreiben die Sterblichen und wie recht sie doch haben. Doch warum, in all ihrer Weisheit sehen sie nicht, was vor ihnen liegt?
Blaue Augen, daran erinnere ich mich noch. Menschen schreiben so oft über Augen, die wie die tobende See aussehen, oder wie der wolkenlose Himmel an einem Sommertag.
Aber seine waren wie ein tiefer Teich im Wald, welcher seit Jahren nicht bewegt wurde und alles in sich aufsog.
Das Gute, aber auch das Schlechte. Vorallem das Schlechte.
Als er mich in dem kleinen Zimmer sah, lachte er auf und zeigte so seine Zahnspange.
"Endlich. Endlich!"
Sein Körper ging von der Decke, sein Gesicht angeschwollen und blau. Auf der Kommode ein Zettel.
Die Reise mit ihm war erschreckend kurz.
"Das muss hart gewesen sein. Warum hat ihm niemand geholfen?"
"Herr Hagenauer, ich hole die Toten nur ab. Ich weiß weder was in ihren Leben war, noch was nach dem Nichts passiert. Ich begleite nur. Und vielleicht ist das besser so."
Der Mann nickt, aber ich sehe seine Hände sich verkrampfen.
"Gab es denn niemanden, außer dem Krieger, an den du dich gerne erinnerst?"
Gerne? Ich versuchte mich an die unzähligen Toten zu erinnern, die ich begleitet habe.
"Doch.", rutscht es mir heraus.
"Warum reden wir nicht über diese Person?"
Ich fing an zu lächeln.
"Sie war vier Jahre alt. Eine Seuche in ihrem Dorf. Die Eltern habe ich davor schon abgeholt."
"Wie sah sie aus?"
"Mager. Dürr. Filzige, dunkle Haare."
"Warum ist dir dann ein kleines Mädchen in Erinnerung geblieben?"
"Sie hat anders auf das alles hier reagiert. Mich, das Nichts, das Wandern."
Selma? Samira? Ihr Name ist verblasst. Aber an ihre braunen Augen, die mich schelmisch anfunkelten, an die entsinne ich mich. Ihr Lächeln, wenn sie sich freute und ihre Zähne aufblitzen ließ.
Die Reise mit ihr war die Schönste. Keine Fragen, nur das Hier und Jetzt haben bei ihr gezählt.
Eine kleine Sterbliche hat mir gezeigt, was Freude ist, Lachen und Tanzen. Trotz ihres kümmerlichen Daseins.
Vielleicht war es genau das, weshalb ich sie nicht gehen lassen wollte. Sie hat mir das 'Leben' an sich gezeigt. Nicht die lange Existenz eines Wesens mit Höhen und Tiefen. Sondern den Moment des Seins.
Ihre Tür war eine einfache Holztür, die halb aus den Angeln fiel und ich hielt ihre kleine Hand krampfhaft fest. Sie schaute zu mir hoch.
Eine Umarmung, eine Zahnlücke und weg war sie.
"Ich glaube wir sind da.", reißt mich der Mensch aus den Gedanken.
Mein Blick klärt sich und ich sehe vor mir eine trübe Glastür.
"Ja, ich schätze es ist Zeit sich zu trennen, Herr Hagenauer."
Der Sterbliche blickt die Tür an und sagt einen Moment nichts.
"Weißt du, ich habe die Zeit mit dir sehr genossen."
"Ich danke Ihnen, Herr Hagenauer."
Ein schiefes Lächeln, eine ausgestreckte Hand, ein Händeschütteln.
"Zeit das Abenteuer anzutreten, nicht wahr?"
Der Mann mit den Fragen tritt durch die Tür, wie der Greis, die Hexe, der Selbsttöter und das Mädchen vor ihm.
Und ich stehe wieder im Nichts. Alleine. Ohne Antworten.
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Erinnerungen
Short StoryAn was, oder wen, erinnert sich jemand, der die Toten auf ihrer letzten Reise begleitet?
