Langsam sanken dicke Flocken vor ihr zu Boden und bedeckten die Welt, betäubten die Stadt und froren die Luft ein. Sie hörte es. Sie hörte alles. Das leise Jammern der Kinder, das Gezeter des Ehepaars am eingefrorenen Springbrunnen, das Weinen einer alten Frau die ganz alleine war. Sie wollte helfen, wirklich. Doch sie konnte es nicht. Sie war hilflos. Wie alle anderen. Eine Böe voll Schnee, Eis und falscher Fröhlichkeit schlug ihr ins Gesicht. Sie drückte sich ein wenig mehr in die dunkle Ecke in der sie saß. Die Nächte konnten tödlich sein, falls sie keinen besseren Platz fand würde sie vermutlich erfrieren. Hier auf der Straße passierte das einem viel zu schnell. Der Tod lauerte überall. Wartete darauf, dass eine Grenze, die Grenze zum Totenreich, übertreten wurde. Mühsam schleppte sie sich die Seitenstraße entlang. In der Nähe war ein Markt, lächelnde Erwachsene, lachende Kinder und über allem der Ausdruck der Unzufriedenheit. Wie ein dunkler Fleck in einer Welt aus falschen Kerzen stand sie am Rand der fröhlich, verlogenen Welt. Eine Frau verzog bei ihrem Anblick das Gesicht, der Mann wandte sich einfach ab. Ablehnung, Ekel und ein bisschen Furcht schwappten ihr entgegen. Schnell überquerte das Mädchen den Platz. Es war hell und doch fühlte sie klebrige Dunkelheit darunter. Ein Junge rempelte sie an. Wie in Zeitlupe kam der Boden näher. Der Aufprall war hart und dumpf, unbemerkt unter tausend Augenpaaren. Behände rollte sie herum. In Erwartung eines Fußtritts hob sie die Hände schützend vor ihr Gesicht. Doch nicht der erwartete Hass verseuchte die Luft um sie herum, sondern etwas warmes, neues. Ein Geruch, ein Gefühl, wie sie es noch nie vernommen hatte. Eine unerkannte Sehnsucht packte sie und eine warme Woge spülte durch ihr ganzes Sein. Die Welt stand still. Nur die Schneeflocken waren nicht an jenes Gesetz gebunden. Vorsichtig beugte er sich über sie. In seinen Augen glomm eine warme Glut. Sorge und Schuld spielte in seine Mimik und Offenheit durch seine Gestik. Ein helles, reines und herzliches Lachen brach aus ihr heraus und der Junge stimmte mit ein. Die Wärme verbannte die Unsichtbarkeit und sie wusste, nun hatte sie einen sicheren Platz gefunden.
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Winterdepressionen
Short StoryWenn dicke Flocken aus grauen Wolken fallen und die Sonne aus der Welt verschwindet regieren die winterlichen Emotionen die Bewohner mit ungnädiger Härte. Eine Sammlung von Kurzgeschichten
