„He, du Lump, bring mir Rum und Ale für meine Freunde! Aber dalli!" Dem rundlichen Wirt verging sein Willkommenslächeln in Sekundenschnelle und wurde durch eine hastige Verbeugung und schnellem davon Huschen ersetzt. Einen Blick auf das Schwarze Ungetüm, das auf der weissen Haarpracht des Mannes thronte, hatte verraten, mit wem er es zu tun hatte. Mit zitternden Händen suchte er die Gläser für die gewünschten Getränke heraus. „Wirts bald du Landratte, wir haben nicht ewig Zeit, die Engländer warten darauf von uns versenkt zu werden!" Die harschen Worte des Mannes wurden von Pfiffen Grölendem Gelächter begleitet. Manch eine Faust wurde auch so hart auf den Tisch geschlagen, dass der Aufprall eine Delle hinterliess. Es waren nicht die ersten Dellen, die der Tisch in der Mitte des Raumes schon hatte. Der Wirt erwiderte nichts. Pöbelnde Gäste war er sich gewohnt und er hatte es sich in den langen Jahren seiner Karriere zu eigen gemacht, die eine oder andere Macke seiner Kunden zu ignorieren. Es ging immerhin auch um die eigene Sicherheit. Und er wollte schliesslich nicht wie sein Cousin enden, der in London eine Hafenkneipe geführt hatte, bis er eines Tages einem unangenehmen Gast gesagt hatte, er solle seine Füsse vom Tisch nehmen. Das war diesem nicht gut bekommen - dem Cousin aber noch weniger, denn der endete als neues
Kneipenschild. Der Name der Schenke, zum gehängten Mann, erhielt dadurch einen gewissen, morbiden Nachgeschmack. „Hier einen Rum für den Herr und Ale für seine Freunde." Vorsichtig balancierte der Wirt den überfüllten Tablet um den Tisch herum und setzte die Getränke gekonnt ab. Eine plötzliche Bewegung liess ihn zusammenzucken, doch es war schon zu spät. In hohem Boden segelte er durch die Luft und knallte mit dem Gesicht voran auf den Holzboden. „Nah da ist ne Landratte wohl nicht standhaft genug, was Freunde?" Die Bande brach in brüllendes Gelächter und Gejohle aus. Der Wirt rappelte sich mühsam auf, wobei er seine blutende Nase hielt und zugleich seine Leibesfülle vom Boden zu stemmen versuchte. Stille breitete sich aus, als der Kapitän langsam aufstand und auf den Wirt zuging. Spannung knisterte durch den Raum und die anderen Gäste, die das ganze Spektakel interessiert verfolgt hatten, legten die Hände um die Griffe ihrer Waffen. Ein gefährliches Lächeln breitet sich auf dem Gesicht des Bärtigen aus, als er sich vorbeugte und den Wirt am Kinn packte. „Räum das auf und bring uns diesmal dreizehn Humpen Ale und einen Rum und nicht nur zehn!", zischte er laut genug, dass auch jeder im Raum mit bekam, wer hier der Boss war. „Aber das sind drei..." „Du willst mir doch nicht weiss machen, dass meine Augen die zehn Gläser nicht erkennen können?" „Ne..neiein, natürlich nicht!", stammelte der Wirt, als der Bärtig seinen Kopf mit einem harten Ruck nach hinten riss. „Dann los, beeil dich!" Schweigend eilte der Wirt davon, um den Wünschen seiner Gäste zu gehorchen und dabei auch noch die Scherben der zerbrochenen Gläser unter den Tisch zu wischen. Der Gast war König. Und einem wütenden König wollte er lieber nicht begegnen.
Der Wirt, Josef, atmete erleichtert auf, als das Abladen der Getränke beim zweiten Anlauf klappte und er bis auf ein paar Bemerkungen über fliegende Landratten, glimpflich davon kam. Die Schenke war an diesem Abend gut besetzt, die Neuigkeit über die Ankunft der Fremden, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und allerlei Gesindel angelockt, das sich den Spass einer Wirtshausschlägerei nicht entgehen lassen wollte. Die Freude über die hohen Einnahmen wurde vom Gedanken an den morgigen Anblick der Wirtsstube gedämpft. Seufzend dachte der Wirt an die vielen Formalitäten, die es wegen der Toten wieder zu erledigen geben wird. „He, Josef, bringst du uns noch nen Humpen?", rief einer der Stammgäste aus dem Ecken vor dem Tresen. Der Wirt antwortete mit einem kurzen Nicken. Auf dem Weg zum Tisch des Gastes, hielt er abrupt inne, als ein starker Windstoss durch den Raum fegte und die Blätter auf dem Tisch des Gastes, ganz hinten in der Ecke herum wirbeln liess. Nachtschwarze Robben hüllten die Gestalt ein und verdeckten sie vor neugierigen Blicken. Der Wind zerrte an vollgeschriebenen Blättern auf dem Tisch, riss sie hoch und wirbelte sie durch den Raum. Weisse, feingliedrige Hände schnellten unter den Robben hervor, doch die Bewegung war zu langsam. Die Briefe wirbelten durch den Raum. Einer landete zielsicher im Kochfeuer hinter dem Tresen, an dem die Frau des Wirtes stand und kräftig im Eintopf rührte. Zischend gingen die geschriebenen Worte in Flammen auf. Die Gestalt hob die Hände wie in einer wütenden Geste, überlegte es sich dann aber anders, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand. Niemand beachtete die umherfliegenden Briefe und ausser der Wirtsfrau schien niemand vom Geschehen, Notiz genommen zu haben. Gebannt starrten alle auf die geöffnete Tür.
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Nemo et omnes
RandomEine verruchte Hafenkneipe. Fremde, die selbige regelmässig zu Kleinholz zerschlagen. Eine Prophezeiung und Schiffe. Viele Schiffe. Ein Kapitän, der träumend Briefe schreibt. Wo ist der Sinn? Es gibt keinen.
