1 - Afterlife?

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Finsternis.

Linda schlug erst in der Nacht wieder ihre Augen auf. Es brauchte eine ganze Weile, bis sie sich geordnet hatte und ihr Blick durch das Zimmer ging. Kaum hatte sie das getan, machte sich Unruhe in ihr breit. Durch das bisschen Licht, das hereinfiel, erkannte sie, dass das Schlafzimmer schick, aber nur sporadisch eingerichtet war. Dunkle Möbel und weiße, unpersönliche Wände. An einer der Wände hing ein riesiger Spiegel. Nichts wirklich auffälliges, aber eine Gewissheit erfasste sie: Das hier war nicht ihr Zimmer. 

Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie sich das Haar aus dem Gesicht strich und ihr war übel. Gleichzeitig schien alles so surreal. Es fühlte sich nicht danach an aus einem Traum zu erwachen, sondern eher danach gleich in einen weiteren einzutauchen. Die letzten Monate waren nicht leicht für sie gewesen und wahrscheinlich hatte sie deswegen gestern mehr Alkohol getrunken als gut für sie gewesen war.

Ihre Verwirrtheit steigerte sich, als sie spürte, dass jemand hinter ihr lag. Sie war nicht alleine. Da war eine andere Person hinter ihr. Diese Person hatte sich an sie geschmiegt und Linda konnte sie ganz deutlich an ihrem Rücken und ihrem Hinterteil spüren. Sie hielt nur einen Augenblick inne, ehe sie sich vorsichtig umdrehte und einen Fremden hinter sich erkannte. Sein Haar war dunkel, seine Züge markant und seine Lippen zierte ein Lächeln, das sie nicht richtig deuten konnte. Er starrte sie an und sie starrte zurück. 

Doch, halt. 

So fremd war er nicht. Es dauerte noch ein paar weitere Sekunden, dann hatte ihr Hirn den Eindruck endlich verarbeitet und sie erinnerte sich. Simen, so hieß er. Was für ein komischer Name. Er war jedenfalls nicht von hier. Aber anstatt über den Namen weiter zu philosophieren, setzte sie sich etwas wackelig auf. Dabei hielt sie sich aber am Bett fest. Ja, es war gestern zu viel Alkohol gewesen. Das passierte eben, wenn man versuchte unangenehme Dinge zu verdrängen.

"So eine Scheiße", fluchte sie leise. Sie war eigentlich niemand, der einfach so mit einem Fremden ins Bett stieg. Der Andere musterte sie und stand mit einem Mal komplett vor ihr, weswegen sie blinzelte. Träumte sie das gerade alles, oder hatte er sich in Lichtgeschwindigkeit auf sie zubewegt? 

Vielleicht kam es ihr aber nur schneller vor, weil sie noch einen Kater hatte. Sie blinzelte erneut, ehe sie dann sagte: „Also, du brauchst mir kein Frühstück zu machen. Ich... verschwinde dann gleich mal." Umso schneller hier weg, desto besser. 

Das schien nur der junge, zugegebenermaßen gut aussehende, Mann nicht so zu sehen, denn er baute sich vor ihr auf. Es fühlte sich alles noch immer unecht an, weswegen sich Linda wieder über das Gesicht fuhr. Dabei fiel ihr eines auf: Sie war eiskalt.

Der fremde Simen betrachtete die Frau vor sich und leckte sich kurz über die Lippen. Er schien ein Grinsen zu unterdrücken, was Linda störte, weil sie die Situation überhaupt nicht witzig fand. „Du verschwindest höchstens ins Badezimmer, meine Liebe. Aber sicher nicht aus dieser Wohnung", erwiderte Simen in einem Ton, der zeigte, dass er keine Wiederrede dulden wollte. Was der Kerl da sagte, war verdammt absurd. Wieso sollte sie denn bitteschön länger hierbleiben als nötig? 

Sie blinzelte erneut und strich sich durch das helle Haar. Es widerstrebte ihr, dass dieser Kerl sie 'meine Liebe' nannte. Deswegen warf sie ihm einen ernsten Blick zu. „Tut mir leid, aber meine Mutter hat in zwei Tagen Geburtstag. Ich muss ... noch dringend ein Geschenk besorgen und kann nicht länger bleiben. Vielleicht habe ich das schon gestern erzählt. Ich weiß nicht mehr genau", erklärte Linda etwas zerstreut. Das war eigentlich eine gute Frage. Wie viel hatte sie dem Fremden von sich erzählt? Im betrunkenen Zustand war es sicher eine Menge gewesen, was Linda etwas peinlich war. 

„Oh, was das mit deiner Mutter angeht... Ich halte das für keine gute Idee", erwiderte der Andere und schüttelte noch einmal bestätigend den Kopf. „Sieh dich doch mal im Spiegel an, vielleicht erinnerst du dich dann an alles. Aber keine Sorge..." Er beugte sich ein wenig vor und schaute ihr nun direkt in die Augen. „Bei all dem, was wir gestern gemeinsam erlebt haben, verstehe ich aber, dass dir etwas abhanden gekommen ist. Es war wohl zu viel für dich und deinen menschlichen Verstand." Er verschränkte die Arme vor dem nackten Oberkörper und deutete mit dem Kopf zu dem großen Spiegel. „Zu schade, dass der gestrige Abend so schnell ein Ende gefunden hat." Seine Stimme war ein leises Raunen, aber es lag kein echtes Bedauern in seinen Augen, als er diesen Satz aussprach.

Nun wanderte ihr Blick ebenfalls in Richtung Spiegel. Durch das bisschen Licht, das hereinfiel, konnte sie sich zumindest darin erkennen. Was sie in dem Spiegel aber sah, ließ sie für einen Augenblick zurückzucken. Ihr Gesicht war leichenblasse und ihr weißes Top vollkommen blutbefleckt. Es sah aus, als hätte sie ein Massaker veranstaltet und ganz allmählich kehrten ein paar Bilder zurück. Der Kerl wie er sich festgehalten hatte und... Linda stockte. 

Sie träumte noch. Ganz sicher, denn eine andere Erklärung gab es nicht. Sie zögerte nur einen kurzen Augenblick und entschied sich dann sich selbst eine Ohrfeige zu geben. Kaum hatte sie das getan, wartete sie ab, was passieren würde. Ihre Hand brannte leicht in ihrem Gesicht und hinterließ ein Kribbeln. Kein gutes Zeichen. „Okay, tief durchatmen, Linda", murmelte sie und betrachtete weiter ihr Spiegelbild. „Das geht alles vorbei. Es ist nur einer deiner Alpträume, die du hast, wenn du gestresst bist. Das ist... ganz normal. Du musst einfach nur... aufwachen." Sie kniff sich noch einmal selbst in den Arm und spürte den Schmerz. Verdammt, was war hier los? Irritiert und schockiert zugleich ging ihr Blick wieder zu dem Fremden.

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