» Ich bin nicht gescheitert. Ich habe 10.000 Wege entdeckt,
die nicht funktioniert haben. «
-Thomas Alva Eddison-
Eine bedeutungsschwere Stille erfüllte das kleine Esszimmer. Wie ein Nebel schwebte sie über der Tischplatte, ließ Kartoffeln und Salat verschwinden und tauchte die gesamte Szenerie in ein dumpfes Licht.
Maeva blickte in die für einen Moment regungslosen Gesichter. Ihr drei Jahre jüngerer Bruder hielt die Gabel in der Luft und schaute sie zweifelnd an. Ihr Vater hatte diesen Ausdruck aufgelegt, welchen er normalerweise für etwas unaussprechlich Entsetzliches reserviert hatte. Am anderen Ende des Tisches saß Nanna und schaute zwischen den Familienmitgliedern hin und her, ehe sie die Augen zusammenkniff und ihren Mund leicht öffnete.
Es war sehr wahrscheinlich, dass die alte Frau von der ganzen Unterhaltung so gar nichts mitbekommen hatte. Wahlweise war ihr Hörgerät aus, in der Nachttischschublade oder von ihr absichtlich versteckt worden. »Euer Gejammer kann ich mir ja nicht ständig anhören,« erklärte sie gerne. Dabei kannte jeder die unbequeme Wahrheit, dass sie ihre Alterserscheinungen zu leugnen versuchte. Mit 82 Jahren war es dafür allerdings zu spät.
Abwartend schaute Mae über ihr Wasserglas hinweg in die Runde. War da ein Zucken im Mundwinkel ihres Bruders zu sehen gewesen? Noch ehe das Wasserglas die hölzerne Tischplatte berührt hatte, prusteten er und sein Vater lauthals los. Mit einer Verzögerung setzte auch Nanna in das Lachen ein und tat so, als wisse sie genau, weshalb hier jeder außer ihrer Enkelin Spaß hatte.
"Jetzt hast du völlig den Verstand verloren", kommentierte Lars und spießte mit der Gabel die Kartoffel auf. "Ich gebe dir maximal einen Monat, bis du merkst, dass das ein Fehler ist." Auffordernd sah er seinen Vater an, der gewöhnlich in solche Wetten einstieg. Dieser schüttelte aber nur den Kopf und seufzte schließlich.
"Mäuschen", setzte er an und kassierte für diesen Kosenamen einen finsteren Blick. "Was kommt denn als nächstes? Willst du aus einem Flugzeug springen? Eine Hilfsorganisation gründen? Denk doch mal ein bisschen weiter in die Zu-", Nanna unterbrach seinen Redefluss mit einem etwas zu lautem: "Ich brauche die Soße." Kommentarlos wurde diese über den halben Tisch gereicht.
"Ja, ich weiß." Maeva legte die Gabel beiseite und schaute selbstbewusst drein. Doch der unterschwellige Zorn konnte wohl einem Vater nicht entgehen. "Ich soll in die Zukunft sehen. Ich muss etwas langfristiger Planen und überhaupt, was bringe ich denn schon zu Ende."
"Eine gute Frage", ergänzte ihr Bruder. "Wann hast du das letzte Mal etwas zu Ende gebracht?"
Damit traf er den Nagel auf den Kopf, denn Maeva sprudelte nur so vor Ideen. Aber etwas zu träumen und etwas zu verwirklichen - das waren zwei ganz verschiedene Dinge. Irgendwie wirkte die 25 Jährige so, als hätte sie ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden. Dabei hatte sie so viel. Ihre individuelle Wohnung mitten in der Fußgängerzone in Cove Bay. Ihren Verlobten Alfie, den sie Ende des Jahres heiraten würde. Einen Job, ein klapperndes Auto und eine Familie, die sie liebte. Aber diese konnte mit Maevas größter Schwäche so gar nichts anfangen. Schon gar kein Verständnis zeigen, denn für das Verhalten der Ältesten gab es kein Verständnis.
Auf dem Lande in Schottland hatte jeder seine Rolle. Da gab es die Nachbarin, die argwöhnisch zwischen den Gardinen auf die Straße spähte und den alten Herren mit dem Stock, der um genau 7.40 Uhr an der Ampel stand und seinen Hund ausführte. Da übernahm man den Familienbetrieb. Jeder war irgendetwas. Ihr Vater war Schreiner und reparierte Dinge. Ihr Bruder arbeitete in einer Bank und jonglierte mit Zahlen. Ihre Oma war einmal Schneiderin gewesen, bevor ihre Finger ganz steif geworden waren. Und Maeva?
Nun Maeva rief niemand an, wenn er Hilfe brauchte. Sie konnte weder nähen, noch hatte sie ein gutes Zahlenverständnis. Alfie war froh, dass sie ihm nicht die Bohrmaschine anreichte, wenn er nach einem Hammer fragte. Im Grunde wusste niemand, was die Brünette eigentlich konnte.
"Es ist doch nicht so, als wolle ich meinen Job aufgeben!" Der Zorn ließ sich nicht mehr verbergen. Mae hörte selbst, dass ihre Stimme lauter geworden war. "Ich habe nur erzählt, dass ich mir überlegt habe in meiner Freizeit etwas zu schreiben. Ist das denn so entsetzlich?" Fragend blickte sie in die Runde und schob den Teller von sich weg. Der Appetit war ihr irgendwie vergangen. Plötzlich war ein tiefes Grunzen vom anderen Tischende zu hören. Entsetzt schaute Mae ihre Großmutter an, die sich die Faust vor den Mund hielt, um ein Lachen zu unterdrücken. "Du und schreiben", brach es schließlich aus ihr hervor. Der Kopf der alten Dame wippte fröhlich hin und her vor Lachen. Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel, um sich die Augen abzutupfen. "Was willst denn du schon schreiben?"
Um ehrlich zu sein, genauer damit befasst, hatte sie sich nicht. Aber der Gedanke an ihrem Schreibtisch zu sitzen, einen Tee zu trinken und etwas kreatives zu tun, hatte sie auf einmal gefesselt und nicht mehr losgelassen. "Ihr seid unmöglich!" Kratzend wurde der Stuhl über die Dielen geschoben. "Von euch beiden, habe ich nichts anderes erwartet." Ihr Finger deutete auf ihren Vater und ihren Bruder, welcher immernoch amüsiert dreinblickte. "Aber du hast mich immer in meinen Ideen unterstützt, Nanna. Was soll das jetzt?" Auffordernd blickte sie die alte Dame an, die immernoch das Taschentuch zwischen den Fingern hielt.
"Mae", sagte sie schließlich. "Dein Vater ist Schreiner und kein Maler. Das hat einen Grund. Deine Mutter ist verrückt und nicht mehr hier. Auch das hat einen Grund. Du bist eine wunderbare Enkelin, Tochter und Freundin." Gespannt wartete die ganze Familie auf eine Pointe dieser Aufzählung. Doch Nanna zerquetschte mit der Gabel die Kartoffeln in der Soße.
"Was sie wohl sagen will", bemerkte Lars und sah seine Schwester nun ernst an "ist wohl, dass wir uns nicht vorstellen können, dass du ein Buch planen und zu Ende schreiben kannst. Dir fällt es schwer Entscheidungen zu treffen oder eine Sache bis zum Schluss zu verfolgen. Das bist du und das ist auch in Ordnung. Du musst dich nicht zu etwas anderem machen, als du bist."
Mit einem einfachen "Aha" hatte Maeva ihre Familie zurück gelassen und dann einen Grund erfunden früher nach Hause zu gehen. Die Worte ihres Bruders waren verletzend gewesen, vermutlich weil sie wahr waren. Aber sie war nicht nur planlos und ohne Rast. Sie war nicht nur eine gute Freundin und Familienangehörige, jemand, der kein Talent hatte. Ich bin mehr als das, dachte sie.
Ich bin mehr!
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Ich bin mehr!
General Fiction» Maeva, komm schon! Wo ist dein Plan? « Fragend schaute Alfie seine Verlobte an. » Du weißt, dass ich keinen blöden Plan brauche. Der Weg ist das Ziel! « Diesen Spruch ließ die gelockte Brünette regelmäßig in Gespräche einfließen, in denen es darum...
