Der Brief

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Hallo du leeres Blatt,

Es tut mir außerordentlich leid, dir Folgendes mitzuteilen, aber dein Platz wird nicht für die Worte einer wunderbaren fantasievollen Geschichte draufgehen. Nein, auch nicht für die lebensnotwendigen Schulaufgaben, die mich vor einer schlechten Zensur retten. Und auf dir werden auch nicht die schönen und einfühlsamen Wörter von Gedichten niedergeschrieben. Ganz im Gegenteil.

Dich brauche ich als Hilfe. Du bist heute mein kleiner virtueller Lebensretter, um meinen Kopf freizukriegen und meine Finger aufzuwärmen. Denn ich leide seit Neustem an einer Schreibblockade. Und meiner Meinung nach sogar eine sehr Schlimme. Sie verbietet mir mich auch nur auf die einfachsten Sachen in meinem Buch zu konzentrieren und stellt sich jeder noch so hartnäckigen Zielstrebigkeit in den Weg. Und das alles, obwohl ich mir ein halbes Jahr lang mühsam eine Routine des Schreibens antrainiert habe. Und nun merke ich, wie ich jeden Tag aufs Neue meine eigenen Regeln über den Haufen werfe, nur weil sis mich dazu bringst alles andere nur möglich Erdenkliche auf einmal ungeheuer interessant zu finden. Selbst wenn ich dann nun doch mal mich ermutigen konnte wenigstens den Computer hochzufahren, sitze ich nur zehn Minuten davor und starre den Bildschirm an, bis ich beschließe zum gefühlt zehnten Mal diese Woche Lösungen für Schreibblockaden zu googlen und alle Tipps, die man sich eigentlich auch hätte denken können erneut durchzulesen. Ich meine, für wen sind diese Tipps gedacht? Für unterbemittelte Amöben mit Toast-IQ?! Und wenn nicht, wär ich natürlich nie ohne deren Hilfe auf die ganzen Sachen gekommen. Ja genau! Hätten die Autoren dieser Tipps-Artikel nicht geschrieben, dass man Ruhe braucht zum Schreiben, wär ich nie darauf gekommen, dass meine Schreibblockade möglicherweise an meinem mit Kettensäge krachmachenden Nachbarn liegt, über den ich mich schon seit Tagen aufrege. Wär ich nie drauf gekommen! Wunderbare Tipps stehen dort im Internet. Was kommt als nächstes? Zum Schreiben auf ihrem PC, schalten sie diesen bitte an. WAS? Nein! Sowas geht?

Okay wie auch immer das ist ja nicht das eigentliche Problem. Auch die Schreibblockade ist eher Teil des Problems. Genau. Der eigentliche Grund für mein momentanes Haareraufen und grimmig Gucken ist doch eigentlich die Tatsache, dass ich keine Ideen hab. Nada. Niente. Mein Dilemma ist, dass in meinem Buch sich gerade der Inhalt total gedreht hat. Aber komplett. Alles spielt verkehrte Welt. Den Kerl, den sie vorher mochte, hasst sie jetzt. Die beste Freundin, welche mit ihr durch dick und dünn gegangen ist, ist nun mit ihr zerstritten. Die Mutter, zu der sie vorher ein gutes Verhältnis hatte, ist maßlos enttäuscht. Und der Vater, der vorher nie ein Thema war, tritt plötzlich wieder in ihr Leben.

Und auch wenn das schon nach einem krassen Höhepunkt klingt, geht der Spannungsbogen noch weiter. Sie weiß noch gar nicht, was noch geschieht. Sie hat keine Ahnung, was der Kerl noch vor hat und wie hartnäckig er sein wird. Und sie ist sich auch nicht im Klaren, wieso der Vater überhaupt gegangen ist. Noch weniger weiß sie, wer dieser seltsame Junge ist, dem sie nun immer wieder begegnet. Und sie weiß auch nicht, wie stark die Freundschaft zu ihrer besten Freundin tatsächlich ist.

Klingt doch eigentlich nach ziemlich viel und das auch noch sehr durchstrukturiert oder? Von wegen. Dadurch, dass ich weiß wie meine Geschichte beginnen soll, was darin passiert und wie sie endet, heißt nicht, dass ich das alles auch auf Kommando schreiben kann. Ganz im Gegenteil. Ich habe keine Ahnung, wann ich was auflösen will, welche Verbindung das eine zum anderen hat und was zwischen den Hauptpunkten passiert. Noch mehr mache ich mir allerdings Sorgen, wegen der Überarbeitung. Ganz Recht. Lach nur. Noch nicht einmal 100.000 Wörter und ich denke schon ans Überarbeiten. Aber das tue ich vermutlich nur, weil ich so viel Angst davor hab. Denn wenn ich auf das zuvor Geschriebene zurückschaue, dann wird das mit jeder Zeile, die ich schreibe, mehr was ich erneuern und anpassen muss. Zu allem Überfluss bist du kleines leeres Blatt soeben auch noch voll geworden. Hallo zweites leeres Blatt. Ich mach mir nicht die Mühe dich aufzuklären, was das mit dem hier auf sich hat. Bei Fragen, wende dich bitte an das erste Blatt.

Zurück zum Punkt. Wenn das so weiter geht, brauche ich noch 50 Jahre um mein Buch fertigzustellen. So ähnlich wie Goethe. Der hatte für Faust schließlich auch Ewigkeiten gebraucht, nur weil er es immer wieder überarbeitet hat. Aber ich glaube ich habe nicht einmal die Zeit mein Buch 50 Jahre lang zu überarbeiten. Ich hab ja jetzt schon kaum Zeit es zu schreiben. Aber wenn man etwas will, dann findet man die Zeit. Und wenn ich mir diese Zeit schon nehme, dann soll sie bitte sehr auch genutzt werden. Damit meine ich, dass ich mir meine kostbare Schreibzeit nicht von so einer blöden Schreibblockade ruinieren lassen. Genau!

Ich werde mich jetzt an mein Buch setzten, mich von der letzten Seite an einlesen und dann gefälligst so lange schreiben, bis meine Schreibblockade weg ist!

Okay, nein, Planänderung. Ich hab gerade auf die Uhr gesehen und es ist schon nach neun. Viel zu spät um heute noch eine Schreibblockade zu bewältigen. Aber Morgen! Morgen dann werde ich diese Schreibblockade in Grund und Boden schreiben.

Liebe Grüße,

Die ideenlose Autorin


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⏰ Last updated: Jan 12, 2017 ⏰

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