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Connecticut 1981, Herbst.

Es war Freitag und ich war froh, dass ich die Schule überlebt hatte.

Alexis, Kessy und ich waren auf dem Weg nach draußen. Die beiden waren meine besten Freunde.

Wir setzten uns auf eine Bank vor der Schule und beobachteten wie die Jüngeren von ihren Eltern abgeholt wurden.
„Wisst ihr noch, als wir noch so jung waren?", fragte Alexis und schaute den Kindern träumerisch hinterher.

„Das waren noch Zeiten. Keine Parties, keinen Alkohol, nichts.", antwortete Kessy schon fast traurig.

„Apropos Party, geht irgendwo was am Wochenende?", fragte ich.
Der Gedanke zu Hause bleiben zu müssen versetzte mich in sofortige Langeweile.
Die beiden Mädels zuckten mit den Schultern.

„Wir können uns ja so treffen und gucken was läuft. Kommt heute Abend einfach zu mir wenn ihr wollt. Meine Eltern sind nicht da.", kam es von Kessy, die nun ein schelmisches grinsen im Gesicht hatte.
Natürlich würde ich mir die Chance nicht entgehen lassen.

Zunächst musste ich jedoch gehen, denn meine Eltern waren zu Hause. Sie wollten, dass ich sofort nach der Schule nach Haus kam.
Ich verabschiedete mich und lief los.

Ich wohnte nicht weit entfernt von der Schule, doch wenn ich alleine lief, kam es mir vor als würde ich zu einer anderen Gegend laufen.
Als ich nach Hause lief beobachtete ich, wie die Blätter von den Bäumen fielen und dann den Boden rot, gelb und braun schmückten.

So sah es auch vor unserem Haus aus. Die Bäume waren teils noch nicht kahl und brachten etwas Farbe in das Alltagsgrau.

„Na endlich! Warum kommst du erst jetzt? Zieh dir was ordentliches an, kämm dir die Haare und komm dann runter!"
So wurde ich von meiner Mutter begrüßt. Sie war total in Hektik und putzte alles, backte Kuchen und rannte wild im Haus herum.

„Bekommen wir Besuch?", fragte ich meine Eltern.

„Ja. Es ist eine neue Familie hergezogen und wir haben sie eingeladen.", antwortete meine Mutter. Mein Vater saß nur am Tisch und las seine Zeitung.

Ich ging hinauf in mein Zimmer um mich umzuziehen.

Das alles war typisch für meine Eltern. Nur einschleimen wollten sie sich. Vermutlich wieder prahlen, was sie da für eine tolle Tochter hatten.
Zu etwas anderem war ich nicht da.
Zu meinem Vater hatte ich sowieso kein gutes Verhältnis und auch zu meiner Mutter war ich lieber distanziert. Sie waren die typischen Klischee-Eltern. Von außen schien es, als wären wir eine tolle Familie, doch beim genauen hingucken erkannte man die bröckelnde Fassade.
Nichts an dieser Familie war toll.
Meine Eltern legten Wert darauf, dass ich gute Noten schrieb, guten Eindruck machte und, dass ich immer schön vornehm war. Das dachten sie auch von mir...

Ich zog mich also um.
Nach endlosen Gewühl in meinem Kleiderschrank fand ich endlich etwas passendes. Eine hellgrüne Bluse und einem schwarzen knielangen Rock.
Ein Blick in den Spiegel zeigte mir das, was ich nie sein wollte.

Als ich mir die Haare gekämmt hatte, klingelte es auch schon an der Tür.
Ich hörte Stimmen und ging schnell herunter.

Zu erst sah ich nur ein Ehepaar, doch dann trat ein Junge zum Vorschein.
Er war groß und Schlank. Seine dunkelbraunen, fast schwarzen, Haare hatte er etwas nach hinten gegelt.
Er hatte ein schönes, ebenes Gesicht, schaute aber ziemlich gelangweilt drein.

„Hallo, ich bin Jolene.", sagte ich übertrieben freundlich und streckte der Frau meine Hand hin. Sie lächelte und zeigte somit ihre viel zu großen Zähne, „Freut mich, ich bin Barbara Depp und das ist mein Mann Jeff", sie zeigte auf den großen Mann mit den dunkelblonden Haaren, „und das", sie zeigte auf den Jungen, „ist unser Sohn, Johnny."
Auch ihm hielt ich die Hand hin und sagte ihm meinen Namen.
Von ihm kam nur ein "Hi."
Arroganter Arsch, dachte ich nur.

Kurz darauf bat meine Mutter uns schon in die Küche, wo schon der Kuchen und der Kaffee bereitstand. Wir setzten uns. Dabei wurde genau darauf geachtet, dass sich Mr. und Mrs. Depp gegenüber saßen und Johnny mir gegenüber saß.

Meine Eltern begannen auch sofort, ganz unverfroren, die anderen auszufragen und alles über die Nachbarschaft zu erzählen.
Die eine Nachbarin hatte scheinbar eine psychische Störung, weil sie mit ihren Pflanzen redete. Der andere hätte eine Affäre weil er jeden Abend frisch und sauber das Haus verließ und erst tief in der Nacht wieder Heim kam.

Traurig, dass meine Eltern nichts besseres zu tun hatten, als über jeden und alles herzuziehen.
Manchmal fragte ich mich, was die anderen von uns dachten.
Das vornehme, geizige und total spießige Ehepaar mit der noch spießigeren Tochter, die immer gute Noten schrieb und das macht, was man von ihr verlangt.

Ich dachte noch eine Weile darüber nach und musste ab und zu über den einen oder anderen Gedanken schmunzeln, bis ich die bösen Blicke meiner Eltern und die neugierigen der neuen Nachbarn bemerkte.

„Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Was gibt es?", fragte ich übertrieben freundlich. Barbara lächelte mich freundlich und warm an, was mir auf eine Art und Weise gefiel. Es sah ehrlich aus, nicht so gespielt wie bei meiner Mutter.

„Ich habe gefragt auf welche du Schule du gehst.", fragte Barbara mich.

„Auf die Connecticut-East Highschool, Mrs. Depp.", sagte ich.

„Oh wie schön, dann gehst du ja mit Johnny zusammen auf die Schule. Zum Glück, dann kennt er wenigstens jemanden und Du kannst ihm alles zeigen. Natürlich nur wenn Du nichts dagegen hast.", redete Barbara auf mich ein.
Ich musste etwas schmunzeln über ihren Redeschwall, es war niedlich wie sie sich freute, es war eine ehrliche Art, das mochte ich.

„Äh, ja natürlich, das kann ich machen.", antworte ich ihr immernoch mit einem Lächeln im Gesicht.

Mein Blick schweifte von Barbara zu Johnny, der mich nicht gerade begeistert anschaute.

Eine weitere Stunde verging bis ich unsere Eltern endlich voneinander verabschiedeten. In dieser einen Stunde habe ich so viel erfahren. Meine Eltern und die Depp's kannten sich früher schon, mein Dad und Jeff spielten gemeinsam Football und Mom und Barbara waren zusammen in einer Klasse.
Früher waren sie so rebellisch. Sie schwänzten Schule, gingen auf etliche Parties und so weiter.
Ich fragte mich, warum ich das nicht durfte. Ich wurde behandelt wie ein rohes Ei.

Als ich alle drei verabschiedet hatte, half ich meiner Mom noch beim Abwasch.

„Mom?", begann ich es vorsichtig.

„Ja Jolene? Was gibt's denn?", antwortete sie.

„Darf ich bei Kessy übernachten? Sie hat Schwierigkeiten in Mathe und ich gebe ihr Nachhilfe. Da es ja jetzt schon spät ist und ihr nicht wollt, dass ich Spät Abends noch draußen bin, dachte ich, ich kann bei ihr übernachten?", ich setzte meinen Hundeblick auf und lächelte Mom zuckersüß an.
Ich erntete allerdings einen strengen Blick ihrerseits, was meine Laune etwas sinken ließ.

„Ihr lernt wirklich?", fragte sie streng.

„Ja, wir lernen wirklich. Versprochen. Hoch und heilig.", sagte ich genauso ernst, damit sie merkte, dass ich es auch so meinte.
Sie wartete einige Minuten, starrte auf das saubere Geschirr in ihrer Hand.

„Naja okay, aber du bist morgen pünktlich zum Mittagessen wieder hier. Die Depp's haben uns eingeladen."

„Ja Mom. Versprochen.", antwortete ich.

Mich nervte es etwas. Mussten wir jetzt etwa jeden Tag mit ihnen essen? Wie öde war das denn?

Ich ging schnell in mein Zimmer rauf und packte meine Sachen, bevor Dad alles mitbekam und seine Hand mal wieder ausrutschte. Meinen spießigen Fummel ließ ich vorerst an, ich konnte mich bei Kessy immernoch umziehen. Wer wusste, was wir dann machten.

Alles fertig gepackt, ging ich runter in den Flur, zog mir Schuhe und Jacke an und verabschiedete meine Eltern.
Kessy wohnte etwa eine Stunde zu Fuß entfernt, ich bevorzugte das Fahrrad. Ich war so schneller und konnte meine überschüssige Energie viel besser rauslassen.

The taste of the other side Stories to obsess over. Discover now