Sie lief schon so lange durch den Regen. Ihr war kalt. Ihre Haare waren komplett durchnässt. Doch sie irrte weiter. Sie hoffte auf ein Wunder. Sie hoffte darauf sie zu finden, konnte sich nicht vorstellen komplett auf sich alleine gestellt zu sein.
Der sonst so staubige Boden hatte sich in ein Schlammbecken verwandelt. Sie hatte sich schon an ein paar Scherben geschnitten die sie durch den Schlamm nicht erblickt hatte. Stunden stapfte sie schon verzweifelt durch die Trümmer. Ganz konnte sie nicht fassen was passiert war. Sie ertrug die Vorstellung nicht, dass dieses Bild der Zerstörung mal ihr zu Hause dargestellt hatte. Plötzlich stand sie auf einem Platz. Sie erkannte in seiner Mitte einen Steinhaufen der früher ein Brunnen gewesen war. Ein Riss zog sich von dem Brunnen über den ganzen Platz. Angekommen bei dem ehemaligen Wasserbecken drehte sie sich einmal im Kreis und betrachtete die Trümmerhaufen um sich herum. Sie erinnerte sich an die vor kurzem noch so prunkvollen Gebäude. Sie schloss die Augen und es ertönte fröhliche Musik.
Als sie die Augen aufschlug stockte ihr der Atem. Die Bäume die um den Platz herum verteilt wuchsen waren mit leuchtenden Lichterketten geschmückt. An den Fassaden der Häuser hingen bunte Lampillons. Um sie herum tanzten fröhliche Menschen, allesamt verkleidet. Sie entdeckte einen Piraten, eine Fee und einen Zauberer. Zögerlich machte sie ein paar Schritte vorwärts, schließlich mischte sie sich unter die Menge und ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.
Ein gutaussehender Superman kam auf sie zu und bat um einen Tanz. Fröhlich nahm sie seine Hand und die zwei begaben sich auf die "Tanzfläche", die Mitte des Platzes. Der fremde Junge war ein ausgezeichneter Tänzer und das Paar wirbelte anmutig über die Tanzfläche. Plötzlich begann sie zu lachen. Es war ein schönes, unbeschwertes Lachen, welches andere Leute immer wieder ansteckte. Sie schloss die Augen und genoss einfach den Moment.
Doch als sie sie erneut öffnete war das Fest um sie herum verblasst. Die fröhliche, unbeschwerte, festliche Atmosphäre war einer bedrückende Stille gewichen die sie quälte. Um sie herum tanzten keine glücklichen Paare mehr. Sie lag nicht mehr in den Armen des fremden Jungen und lachte. Stattdessen stand sie auf einem zerstörten Platz, sie hatte alles verloren. Ihre Familie verschollen, ihr zuhause zerstört, ihr Magen lehr. Sie hatte schließlich seit Tagen nichts mehr gegessen. Es gab nichts mehr. Die anderen Kinder hungerten mindestens genauso sehr wie sie. Das was sie gefunden hatte, hatte sie letztendlich ein paar weinenden Kleinkindern gegeben. Für sie war nichts übrig geblieben.
Gedanken versunken schlenderte sie weiter. Als sie den Blick hob stand sie vor einem kleinen Haus. Das Dach fehlte komplett und die Fassade war von Löchern durchzogen. Das alte Holz schaute zerfressen aus und die Fenster waren zerschlagen. Leise öffnete sie die Tür und betrat den kleinen runden Raum der sich dahinter befand. In der Mitte des Zimmers stand ein großer eckiger Tisch. Die Sessel rundherum waren umgefallen, teilweise kaputt. Sie umrundete den Tisch und ließ ihre Hand über das raue Holz gleiten. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Kühlschrank am anderen Ende des Zimmers.
Langsam ging sie darauf zu, ihre Augen weit geöffnet. Ihr Atem ging schneller. An dem mittelgroßen Gerät angekommen zögerte sie. Ihr Hunger drängte sie dazu die Tür auf zu machen und über das herzufallen was sich in dem Kühlschrank befand. Doch sie wollte den Moment der Hoffnung endlich wieder was in den Magen zu bekommen, auskosten. Wenige Minuten schaffte sie es sich zu zwingen inne zu halten. Schließlich siegte ihre Neugierde sowohl als auch ihr Hunger.
Mehrere Kinder saßen um sie herum und "schlugen sich die Bäuche voll", was sowas bedeutete wie "sie aßen so viel, dass sie nach Tagen des Hungerns endlich mal wieder halbwegs satt waren". Es herrschte eine fröhliche Stimmung, alle waren ihr dankbar, dass sie in so einer Krisensituation ihr Essen mit ihnen geteilt hatte. Wenige dieser Kinder hätte das sofort gemacht. Alle hungerten und wenn einer etwas hatte, setzte er sich in eine nicht allzu belichtete Ecke um sein Mahl alleine zu genießen, ohne das Betteln der anderen hungernden Kinder im Hintergrund. Sie jedoch teilte immer alles mit jedem. Sie machte keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen, der Herkunft und der Religion.
Ein paar Jugendliche hatten eine Gruppe zusammengestellt. Sie waren so etwas wie Ersatzeltern für die Jüngeren. Es war ein Rätsel weshalb sie bis jetzt noch keine Erwachsenen getroffen hatten. Sie waren alle auf sich allein gestellt. Das meiste was sie fanden, teilten sie untereinander auf. Doch es war einfach zu wenig von allem da. Der Großteil der Bande war den ganzen Tag unterwegs um nach Überlebenden oder Essen zu suchen. Auch sie war Teil dieser ein wenig chaotischen Horde. Von manchen wurde sie die große Mutter genannt, da sie sich um alle kümmerte. Wenn man einmal weinte, was oft geschah, brachten die anderen einen zu ihr. Sie tröstete einen, schaffte es einem Hoffnung zu machen. Sie bildete das Herz der Truppe. Ohne sie wären sie alle schon längst in eine Ecke gekrochen und wahrscheinlich gestorben, weil sie die Hoffnung verloren hätten. Sie jedoch gab ihren Leben wieder einen Sinn, eine Familie für die es sich zu kämpfen lohnte.
Seit einer Woche befanden sie sich schon in diesem Zustand. Sie alle hofften auf Hilfe, auf irgendeinen der sie retten würde. Sie wollten nicht mehr im Dreck leben müssen. Sie wollten, nein sie mussten mehr zu essen bekommen. Würde die chaotische Horde nicht bald gerettet, verlören sie wohl alle Hoffnung.
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Empathy
Short StoryKurzgeschichten. Storys aus einer anderen Sichtweise. Eine komplett andere Sichtweise. Der Schlüssel zu den Gedanken eines anderen Menschen. Das ist meine erste Story auf Wattpad, also seid gnädig😉.
