Kapitel 1.
Mit polternden Schritten renne ich die knatschende Holztreppe herunter und sehe mich im Wohnzimmer um. Meine Augen schweifen durch den mittelgroßen Raum, der voller Krimskrams ist.
„Leah Ann Thompson!" Höre ich die wutentbrannte Stimme meiner Mutter. Laut atme ich aus, schließe meine Augenlieder und drehe mich in die Richtung, aus der gleich meine geliebte Mutter stürmt. Ein weiteres knatschen von der alten Treppe ist zu hören und dann das auftreten von den alten, und fast kaputten Turnschuhe.
Die dreckigen Turnschuhe, die glaube ich mal weiß waren, aber jetzt grau sind, mit den gelben Streifen an der Seite lassen mich mein Gesicht verziehen.
Meine Mutter braucht dringend neue Schuhe.
„Hör auf mit dieser Kindergartenscheisse" ihre Stimme ist rau und kratzig, kommt wahrscheinlich von ihrer Erkältung. Kein Wunder, dass sie hier mit roter Nase und glasigen Augen vor mir steht, wenn sie mit ihren löchrigen Schuhen durch den Schnee stampft. Dabei ist es grade mal Ende November.
Meine Mutter legt ihre eh schon faltige Stirn in noch mehr Falten und blickt mir, nicht grade begeistert, in die Augen. Ihre tränenden, erschöpften Augen starren in meine. Sie haben sich verändert, fällt mir auf. Die Augen meiner Mutter sahen, als ich sie das letzte mal gesehen hatte heller aus. Jetzt ist das Haselnussbraun mit den bisschen grün in der Iris...trüb und verschwommen. Kann aber auch an der Erkältung liegen.
Ich spüre ihre Hand an meiner Schulter, leicht drückt sie zu, so wie sie es immer macht, wenn sie wütend auf mich ist. „Sag mir, dass der nicht echt ist" presst sie zwischen den Zähnen heraus. Ihr Griff an meiner Schulter verstärkt sich, als ich eine Augenbraue hebe anstatt ihr zu antworten.
„Der ist echt" ist das einzige, was ich sage. Ruhig beobachte ich sie, wie ihre Augen mich kritisierend ansehen. Meine Mutter forschet mein Gesicht ab, die faltigen Augenringe hängen schlapp herunter, ein Zeichen dafür, dass sie nicht nur krank ist, sonder auch, dass sie kaum geschlafen hat.
„Sag mir, dass der nicht echt ist" wiederholt sie, kann es wohl echt nicht glauben und ist wahrscheinlich kurz davor auszurasten. Ihr Blick hüpft hoch zu meinen Augen und dann wieder zu meiner Nase, als sie bemerkt, dass ich ihr nicht noch einmal antworte schließt sie ihre Augen.
Ein lauter Atemzug ist zu hören, die Augen von meiner Mutter schließen sich und ich kann ihr anmerken, dass sie gerade versucht einen klaren Gedanken zufassen. Etwas unbeholfen schweift mein Blick durch das Wohnzimmer. Sofort schießen mir tausende Erinnerungen durch den Kopf;
An der alten, und meiner Meinung nach scheußlichen Tapete sind 11 Striche. Alle sind genau 6 centimeter lang und wurden mit Bleistift angezeichnet. Neben den Strichen stehen Zahlen. Angaben, um genau zusein.
Jedes Jahr an mein Geburtstag haben meine Mutter und mein Vater einen weiteren Strich an die Wand gezeichnet, um mein Wachstum in Erinnerung zu behalten. Jedes Jahr haben sie das gemacht. Von mein 1 Geburtstag an , bis zu mein 11, danach nicht mehr.
Kaum merkbar schüttle ich meinen Kopf. Denk nicht an alte Zeiten nach, denk nicht an die Vergangenheit. Denk an das hier und jetzt.
Ich schaue mich weiter um. Nichts neues. Ich schätze, dass sich hier sowieso nichts verändert hat. Wieso sollte es auch?
Es ist mein altes Haus, das Haus in dem ich meine Kindheit erlebt habe und in dem meine Erinnerungen und Taten stecken. Das wird sich nicht verändern.
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River
Romance*slow updates* Jeder hat doch vor etwas Angst, oder? Sei es die Angst vor der Dunkelheit, vor Einsamkeit, vor Abweisung oder vor einfachen Spinnen. Höhenangst oder Platzangst. Manche Menschen haben Angst vor dem Tod, vor Krankheiten oder vor der Pan...
