[28. November]
Hey Du,
ich weiß nicht, wann ich dir zuletzt geschrieben habe. Oder wann ich überhaupt das letzte Mal etwas geschrieben habe.
Mit einem Füller auf Papier. Auf Briefpapier.
Aber ich weiß, wann ich dich das letzte Mal gesehen habe. Das war genau vor einem Jahr. Am Bahnhof. Du hattest die blaue Jacke an, die du so geliebt hast und diese grässliche Mütze, die ich so gehasst habe. Aber was würde ich dafür geben, diese Mütze noch einmal zu sehen.
Und da bist du gestanden, mit deiner Mütze, der Jacke und den schweren Stiefeln und hast gelächelt. Mir dabei gewunken. Dann hast du dich umgedreht und warst weg. Doch bevor du ganz aus meinem Sichtfeld verschwunden bist, hast du noch einmal über deine Schulter geschaut, und mir zugezwinkert. Zumindest habe ich mir das eingebildet. Ich habe es so geliebt, wenn du das gemacht hast.
Oder wenn du mich in die Seite gekniffen hast, auch wenn ich dann gekreischt habe. Ich denke, das wolltest du aber immer erreichen.
Manchmal liegst du nachts noch neben mir. Wenn es ganz besonders kalt ist, oder wenn mein Bett ganz besonders leer ist. Niemand durfte mehr neben mir schlafen. Niemand durfte das je, außer du. Du warst die Ausnahme. Mit allem. Genauso, wie ich deine Ausnahme gewesen bin. Um ehrlich zu sein, hätte ich es auch nie ausgehalten, dir nicht durch die Haare zu wuscheln. Sie sind so weich, auch wenn sie so kurz sind. Aber vielleicht hast du sie ja wachsen lassen. Ein bisschen wenigstens. Damit ich meine Hände richtig darin vergraben kann, wenn wir uns das nächste Mal sehen.
Und das wird nicht am Bahnhof sein. Und wir werden uns nicht mehr loslassen.
Dann werde ich dir alles erzählen, was passiert ist und nichts auslassen. Gar nichts. Nicht die Tränen, die ich vergossen habe und nicht die Träume, die ich hatte. Kein einziges Lächeln, wenn ich in Erinnerungen schwelgte und nicht die stumpfe Hoffung, wenn vor deiner Haustüre stand. Nicht die bitter-süßen Erinnerungen, wenn ich am Bahnhof vorbeifuhr und auch nicht die Einsamkeit, die in mir wohnt.
Du fehlst mir so sehr. So unglaublich sehr. Ich würde gerne sagen, du könntest dir gar nicht vorstellen, wie sehr, aber das weißt du ganz genau.
Komm wieder zurück,
In Liebe
Emily
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Briefe an dich
ContoBriefe an eine Person, die schon lange nicht mehr erreichbar ist. Um zu sagen, was noch gesagt werden muss.
