Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne färbten sich feuerrot als Himmel und Erde am Horizont in einem Schauspiel aus orangenen und goldenen Lichtstrahlen miteinander verschmolzen. Der Schein der Abendröte fiel in das oberste, nach Westen ausgerichtete Fenster des siebten und höchsten Turmes der Sturmfeste und ließ das rotblonde Haar des Mannes, welcher sich mit den Unterarmen auf die luftige Balustrade aufgestützt hatte, in einem strahlenden Fuchsrot aufleuchten.
König Haldir aus dem Geschlecht der Ilsuren, Dritter seines Namens, Herrscher über die vereinigten Königreiche von Damír, Kerald und Aerin und Protektor der Westlande, betrachtete das letzte Aufbegehren des sterbenden Tages mit einem verbissenen Lächeln auf den schmalen Lippen. Aufmerksam ließ er seinen Blick über die steinernen Mauern und Dächer der Feste schweifen, die im Abendlicht stolz strahlten und glänzten. Auch die anderen sechs Türme, die jeweils aus einer Zacke des sternförmigen Gebäudes emporwuchsen, wie dünne weiße Nadeln, erleuchteten ein letztes Mal in einem hellen Perlweiß und warfen lange Schatten in die großen Innenhöfe und auf die Befestigungsanlagen der geräumigen Burg. Um den Sitz des Herrschers zogen sich drei große und steinerne Mauern in die Höhe, eine gewaltiger als die andere und schützten so die Sturmfeste vor etwaigen Angriffen oder anderen Unannehmlichkeiten.
In der äußersten und gleichzeitig niedrigsten der drei Mauern, war ein großes, breites Tor aus schwerem Stein mit Flügeln aus dickem Stahl und Eisengittern eingelassen, vor welchem sich tagsüber ganze Scharen von Bittstellern, Gesandten und zuweilen recht kriecherischen Botschaftern einfanden, um nach einer Audienz oder einem Urteilsspruch des Königs zu ersuchen. Nicht selten reichte die Schlange der Wartenden über die geschlängelte Straße des Passatberges bis ganz nach unten zu den schmiedeeisernen Toren der Stadt Hornstedt, die sich unterhalb der Feste, am Fuße des Passatberges, schmutzig und lärmend ergoss. Der König dachte mit einem Schaudern an das schrille Geschrei der Händler auf den unübersichtlichen und lauten Marktplätzen, den stinkenden Unrat auf den engen, gewundenen Straßen und die schmuddeligen Herbergen und Bordelle Hornstedts zurück. Was er jedoch am meisten verabscheute, waren die heruntergekommenen Lagerhäuser und ärmlichen Fischerhütten, die sich am Ufer des sturmgepeitschten Sees aufreiten, wie giftige Pilze auf einem faulen Baumstumpf. Drei Tage hatte es nach dem letzten Besuch des Königs gedauert, bis er den widerwärtigen Fischgeruch wieder aus der Nase bekommen hatte, geschweige denn aus seinen Gewändern. Letztendlich hatte er sie verbrennen lassen, weil er den Gedanken nicht hatte ertragen können, dass der Pfuhl der Stadt ihnen immer noch anhaftete.
Doch in den luftigen Höhen des königlichen Turmes, war von all dem Dreck, Gestank und Lärm der Stadt nichts zu hören oder zu riechen. Das einzige Geräusch dort oben war der Wind, der dem König kalt um die Ohren pfiff und mit luftigen Fingern an seinem schweren, goldenen Umhang zerrte. Oben, auf den Gipfelspitzen der windigen Berge, wehte immer ein kräftiger Wind, der zu aller Zeit mehr einem ausgewachsenen Sturm zu ähneln schien, denn einer Brise. Nicht immer hatte das Königsgeschlecht hier gelebt, erinnerte sich König Haldir, aber das war vor langer Zeit gewesen. Länger als er und seine Vorväter, die selbstverständlich vor ihm über Damír geherrscht hatten, zurückdenken konnten. Doch keiner von ihnen hatte das vollbracht, was König Haldir geleistet hatte. Keiner hatte sich die Königreiche unterworfen, nahezu einverleibt hatte er sie sich. Einverleibt mit einem einzigen strategischen Streich seiner Streitkräfte und seinem scharfen Verstand. Hier oben allerdings, fühlte er sich manchmal klein, unvorstellbar unbedeutend und das missfiel ihm. Die Berge, sowie auch die Feste bargen etwas in sich, das spürte er. Eine Art verborgene Kraft oder ein längst vergessenes Geheimnis.
Der König betrachtete die schroffen, grauen Felswände des Passatberges, welche die Sturmfeste wie ein schützendes Nest umgaben, als könne er dort eine Antwort auf seine unbewusste Frage finden. Doch der Berg ließ sich nicht zu einer Antwort herab und schwieg. Lediglich der Wind säuselte und wisperte Versprechungen in einer Sprache, die Menschen nicht verstanden und hätte König Haldir Ilsuren in diesem Moment den Sinn seiner Worte begriffen, so hätte er gewiss andere Entscheidungen getroffen, denn die luftigen Worte des Windes kündeten von dem nahenden Schicksal, das ihn und sein Reich in nicht allzu ferner Zukunft ereilen würde. Doch der König lauschte und verstand nicht.
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Sommerkind
FantasyEin seltsames Trio geben sie ab, der zynische Wanderer Haroc, die durchtriebene Diebin Lyra und der gewitzte Zwerg Dredd. Noch wunderlicher sind allerdings die verworrenen Pfade des Schicksals, die diese drei zusammengeführt haben. Ein Abenteuer jag...
