Die Bilder spielten sich vor meinem innerem Auge noch ungefähr 2345 Mal ab, bis ich endlich auf einem einsamen Stuhl unter Deck einschlief. Karen hatte mir ungefähr 4min gelassen, bevor sie verkündete,dass ich erstmal bei ihr wohnen würde.
Eigentlich konnte ich sie ja verstehen. Sie hatte wahrscheinlich in den letzten Stunden kaum geschlafen, nicht im Flugzeug, nicht im Auto, nicht auf der "Fähre", die kurzzeitig von verschiedenen Fischern organisiert wurde, um Angehörige auf die Insel, in den "sicheren" Bereich zu bringen.
Jetzt war ich fürs erste allein. Als eine neue Fähre ankam, hatte ich mich von Karen und ihrer Familie (und von Owen) losgelöst und hatte mir einen ruhigen Platz gesucht, um zu schlafen.
Ich hatte wohl nur eine halbe Stunde geschlafen, denn als ich von Karen durch ein nervöses rütteln geweckt wurde, fuhr das Boot immer noch.
"Claire, süße...", flüsterte sie. Ich sah sie nur verschwommen und ich wollte sie auch gar nicht sehen. Ich wollte einfach weiter schlafen.
"Claire, bitte, ein Sanitäter ist hier...er muss dich untersuchen!"
"Nein", nuschelte ich und drehte mich weg, so gut es ging. Das kalte Metall drückte sich in meine Haut. Fast hatte ich gehofft, sie würden wieder gehen, doch eine andere Stimme meldete sich zu Wort.
"Es ist wichtig, Masrani World hat angeordnet, dass niemand aufs Festland geht, bevor wir alle untersucht haben...es dauert nicht lang", sagte der Sanitäter. Ich kannte seine Stimme nicht.
"Ich wurde schon untersucht", zischte ich.
"Ihre letzte medizinische Untersuchung war vor zwei Monaten, sie wurden noch nicht untersucht. Aber gut dann untersuche ich sie nicht, und die Fähre darf nicht anlegen...wenn sie dafür auch noch verantwortlich sein wollen", antwortete er schulter zuckend.
Ich hörte Karen wütend Schnaupen. Und kurz überlegte ich, sollte ich meine letzten Schuh nach ihm werfen oder ihn gehen lassen.
"Na gut, wenn ich danach endlich weg kann", fauchte ich und richtete mich auf. Karens verspannter Gesichtsausdruck wurde etwas weicher.
Ich richtete mich auf und hielt dem Sanitäter zögernd mein Handgelenk hin. Er lächelte und suchte nach meinem Puls.
"Haben sie sonst noch Schmerzen?" fragte er, nachdem er die Kratzer und Schürfwunden größtenteils mit Pflastern überklebt und mir ein leichtes Schmerzmittel verabreicht hatte.
"Nein", antwortete ich knapp. Ich wollte nur wieder allein sein.
"Das ist gut. Auf wiedersehen...und viel Glück noch..."
Ich hatte das Gefühl, es täte ihm wirklich leid, doch seine Worte konnte ich einfach nicht vergessen. "...wenn sie dafür AUCH noch verantwortlich sein wollen..."
Es war nicht einmal 24h her und jeder wusste es schon...Ich tastete nach meinem Schuh, zog ihn langsam vom Fuß und warf ihn mit einem wütenden Kampfschrei hinter dem Sanitäter-Arschloch her.
Zum Glück war ich eine der wenigen, die sich in geschlossenen Räumen, nach dieser Katastrophe noch "wohl" fühlten. Denn so weckte ich mit meiner Attacke nur eine Person, die mich verwirrt anstarrte und dann wieder einschlief.
"Claire?! Was zum Teufel machst du???" schrie Karen euphorisch. Sie hob meinen Schuh wieder auf und drückte ihn mir in die Hand. Ich antwortete ihr nicht.
"Wo ist Owen...?" fragte ich nach 5min Stille. Sie schaute zu Boden.
"Er telefoniert. Kurz nachdem du gegangen bist hat er angefangen. Es muss wohl wichtig sein..."
"Oh...", stammelte ich. Plötzlich dachte ich darüber nach, ob Owen doch nicht so alleine war, wie ich dachte. Was wenn, es da jemanden gab, der ihn immer besuchte, jemanden, der der Grund dafür war, dass er sich so oft Urlaub in letzter Zeit genommen hatte.
"Ich kenne ihn zwar kaum, bis auf das missglückte Date, weiß ich auch nichts weiter von ihm...aber er sieht nicht so aus, als hätte er euch nur gerettet, um nicht an eurem Tod Schuld zu sein...Außerdem ist er ziemlich heiß...", seufzte sie.
Aber ich fand das gar nicht witzig.
"Das war ein Spaß", antwortete sie mit einem gezwungenen Lächeln, "Er hat Interesse, das spüre ich einfach!"
-
Als ich zögernd in das Flugzeug einstieg, hatte ich den Drang wieder zurück zu rennen. Karen hatte alles mögliche versucht, um noch weitere Plätze in dem Flieger zu bekommen, der die meisten Gäste aus den USA zurück brachte.
Owen war auch mitgekommen. Er meinte, er würde sich ein Zimmer in irgendeinem Hotel nehmen, bis alles geklärt war. Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte, aber ich hoffte, dass er nicht zu weit weg sein würde.
Ich war so lang nicht mehr zu Hause gewesen. Ich wusste nicht einmal mehr, welche Farbe unser, jetzt Karens Haus, hatte.
Sie hatte mir tausendmal erklärt, dass ich ihr wirklich keine Last wäre. Normalerweise hätte ich erwartet, dass sie mich auf ewig von ihren Kindern fern halten würde. Doch Gray war noch relativ gut gelaunt. Jedenfalls so gut gelaunt, dass er noch am Fenster sitzen wollte.
Der Flug dauerte knappe dreieinhalb Stunden. Zu viel Zeit zum nachdenken, zu wenig um zu schlafen.
Gegen 23 Uhr, kamen wir bei Karen an. Und da stand ich nun. In einer ganz anderen Welt. Einer Welt, die mir in den letzten Jahren so wenig bedeut hatte. Eine Welt, in die ich nicht passte aber in der ich jetzt besser aufgehoben war, als in Costa Rica.
Ich war zu Hause.
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Claire&Owen~ eine Geschichte für sich
FanfictionEs ist unglaublich, wie schnell ein Leben zu einem Scherbenhaufen werden kann. Wie schnell sich Lebewesen gegen ihre Schöpfer stellen. Wie schnell man neue Liebe findet und wie langsam man vergangenes vergisst...
